Pit Clausen: Ganz oben in NRW – 800 Jahre Bielefeld

„Wer den Namen Oetker hört, denkt nicht sofort an die ostwestfälische Großstadt Bielefeld. Und eine humorvolle Verschwörungstheorie behauptet
sogar, dass es Bielefeld gar nicht gibt. Doch richtig ist: Die 800-jährige Stadt
hat Statur und wirtschaftliches Gewicht. Oberbürgermeister Pit Clausen
gewährt einen Einblick in die Wirtschaftsgeschichte seiner Stadt.

 

„Bielefeld ist eine Charakterstadt. Sind Berlin, Hamburg oder Köln die leidenschaftlichen Geliebten, so ist Biele­feld die beste Freundin.“ Mit diesen Worten beschreibt der Poetry-Slamer und Autor Mischa-Sarim Vérollet seine Heimatstadt zum 800-jährigen Jubiläum im Jahr 2014. Eine Stadt als beste Freundin, die liebevoll und zuverlässig zur Seite steht – und dabei stets vertrauens­würdige Produkte liefert. Was will man mehr als OB?

Als das wohl bekannteste Erzeugnis Bielefelds wurde Ende des 19. Jahr­hunderts das Backpulver zur besten Freundin der da­­maligen „Hausfrau“. Dr. August Oetker portionierte es im Hinterzimmer seiner Apotheke in kleinen Tüten, um mit der allseits gebrauchsfähigen Beimi­­schung das Ku­­chenbacken zu revolutionieren. Erwachsen ist daraus ein international agierender Familienkonzern, der mit über 26.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Millionen von Backzutaten, Pizzen, Sekt oder Bier in die ganze Welt schickt sowie eine Schifffahrtssparte, ein Bank­haus und mehrere Hotels betreibt.

Aber bereits weit vor der Entstehung der Nahrungsmittel­industrie wurden andere Produkte zum Exportschlager. Ab Ende des 16. Jahrhunderts begann Bielefeld am „leine­nen Faden“ zu wachsen. Kleine Spinnstuben und Webe­reien bildeten die Keimzelle eines Industrie­­zwei­ges, der die Stadt als Leinen- und Modestadt international bekannt machte. Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten in und um Bielefeld rund 20.000 selbständige Spinner und Weber.

Aus den florierenden Nähereien, Webereien und der größ­­ten Maschinenspinnerei Europas – 1854 unter anderem von Hermann Delius als „Ravensberger Spinnerei“ ge­­gründet – entstanden berühmte Kleiderfabriken wie Roos und Kahn, aus der sich später die Modemarke Windsor entwickelte. Ab 1919 legte Jungunternehmer Walter Seidensticker mit ersten Hemdenkollektionen den Grundstein für ein Unternehmen, das heute zu den größten Hemdenherstellern weltweit zählt. Weitere traditionsreiche und von Familien geführte Textilunternehmen prägen bis heute die Bielefelder Wirtschaft: Delius, JAP Anstoetz oder Union Knopf. Auch die KATAG AG, Europas größter Modedienstleister, agiert von hier aus – Seite an Seite mit wiederum jungen kreativen Modellabels wie zum Beispiel dem erfolgreichen Label „Puddingtown“, das eine Designerin in Verbundenheit zu ihrer Stadt ge­­wählt hat.

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Die rasante Mechanisierung und Weiterverarbeitung von Leinen und Stoffen führte im 19. Jahrhundert aber auch zu einem besonderen Bedarf an Werkzeugen und Maschi­­nen, sodass in Bielefeld der Maschinen- und Fahrzeug­bau „Fahrt“ aufnahm. Firmen wie Koch’s Adler oder Dür­­kopp & Schmidt begannen mit dem Bau von Nähma­schinen, Spezialmaschinen für Schuhmacher oder Sattler. Bald auch produzierten die Betriebe Fahrräder, Motor­räder, Autos, LKW oder Busse für das In- und Ausland.

Zwar werden hier heute nicht mehr so viele Nähmaschi­nen und Räder hergestellt, allerdings sind Maschinen­bau und metallverarbeitende Industrie weiterhin die größten Bran­­chen im produzierenden Gewerbe. Biele­feld ist einer der bedeutendsten Maschinenbaustandorte Deutschlands und Sitz eines der weltweit führenden Hersteller von CNC- gesteuerten Dreh- und Fräsmaschi­nen: die DMG Mori Seiki AG (früher Gildemeister AG) mit über 6.000 Angestellten.

Daneben schätzen aber auch andere Markenfirmen den Standort Bielefeld an mehreren großen Verkehrsachsen des Landes. Schüco mit 5.000 Mitarbeitern liefert von hier aus Fenster, Fassaden und Solarmodule. Goldbeck baut Hallen, Büro- oder Parkhäuser. Die Itelligence AG entwickelt branchenspezifische Software. Miele fertigt an seinem zweitgrößten Firmenstandort in Bielefeld Staubsauger. Hinzu kommen viele weitere Unternehmen, die Sondermaschinen für Oberflächen, Kompressoren für Druckluft, Maschinen für die Druckindustrie sowie innovative Komponenten für den Fahrzeugbau liefern.

Mit dem Strukturwandel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zwar der Industriesektor zugunsten einer starken Dienstleistungsentwicklung reduziert. Er prägt aber weiterhin wesentlich die neu entstandenen Dienst­leistungsarbeitsplätze in der IT-Wirtschaft, im Werbe­sektor und in anderen wissensintensiven Bereichen.

Mit der Industrialisierung stellten sich im 19. Jahrhun­dert aber gleichfalls soziale Herausforderungen und Be­­wegungen ein. In Bielefeld führten sie 1867 zur Grün­dung der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Große Männer mit großen Ideen wie Pastor Friedrich von Bodelschwingh und fast ein Jahrhundert später Pastor Karl Pawlowski als Gründer des Evangelischen Johanneswerks machten Bielefeld mit ihren Einrich­tungen für chronisch kranke, behinderte und ältere Menschen zur „Europäischen Hauptstadt der Diakonie“. Aktuell beschäftigt Bethel 16.000 Mitarbeiter in acht Bundesländern und das Evangelische Johanneswerk bundesweit über 6.000 Mitarbeiter. „Das ist eigentlich wichtiger als die großen Marken, für die wir Deutschen in der ganzen Welt bekannt sind“, sagte Anfang 2014 Bundespräsident Joachim Gauck beim Besuch der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.

Auch diese Sparte der Gesundheitswirtschaft ist prägend für die „Charakterstadt“ Bielefeld, das Oberzen­trum der Region Ostwestfalen-Lippe mit zwei Millionen Bewohnern – ganz oben in Nordrhein-Westfalen. Zwar behaupten manche unermüdlich, es gebe diesen Ort gar nicht („Bielefeld-Verschwörung“), doch die 330.000-­ Einwohner-Stadt zählt mit ihrer Umgebung zu Europas wettbewerbsfähigsten Regionen – mit hoher Lebens­qualität. Hier tummeln sich Menschen und Marken mit Bodenhaftung, Beständigkeit und innovativem Geist.

Zeugnis dafür sind die rund 140.000 Unternehmen in Ostwestfalen-Lippe, die mit einer Million Beschäftigten ein Bruttoinlandsprodukt von rund 60 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaften: in renommierten Firmen wie Bertelsmann, Dr. Oetker, Miele, Gerry Weber, Melitta oder Claas – um nur einige zu nennen; aber auch in den vielen familiengeführten und mittelständisch ge­prägten Betrieben aus dem Maschinenbau, der Möbel­industrie, der Elektro- und Automatisierungstechnik, der Metall- und Kunststoffverarbeitung sowie der Informa­tions- oder auch der Gesundheitstechnologie.

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Zwar konkurrieren diese miteinander, aber sie wissen auch um den Vorteil einer guten Partnerschaft. Gerade das haben viele Unternehmen in und um Bielefeld zu einem echten Standortvorteil ausgebaut: Sie haben sich vernetzt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden eine Reihe von Branchennetzwerken mit Unternehmen, Hochschulen, Kammern und Wirtschaftsförderungsein­richtungen gebildet. Das Ziel: Synergien und Wettbe­werbsvorteile. So entstanden Unternehmensverbünde im Maschinenbau, in der Gesundheitswirtschaft, der IT-Wirt­schaft, der Energiewirtschaft oder der Kunststoffver­arbeitung. Sie alle schaffen nachweislich Innovations-, Vermarktungs- und Kostenvorteile. Ein herausragender Beleg für die starken Verbindungen der hiesigen Techno­logietreiber und Hochschulen ist auch das Spitzen­cluster „Intelligente technische Systeme (it’s OWL)“, eines von fünfzehn bundesweit.

Bielefeld ist wichtiger Teil dieser Treiber. Bielefeld nutzt dabei seine Chancen und investiert in Wissen und kluge Köpfe. Die international anerkannte Universität wird der­zeit mit enormem Aufwand modernisiert. Neben dem Neubau der Fachhochschule entstehen auf einem großen Campus neue Forschungseinrichtungen. Die Stadt erhält einen der modernsten Hochschulstandorte Deutschlands.

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Viele junge Menschen aus dem In- und Ausland zieht diese Entwicklung in die Stadt am Teutoburger Wald. Die Studierendenzahlen nicht nur an den staatlichen, sondern auch an den privaten Hochschulen wachsen deutlich. Die neuen Bielefelder sind dabei vielfach über­­rascht von dem Umfeld, lernen es schätzen und bleiben haften. Denn Bielefeld bietet viele lebendige Stadt­quartiere samt einer Vielzahl miteinander verbundener Grünflächen sowie erstaunlich vielen Freizeit- und Kul­turangeboten und vor allem attraktiven Unternehmen. Diese präsentieren sich übrigens mit ihren Produkten und Dienstleistungen auf unserem Wirtschaftsportal www.das-kommt-aus-Bielefeld.de.

Natürlich: Mag sein, dass den Bielefeldern – wie allen Ostwestfalen und Lippern – auf den ersten Blick ein wenig die Leidenschaft fehlt. Doch die liebevolle Zuver­lässig­keit macht die Stadt eben zur „besten Freundin“. Eine Charaktereigenschaft, die über 800 Jahre gewachsen ist.

Bild-1-Oberbürgermeister-Pit-Clausen-KopiePit Clausen
Der 1962 geborene Autor ist seit 2009 Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld. Er hat an der Universität Bielefeld Rechtswissenschaften studiert und war vor seiner politischen Laufbahn als Richter an verschiedenen Arbeitsgerichten in Nordrhein-Westfalen tätig.