Prof. Bernd Kracke – 80 Prozent schaffen es: Existenzgründung in der Kultur- und Kreativwirtschaft

Von allen Wachstumsbranchen dürfte unsere Kultur- und Kreativwirtschaft die wohl vielseitigste, in sich verflochtendste und vibrierendste sein. 120.000 Neu­­grün­­dungen gab es in Deutschland 2010. Be­­sonders erfreulich: 80 Prozent können sich bereits nach drei Jahren im Markt eta­blie­ren, sagt die KfW-Bankengruppe. In Hessen hat sich die Szene zu einem der großen Steuerzahler gemausert. Mit mehr Beschäftigten als in jeder anderen Bra­­n­­che. Aufs Ganze gesehen also ein ernst­­zu­­nehmender Wirtschaftsfaktor.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft fungiert gewissermaßen als Brückenbranche zwischen der emotionsbereinigten Ar­beits­welt auf der einen Seite – und einem schönen, sinnerfüllten Leben auf der anderen Seite. Stichwort: Work-Life-Balance. Gerne auch mit Stil. Wenn Sie dabei jetzt an handgefertigte Schuhe denken, einver­­standen. Aber vergessen Sie Aldi, C&A und Ikea nicht. Der eigene Stil macht den Unterschied.

Mit den Stilmitteln der Kunst verwandeln sich abstrakte Wertvorstellungen in kon­­­krete Erlebnisse. Auf diese Weise unter­­stützen Kreative den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Innovations­pro­zess und bringen ihn voran. Stil ist deshalb die zentrale Kunstfertigkeit, die von Gründern erwartet wird. Dabei ist Stil nicht nur Life­­style, sondern Stadtgestaltung, Medien­­gestaltung, Unternehmensgestaltung, Pro­­duktgestaltung. Stil ist die Haltung, die das Verhalten steuert, und die schnells­te Art der Kommunikation. Vor allem aber ermöglicht Stil eine sehr dezidierte Dif­­ferenzierung: „Das bin ich! Das bin ich nicht!“


bild4
Klare Differenzierungen wiederum sind Überlebensstrategien. Sie funktionieren jedoch nur, wenn sie auch wahrgenommen werden. Jeder Wettbewerb ist des­­halb zuerst ein Wettbewerb der Wahr­nehm­ung. Allerdings sind dem Wahr­neh­mungsvermögen des erhofften Pub­li­kums enge Grenzen gesetzt. Ohne Kreativität, ohne neue Stilmittel gibt es da kein Durch­­kommen.

bild3

Dadurch – und nicht zuletzt aufgrund der neuen Medien – entsteht ein vielsei­tiger Permanentbedarf. Die Folge: Es gibt einiges zu tun. Hier liegen Charme und Chance der Branche als Ganzes, aber auch für jeden Einzelnen, der sich selbst­ständig macht. Dabei fängt die Selbst­s­tändigkeit schon lange vorher an.

Bereits die Ausbildung zielt darauf ab, den eigenen Stil zu finden und zu kulti­vieren. Lessing sagt zwar: „Wer nur einen Stil hat, hat keinen Stil.“ Aber mit einem muss man schließlich anfangen und der offenbart sich am ehesten in den frühen Arbeiten, die das notwendige Talent er­­kennen lassen. Zur Selbstständigkeit ge­­hört deshalb auch eine gewisse Eigen­­stän­­digkeit, ja Eigenwilligkeit, Unver­wech­­sel­­barkeit. Und mehr als das. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirt­schafts­forschung (DIW) besagt: „Künstler sind mit ihrer Arbeit glücklicher als alle an­­deren.“ Der Grund: Sie blühen auf in ihrer Arbeit.

Doch auch dieses Glück muss natürlich mit schöner Regelmäßigkeit Mitar­bei­ter, Miete und Rechnungen bezahlen. Ohne finanzielle Eigenständigkeit keine Selbst­­ständigkeit. Also sollten kreatives Denken und Unternehmergeist verschmelzen. In der Praxis gibt es denn auch sehr häufig Partner, die gemeinsam gründen. Der eine kümmert sich um das kreative Pro­dukt, der andere um das Manage­ment.

Die Designer Sandra Tan und Johannes Schiebe von „Studio Taschide“ sind Absolventen der HfG Offenbach, www.taschide.com.

Die Designer Sandra Tan und Johannes Schiebe von „Studio Taschide“
sind Absolventen der HfG Offenbach, www.taschide.com.

Kunst und BWL: Kann das gut gehen? Der Kunsthändler und Unternehmens­berater Helge Achenbach hat beobachtet: „Er­­fin­­­dergeist, Offenheit, konsequentes Handeln sind Eigenschaften, die Unternehmer mit Künstlern teilen.“ Das DIW und das Ins­­titut zur Zukunft der Arbeit (IZA) ergänzen Achenbachs Beobachtung. Sie haben untersucht, welche allgemeinen Cha­­rak­­tereigenschaften Unternehmer mitbrin­­gen sollten. Ergebnis: emotionale Stabilität, sich also zum Beispiel durch Rück­­schlä­ge nicht aus der Ruhe bringen lassen; Be­­geisterungsfähigkeit, Kontaktfreude und die schon angesprochene Offenheit für neue Erfahrungen. Je stärker diese Ei­­gen­schaften ausgeprägt sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit für einen unternehmerischen Erfolg.

Individuelles Produktdesign ist das Marken­­zeichen der Absolventen  Thilo Schwer, Jens Pohlmann und Sybille Fleckenstein (von links) vom Designstudio „speziell“, www.speziell.net.

Individuelles Produktdesign ist das Marken­­zeichen der Absolventen
Thilo Schwer, Jens Pohlmann und Sybille Fleckenstein (von links) vom Designstudio „speziell“, www.speziell.net.

Die HfG Offenbach zum Beispiel gehört zu den Kunsthochschulen, die mit ihren Studierenden gezielt auf eine Existenz in der freien Marktwirtschaft hinarbeiten. Zuständig ist ein eigenes Büro für Wis­senstransfer, das unter anderem Vor­trags­reihen zu Themen rund um die Existenz­gründung initiiert und Studierenden und Absolventen ein breitgefächertes Bera­­tungsangebot bietet.

Einen vielbeachteten Beitrag lieferte unter anderen Sophia Muckle, Pro­duktge­stal­terin und Absolventin der HfG. Sie schrieb die Arbeit „Par­­­cours – Exis­tenz­­grün­dung für De­­signer.“ Eine strukturierte Vor­ge­­hens­­­weise, die zuerst als PDF veröffen­t­­­licht wurde. Die Nach­fra­ge war rasant. Viele nutzten die Arbeit im Unterricht. 2006 er­­schien sie als Buch im renommierten Verlag Her­mann Schmidt Mainz, aktuell in der dritten Auflage.

Jeder, der den Schritt in die Selb­ststän­dig­keit wagt, betritt Neuland. Aber es gibt Navigationshelfer. Hierzu zählen die auf­­­schlussreichen Begegnungen zwischen Studierenden und erfahrenen Grün­dern, die sich als Mentoren engagieren. Und dadurch ganz nebenbei eine neue Grün­­derkultur in Hessen begründen.

Beispiel: Die HfG-Veranstaltungsreihe „Wege in die Selbstständigkeit – Unter­neh­mer stellen sich vor“. Zu den gestandenen Unternehmern gehören Gregor Ade, HfG-­Absolvent, heute Managing-Partner der Peter Schmidt Group, Frankfurt.

bild11

In der Werkstatt für Freie Druckgrafik

Oder Ralph Anderl, der „darüber doziert, wie aus einem Drei-Mann-Wohnzimmer-Projekt ein mittelständisches Unterneh­men mit 125 Mitarbeitern und mehr als zehn Millionen Euro Umsatz wurde“, wie Cicero berichtet.

Oder Kurt Friedrich, Gründer von dialog-­plan, der schon während seiner HfG-Zeit ein Büro für Produktgestaltung führte. Stefan Hauser und Laurent Lacour, Gründer der gleichnamigen Corporate Design Agentur. Stefan Karp, HfG-Ab­­sol­­vent und Gründer von ma ma Interactive System Design. Oliver Raszweski, früher HfG, heute Maler und Künstler. Axel Ricker, Gründer der Markenagentur ID4, der paral­lel zum HfG-Studium unter anderem für Scout Maxi arbeitete. Oder Sebastian Herk­­ner, vielfach ausgezeichnet, unter ande­rem mit dem Deutschen Design Preis. Nach dem HfG-Studium gründete er sein eigenes Studio, arbeitet für angesehene Unternehmen und bringt seine Erfah­rungen nunmehr in gemeinsame Pro­jek­te mit HfG-Studierenden ein.

In anderen Begegnungen geht es um Pro­jektmanagement, Positionierung und Spe­­­­zia­­lisierung, um ungewöhnliche Strate­gien oder darum, Kontakte und Netzwerke zu knüpfen und zu pflegen. Kurz: um alles, was das kreative Denken zu seiner Ergän­­zung braucht.

Trotz allem sollten wir eines nie aus den Augen verlieren: Das kreative Denken ist kein Selbstzweck. Sondern nur Mittel zum Zweck. Das Ziel heißt: anderen etwas Gutes tun. Die gesellschaftliche und wirt­­­­schaftliche Entwicklung voranbringen. Niemand sollte sich dabei Illusionen machen. Unterm Strich entscheidet der menschliche Faktor, und wir Menschen sind nun mal keine berechenbaren Kon­­­struktionen. Ein unberechenbares Ge­­­schäft also? Nun, wäre es einfach, könnte es jeder. Auf der anderen Seite: 80 Prozent der Grün­­­der schaffen es.

Portrait_KrackeDer Autor studierte an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg und am M.I.T. Center for Advanced Visual Studies, Cambridge (USA). Von 1999 bis 2006 hatte Prof. Bernd Kracke die Professur für Elektronische Medien an der HfG Offen­­bach inne und gründete in dieser Zeit das CrossMediaLab. Seit 2001 war Prof. Bernd Kracke Dekan des Fach­be­reichs Visuelle Kommunikation. Seit 2006 ist er Präsident der HfG Offenbach.