Peter Feldmann – Zentrum einer Region: Vom Flussübergang zur Weltmetropole

Lange vor der Besiedlung durch fränkische Stämme, schon in der Jungstein­zeit, gab es eine menschliche Siedlung an der Furt über den Main, die sich wahr­­scheinlich auf der Höhe des heutigen Eisernen Stegs befand. Zu Zeiten der Kelten und Römer war die Siedlung wohl weniger bedeutend, aber der Fund eines prächtigen Grabes vor einigen Jahren bei Ausgrabungen im Dom belegt den Aufstieg zur Zeit der Merowinger. Für die Karolinger war Frankfurt eine bedeutende Kaiserpfalz, die zwischen 794 und 911 nachweisbar 75-mal von den damaligen Herrschern besucht wurde. Ottonen und Salier setzten andere geografische Akzente, aber unter den Staufern wurde die Stadt etwa ab der Mitte des 12. Jahrhunderts wieder zu einem bedeutenden Versammlungsort und sein regionaler Jahrmarkt entwickelte sich zu einer überregionalen Messe. Spätestens ab dem 14. Jahrhundert hatte Frankfurt mit dem exklusiven zusätzlichen kaiserlich­en Messeprivileg in der Fastenzeit als Messeplatz europa­weite Bedeutung. Mit der Entdeckung der „Neuen Welt“ jenseits des Atlantiks ver­lagerten sich die Handelsströme stärker nach Norden. Frankfurt befand sich nun im Schnittpunkt wichtiger Handelsrouten. Durch die vielen Händler und den regen Warenaustausch wurde die Stadt ein be­­deutender Tauschort für Münzen und Wechsel. 

Ende des 16. Jahrhunderts war Frank­furt einer der führenden Finanzplätze im Hei­­ligen Römischen Reich. Während im Lau­­fe des 17. Jahrhunderts die Frank­furter Messe an Bedeutung gegenüber Leipzig verlor, entstanden – angestoßen durch wohlhabende Zuwanderer – bedeu­­tende Bankhäuser. Mit dem Aufstieg der Roth­schilds zu europaweit operierenden Ban­­kiers dehnte sich das Geschäft der Frank­­furter bis nach Nordamerika aus. Aber die Frankfurter Bankhäuser betrieben ein recht konservatives Geschäft mit An­­lei­hen und Hypotheken und über­lie­ßen die mo­­derne Industriefinan­zierung lange aus­­wär­­tigen Konkurrenten. Die Stadt am Main, die mit vermögenden Bankiers­fa­mi­­lien wie Bethmann, Roth­schild, Städel, Metz­­ler, Gontard, Sulzbach oder Erlanger eine­­ aus­­gesprochene Kultur des bürgerlichen En­­­ga­­gements und der Stiftungen ent­­wickelt hatten, schien gegen Ende des 19. Jahr­hun­­derts in ihrer Dy­­na­­mik und Be­­deu­­tung als Finanzplatz zu erlahmen. Tat­­­­sächlich aber verschob sich nun der Schwer­­­­punkt der wirtschaft­lich­en Aktivi­täten. Jetzt be­­­­gann auch in Frank­furt das Zeitalter der Industrie. Auf Frank­­furter Ge­­­­markung wa­­ren beispiels­­weise die Adler­werke (Fahr­­­­­räder und Schreib­ma­­schinen), die Schleif­­­mit­tel­fabrik Naxos­­-Un­ion und aus ehemaligen Metallhandels­häu­­sern Che­­mie-Unter­nehmen (zum Bei­­spiel Me­­­tall­­­­ge­sell­schaft, Lurgi, Degussa) ent­stan­­­­den. Die chemische, elektrotechnische und gal­vanische In­dustrie, die sich vor allem vor den Toren der Stadt in der zwei­­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete, wurde nach und nach durch Erweite­run­­gen des Gebiets in die Stadt integriert. Frank­furt wandelte sich in kürzester Zeit zu einer modernen Industriestadt und wuchs beständig. Hatte Frankfurt 1875 gerade die 100.000-Einwohner-Marke über­­­schrit­­ten, so waren es 1910 schon über 400.000. Auch im Zeitalter der Ei­­sen­­bahn entwickelte sich Frankfurt am Kreu­­z­ungspunkt wichtiger überregio­naler Linien zu einem Verkehrsknoten euro­pä­­­ischen Ranges. Der nach nur fünf Jahren Bauzeit 1888 errichtete Groß­bahn­hof war bis zur Eröffnung des Leip­zigers im Jahr 1912 der größte Europas.

autor_35Der Autor engagierte sich in seiner Lauf­bahn für die Arbeit mit Jugend­lichen und arbeitslosen Menschen sowie die Sicher­stellung eines würdigen Le­­bens im Alter. Von 1989 bis 2012 war er Stadt­­verord­ne­ter in Frankfurt am Main. Er war in der SPD von 2004 bis 2012 als stell­ver­tre­ten­der Frak­tionsvorsitzender tätig. Am 01. Juli 2012 übernahm er das Amt des Ober­­bür­germeisters der Stadt Frankfurt am Main.

 

 

 

Die Messe erlebte mit der Patent- und Musterschutzausstellung 1881 ihre Re­­naissance. Die Elektrotechnische Aus­stellung von 1891, die wegen der ersten Drehstromfernübertragung weltweites Aufsehen erregte, trug einiges zur Stand­­ortwerbung Frankfurts und zur Publicity seiner Unternehmen bei. 1909 wurde in Frankfurt mit der Internationalen Luft­­schiffahrt-Ausstellung (ILA) erstmalig weltweit eine Luftfahrt-Schau durchgeführt. Mit der 100-tägigen Ausstellung begann die erfolgreiche Geschichte des bis heute bestehenden Messegeländes.An diese Erfolge konnte man nach dem Zweiten Weltkrieg ab Herbst 1948 mit der zweimal im Jahr stattfindenden Inter­­nationalen Frankfurter Messe anknüpfen. Hinzu kamen andere Messen wie die Internationale Buchmesse, die Interna­tionale Automobilausstellung und die ACHEMA, um nur die bedeutendsten zu nennen, die es bis heute gibt.

Wegen der deutschen Teilung und der Ansiedlung der Bank deutscher Länder – der späteren Bundesbank – wurde Frank­­furt nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zum bedeutendsten Finanzplatz Deutsch­­lands. Die relativ zentrale Lage in der neuen Bundesrepublik begünstigte den weiteren Ausbau und die Ausrichtung der Verkehrswege per Straße, Schiene und Luft auf Frankfurt. Die amerikanischen Besatzungstruppen mit ihren Haupt­quartieren in Frankfurt und Heidel­­berg mögen für viele ausländische Ge­­schäfts­­leute, die sich in Frankfurt nieder­ließen, ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Garant für Sicherheit und Stabilität ge­­wesen sein. Heute sind der Finanz-Cluster mit Banken, Versicherungen, Börse und damit verbundenen Finanz­dienst­leistun­­gen wie auch die Logistik­branchen mit knapp 74.825 beziehungsweise 72.747 Beschäftigten1 (Stand 06.2012) die be­­schäftigungsstärksten Wirt­­schafts­be­reiche im Stadtgebiet.

 

 

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Dank seiner günstigen Lage und der regen Geschäfte weitgereister Menschen entwickelte sich Frankfurt schon früh zu einem wichtigen Nachrichtenknoten, lange Zeit eng mit dem Namen der Fa­­milie Thurn und Taxis verbunden, welche von Frankfurt aus die kaiserliche Post führ­­te. Mit den Telegrafenverbindungen be­­gann die elektrische Telekom­muni­kation. 1849 wurde wegen der National­ver­­samm­­lung in der Paulskirche die bis dahin längste Telegrafenverbindung in Europa von Berlin nach Frankfurt fertig­gestellt. Und 1881 war Frankfurt eine der ersten sechs Städte, in denen ein Fern­sprech­­netz betrieben wurde.
Auch heute führt in Sachen Telekom­munikation kein Weg an Frankfurt vorbei. Die Telekommunikationsknoten in Frank­­furt – in erster Linie Leitungen zur Daten­übertragung im Internet – stellen die größte Kapazitätendichte in Europa dar. Im Bereich der Informations­tech­no­lo­gien und Telekommunikation sind allein im Stadtgebiet über 27.155 Menschen sozial­­versicherungspflichtig beschäftigt; im näheren Umland weitere 20.000 und im südhessischen Regierungsbezirk Darm­stadt sind es insgesamt fast 80.000 Beschäftigte. Was mit einer Poststation begann, ist heute Grundlage eines der wichtigsten Wirtschafts-Cluster Frank­furts und der Region.

Auch wenn auf die Industrie Frankfurts nur noch elf Prozent der Erwerbstätigen2 (inklusive Selbstständige und Beamte/Stand 2010) fallen, so sind dies immerhin noch 69.000. Wenn man weiß, dass Frankfurt unter Deutschlands 30 größten Städten die höchste Arbeitsplatz­dichte hat (939 Erwerbstätige auf tausend Einwohner), dann ist klar, warum der Anteil des pro­du­zierenden Gewerbes in Relation zu den in der Stadt stark konzentrierten „stapel­baren“ Büroarbeits­plätzen so gering ausfällt. Bei der Flä­­chen­­konkurrenz in Frank­furt verwundert auch nicht, dass sich das produ­zie­rende Ge­­werbe hier durch seine überdurchschnitt­lich hohe Wert­schöpfung und da­­mit hohe Wettbewerbs­fähigkeit auszeichnet.

 

Schließlich ist für einen derartigen Stand­ort mit hoher Konnektivität zu weiteren wirtschaftlichen und politischen Schalt­zentralen und hohem Innovations- und Wettbewerbsdruck auch eine hohe Kon­zentration von stark spezialisierten und überregional bis global operierenden beratenden Dienstleistern typisch, deren sehr diversifizierte Branche ein breites Beratungsspektrum anbietet. Alleine in Frankfurt zählt dieses Metier schon 49.515 sozialversicherungspflichtig Be­­schäftigte und es kommen noch zahlreiche im weiteren Umland hinzu.

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Dank der geografischen Lage als Aus­gangspunkt, dank politischer Entschei­dungen aber vor allem auch dank der kreativen Kraft und Initiative des Frank­furter Bürgertums – oft durch frischen Geist, Elan und Kapital von außen ge­­stärkt – hat sich Frankfurt bis zum heutigen Tag zu einer internationalen, wirtschaftlich dynamischen und vielseitigen Stadt entwickelt. Gerade das Enga­­gement der Frankfurter Bürger hat die Kultur-, Sozial- und Bildungs-Infra­struk­tur geschaffen, die der Stadt mit ihrer sehr differenzierten und weit vernetzten Wirtschaft das entsprechende stabilisierende Rückgrat verleiht.