Ph.D. Krishna P. Gummadi: Glasnost am Max-Planck-Institut – Transparenz für das Internet

Für den Internetzugang werden zu­­neh­mend Breitbandnetze wie DSL oder Ka­­bel eingesetzt. Mehr als 158 Millionen Menschen weltweit nutzen diese Netze. Bis 2011 wird diese Zahl voraussichtlich auf 477 Millionen ansteigen. In Deutsch­land sind mehr als 65 Prozent aller In­­ter­netnutzer über Heim­breit­band­netz­wer­ke angeschlossen. Außerdem verfolgen vie­le Regierungen das Ziel, den uni­ver­sel­len Breitbandzugang zu fördern.

Erst Breitbandnetze liefern den Netz­zu­gang zur Internetinfrastruktur, und meist sind die Engpässe in der Leistungs­fä­hig­keit des Internets in diesen Zu­­gangs­net­zen zu finden. Viele populäre Internet­an­wen­­dungen, etwa Voice-over-IP (VoIP), Video-on-Demand, On­­line-Spiele und Peer-to-Peer-Netzwerke, hängen entscheidend von den Leis­­tungs­­merkmalen der Breit­bandzugangsnetze ab.
Allerdings kennen viele Privatkunden die Merkmale ihrer Breit­band­an­schlüs­se nicht. Kabel- und DSL-Anbieter nutzen zunehmend Middleboxes, wie bei­spiels­weise Traffic-Shaper, Blocker oder Fire­walls, zur Überwachung und Steuerung des Da­­ten­verkehrs ihrer Kunden. Sol­che Middle­bo­xes kategorisieren und manipulieren die Datenströme aus den ver­schiedenen An­­wendungen nach ISP-spe­zifischen Richt­linien. Und weil die Richt­linien des Daten­­ver­kehrsmanagements oft durch geschäft­­liche Interessen be­­einflusst werden (zum Beispiel Peering-Agreements zwischen ISPs, die die beid­seitige Nutzung vertrag­lich regeln), werden Angaben zu Middle­box-Einsätzen von vielen ISPs erst gar nicht bekannt gemacht.
Deshalb wissen viele Endnutzer heute nichts von der Exis­tenz der Middleboxes und können deshalb oft deren Aus­wir­kun­gen auf die Leistung von Internet-An­­wendungen nicht nachvollziehen.

Vor kurzem wurde berichtet, dass be­­stimmte Zugangsprovider in den USA ihre Kunden heimlich daran hindern, Da­ten mit Hilfe des beliebten File-Sha­ring-Protokolls BitTorrent mit anderen Nutzern auszutauschen. Es wurde fest­­gestellt, dass diese ISPs BitTorrent-Da­tenströme blockiert haben, indem sie gefälschte Protokollpakete an die Kom­­munikationsendpunkte schicken, die zu einem sofortigen Abbruch der Ver­bin­dung führen. Die Berichte über solche Blockaden haben eine intensive und weitreichende Richtliniendebatte über akzeptable Praktiken im Ver­kehrs­ma­nagement von ISPs und das Thema Netzwerkneutralität bei ISPs, Ver­brau­cherschützern, Internetbetreibern und Regierungsbehörden ausgelöst.
Wir wollen hier nicht die Vorteile verschiedener Verkehrsmanagement-Richt­linien diskutieren. Auch wollen wir nicht für spezielle Richtlinien, etwa Netz­werk­neutralität, plädieren, die den ISPs eine unterschiedliche Behandlung von Pa­­ke­ten auf der Grundlage der Kom­mu­ni­ka­tionsendpunkte oder der genutzten In­­­ternet-Anwendung verbietet.

Die Formulierung optimaler Ver­kehrs­ma­­nagementrichtlinien ist sehr wichtig und erfordert die sorgfältige Erwägung einer Vielzahl technologischer, wirt­schaft­­­licher und sozialer Faktoren, die für die Ent­wick­lung des Internets entscheidend sind.

Anstelle dessen wollen wir für Netz­trans­parenz plädieren. Einfach ausgedrückt, erfordert Netzwerktransparenz, dass die Endnutzer die Merkmale der Zu­­gangs­netze kennen, die sie benutzen. Dieses Wissen hilft den Nutzern bei der Wahl ih­­rer Provider.
Gäbe es diese Trans­pa­renz, wüssten die Endnutzer, welche Ser­vice­qua­lität sie er­­halten, wenn sie verschiedene An­­wen­dun­gen, wie etwa VoIP oder Video-on-De­mand, nutzen wollen. Und An­­wen­­dungs­ent­wick­­ler können solches Wissen dazu nutzen, ihre Applikationen speziell so zu gestalten, dass sie in der Heim­um­gebung besser laufen.

Idealerweise könnten Netze durch die ISPs selbst transparenter gestaltet wer­den, in­­dem diese offenlegen, wie sie ih­­ren Daten­­verkehr steuern und wo sie Ver­kehrs­ma­­nagement einsetzen. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die Provider eher sehr zurückhaltend bei der Offenlegung solcher Infor­ma­tionen sind, selbst dann, wenn sie dazu von staatlichen Aufsichts­behörden auf­­gefordert werden. Zudem sind die von ISPs für ihre Kunden bereit­­gestellten In­­for­mationen oft vage und bes­­tenfalls mehr­fach interpretierbar, schlech­­ten­­falls ge­­radezu irreführend.

Deshalb benötigen die Endnutzer ge­­eig­­nete Mechanismen, mit denen sie die von ihren ISPs erhaltenen Infor­ma­­­­­tionen selbst­ständig überprüfen können.

Vor diesem Hintergrund haben wir am Max-Planck-Institut für Soft­ware­sys­te­me das Glasnost-Projekt initiiert. Unser Ziel ist es, Endnutzer in die Lage zu versetzen, über direkte Messungen Rück­schlüsse auf die Merkmale ihrer Zugangsnetze zu zie­­hen. Das Glasnost-System ist so ausgelegt, dass es mehrere knifflige Aufgaben angeht: Es ver­­sucht herauszufinden, wel­cher Daten­­­verkehr manipuliert wird und wo sich Traffic-Shaper befinden. In­­ter­es­­sierte Leser können den Test durchführen, indem sie die folgende Webseite be­­suchen: http://broadband.mpi-sws.org/transparency.

 

Krishna_Gummondi_009Ph.D. Krishna P. Gummadi ist Leiter der Forschungsgruppe für Vernetzte Sys­te­­­me am Max-Planck-Institut für Soft­ware­sys­teme in Saarbrücken. Zuvor wirkte er, nach Praktika an der Poly­tech­ni­schen Hoch­schu­le Lausanne, bei Microsoft in Red­mond, ISCI und Intel in Berkeley als For­­schungsassistent. Gummadi hat im indischen Madras und an der University of Washington (USA) studiert, an der er auch promoviert wurde.