Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer: Intelligente Softwarelösungen – 25 Jahre Geschäftsprozessmanagement

Auch wenn das heute kaum einem mehr bewusst ist – schon bei der Grün­­dung von IDS Scheer in Saar­­brück­­­­en im Jahr 1984 stand der Ge­­schäfts­­pro­­zessgedanke im Mittelpunkt der Un­­ter­­nehmensleistungen. Ich hatte das erste deutschsprachige Buch zum CIM-Or­­ga­­nisationskonzept (CIM = Computer In­te­­grated Manufacturing) geschrieben und IDS Scheer war – obwohl damals ein kleines saarländisches Start-up-Unter­­neh­­men mit wenigen Mitarbeitern – von großen In­­dustrieunternehmen wie Bosch oder Daimler bereits als konzeptioneller Be­­rater gefragt.

CIM war nichts anderes als ein erstes Geschäftsprozesskonzept, das die ge­­samte Logistik umfasste. Auch die tech­­nische Beschreibung geometrischer Pro­­dukteigenschaften und deren Nutzung zur Generierung der Steuer­­ungs­­pro­­gram­­me für Maschinen wurden als zusammen­gehörender Prozess erkannt. Diese zwei wesentlichen Geschäftsprozesse waren von mir in dem Y-CIM-Modell erfasst worden, das auch – grafisch vereinfacht – zum Logo der IDS Scheer gewählt wurde. Des­­halb bezeichnet bereits das Y-Logo den Prozessgedanken, der auch heute noch das Alleinstellungsmerkmal der Soft­­ware und Beratungsleistungen von IDS Scheer darstellt.

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ARIS-Haus und Lifecycle-Konzept
Parallel zum Aufbau meines damals kleinen Unternehmens habe ich mich in mei­­nen Forschungsarbeiten mit Methoden zur betriebswirtschaftlichen, also be­­nut­­zer­­­­orientierten Beschreibung von Infor­­ma­­tionssystemen beschäftigt.
Dabei zeigte es sich, dass die Be­­schrei­­bung der Unternehmensdaten zwar sehr wichtig, aber nicht ausreichend ist, um einen Geschäftsprozess selbst zu definieren. Es fehlten unter anderem die An­­ga­­ben der Funktionen und ihrer Zu­­sam­­men­­­­hänge. Ich brauchte ein Konzept, das die For­­der­­ung nach Einfachheit für den Be­­nutzer und gleichzeitiger methodischer Stringenz zur Übertragung der Pro­­zess­­inhalte in die informationstechnischen Un­­ter­­stützungs­­systeme erfüllen konnte. Mit dem ARIS-Konzept, insbesondere dem grafischen ARIS-Haus-Modell, habe ich dann wirklich ein einfaches Rahmen­­kon­­zept zur Defi­­ni­­ti­­on von Geschäfts­­pro­­zes­­sen gefunden und gleichzeitig mit einem Lifecycle-Konzept den Weg von der Unter­­nehmensstrategie zur informationstech­­ni­­schen Implemen­­tie­­r­­ung der Geschäfts­­prozesse aufzeigen können. Bereits 1991 trat die ARIS-Methode ihren Siegeszug um den Globus an.

An meinem Institut für Wirt­­schafts­­in­­for­­matik an der Universität des Saarlandes als Prototyp erdacht, haben wir dann bei IDS Scheer ein Softwareprodukt zur IT-Unterstützung der Beschreibung, Mo­­dellierung und Optimierung von Ge­­schäfts­­prozessen nach dem ARIS-Modell entwickelt. Innerhalb von wenigen Mo­­na­­ten wurde ein komplett neues Soft­­ware­­system entwickelt, das heute in vielen Weiter­­ent­­wick­­lungen vorliegt.
In­­zwi­­sch­­en setzen weltweit über 7.500 Kunden das ARIS-System ein. Darüber hinaus ar­­beiten wir eng mit Tech­­no­­lo­­gie­­­­part­­nern, insbesondere SAP und Be­­­­­­ra­­tungs­­häusern wie Accenture oder Cap­­ge­­mini zusammen, so dass sich ARIS als welt­­weiter Standard zur Optimierung von Geschäftsprozessen immer mehr durch­­setzt.

Systemunabhängigkeit der Prozess­ebene
Nicht zuletzt durch die bestehende Zu­­sammenarbeit mit SAP wurde die Ver­­bin­­dung der konzeptionellen Modelle mit der Implementierungsebene immer dring­­licher. Diese unterdessen bestehende bruch­­­­lose Verbindung ist heute zu einem erfolgreichen und zukunftsträchtigen Kon­­zept herangewachsen.

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Geschäftsprozessmanagement, von der Strategieentwicklung bis zur Kontrolle der laufenden Geschäftsprozesse, ist selbst ein Geschäftsprozess. Dieser Prozess des Geschäftsprozessmanagements muss un­­abhängig von der eingesetzten An­­wen­­dungs­­software der operativen Ge­­schäfts­­prozesse sein. Der Gedanke, oberhalb der Anwendungssysteme zunächst die Ge­­schäftsprozessstrategie zu entwickeln und anschließend detailliert fachlich zu beschreiben, um erst dann in unterschiedliche Anwendungssysteme zu ver­­zweigen, bot IDS Scheer die Möglichkeit, sich eigenständig zu positionieren.
Neue ARIS-Komponenten entstanden. In­­s­­besondere die Komponente PPM (PPM = Process Performance Manager) zur Kontrolle und Analyse der laufenden Geschäftsprozesse ist ein Kernstück der Weiterentwicklung. Heute wird der Pro­­zess des Geschäfts­­prozess­­manage­­ments komplett von der ARIS-Suite unterstützt und ist sowohl bei Beratungsprojekten zur Einführung des Ge­­schäfts­­prozess­­manage­ments in Unternehmen als auch für die ARIS-Software der treibende Ge­­danke.

In den letzten Jahren ist ein neuer Pro­­zesstyp hinzugekommen, der sich direkt an die Unternehmensleitung wendet, weil er sich auf das Unter­­neh­­men als Ganzes bezieht: der Prozesstyp GRC (Gover­­nance Risk & Compliance). Mit dem Ri­­siko­­manage­­ment werden die Risiken in Pro­­zessen identifiziert und Lösungs­­mög­­lich­­keiten, zum Beispiel durch De­­finition alternativer Prozessschritte bei Ausfall einer zunächst vorgesehenen Funk­­tion, in die Modellierung des Ge­­schäfts­­prozesses aufgenommen. Die Not­­wendigkeit der Transparenz von Ge­­schäfts­­prozessen für das Management ist gerade bei der Bankenkrise deutlich geworden.

Ein wesentlicher Grund der Krise war schließlich die fehlende Trans­­parenz von Risiko und Abläufen, insbesondere bei Investmentbanken.

Blick in die Zukunft
Die Grundgedanken, die von Anfang an die Entwicklung des ARIS-Konzeptes be­­stimmt haben, leiten uns weiterhin, näm­­lich die Ge­­nerierung und Anpassung von In­­for­­ma­­tionssystemen aus dem be­­triebs­wirt­schaft­­lichen Organi­­sations­­ge­­­­danken heraus zu un­­terstützen, heute als „Model Driven Soft­­ware Development“ bekannt. Gleichzeitig verbessern wir ständig die Benutzer­freund­­lichkeit unserer Systeme, die durch die For­­­­derung „models to the people“ ausgedrückt wird.

Ich bin davon überzeugt, dass nach 25 Jahre Entwicklungsgeschichte von Busi­­ness Process Management mit ARIS der große Erfolg des Konzeptes weitergeht. Um diesen Erfolg in der auf Konsoli­­die­­r­­ungskurs befindlichen IT-Branche auch langfristig sicherzustellen, habe ich mich entschlossen, meine IDS Scheer-Betei­­li­­gung an die Software AG zu verkaufen. Damit schließen sich in Deutschland die Nummer zwei und Nummer drei der Bran­­che zu einem neuen starken Unter­­neh­­men zusammen. Ergänzt durch unsere weitreichenden strategischen Partner­­schaf­­ten mit großen internationalen IT-Unter­­neh­­men ist so eine gesicherte Plattform ge­­schaf­­­­fen, um das ARIS-Kon­zept auch langfristig weiter in die Welt zu tragen.

_MG_1384_2Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer wurde 1941 im westfälischen Lübbecke geboren. Er ist Gründer der IDS Scheer AG und Emeritus an der Universität des Saar­­lan­­­des, an der er als Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik ge­­wirkt und gelehrt hat. Prof. Dr. Scheer ist neben weiteren Ämtern Beauftragter des saarländi­schen Ministerpräsi­den­ten für Innova­tion, Technologie und For­­schung.