Peter Benz: Geld will ja jeder – ein Plädoyer für kommunale Kulturförderung

„Wenn einer a Geld hat und is kein Artist, des is gerade so als wie, als wie irgendwas anders. Wenn ein Artist Geld hat oder er hat keins oder sagen wir, er is ein Artist, nein, er hat kein Geld und is doch ein Artist – du verstehst mich schon. – Wenn er ein Artist wäre oder er will ein Geld – naa, Geld will ja ein jeder.“ Karl Valentin, Meister des absurd-komischen Irrsinns, durch seinen Vater mit Darmstadt verwurzelt, lässt uns hier seinen Wortschatz mit apartem Beigeschmack genießen: Wenn jemand Geld hat, ist er kein Künstler und umgekehrt. Überhaupt: Was braucht ein Künstler Geld, das will doch jeder. Was für den Künstler gilt, trifft auf die Kunst zu, auf die Kultur als Zusammenfassung aller Künste sowieso oder gar auf sie als Inbegriff menschlicher Zivilisation außerhalb der Natur.


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Der Valentin-Blödelei begegnet man nicht selten bei allgemeinen Unterhaltungen über Kultur, allerdings ohne sein hintergründiges philosophisches Rumoren. Dabei geht es nicht nur um die gängige und gewöhnliche Konkurrenzdebatte im Verteilungskampf, sondern auch darum, der Meinung Paroli zu bieten, Kunst und Kultur seien Luxus. Wenn das Geld knapp sei, heißt es nicht selten, müsse man zuallererst auf den Luxus verzichten.

Kunst ist so flüchtig wie das Geld. Dabei sind musikalische, literarische oder bildnerische Präsentationen Spielräume der produktiven Einbildungskraft, Medien der Weltbewältigung und Mittel sozialer Bewusstseinserklärung. Kultur, die etwas taugt, kann mitunter gefährlich sein, denn sie rührt an die Sprengsätze menschlicher Existenz. Aber es zeigte sich im Laufe der Jahrzehnte, dass Konti­nuität im kulturellen Selbstverständnis einer Stadt die Sinne und die Wahrnehmung schult. Künste bilden, und Kultur ist eine Notwendigkeit für das menschliche Leben. Der Umgang mit Kultur bestimmt das Klima einer Stadt und trägt zur Selbstbewusstheit der Stadtgesellschaft bei.

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Kultur befördert die Humanität. Sie ist das innere Gesicht einer Stadt. Deshalb ist es entscheidend, Kultur­förderung als öffentliches Mäzenatentum zu begreifen. Förderung von Künsten und Wissenschaften durch wohlhabende und interessierte Gönner hat auch heute noch eine große Bedeutung für die Beständigkeit von Kultur und für ihre zukünftige Entwicklung. Geschichtlich ist der Mäzen eher als privater Förderer überliefert. Der Ursprung wird auf den Namensgeber Gaius Maecenas, einen Freund des Augustus, zurückgeführt, der im letzten Jahrhundert vor der Zeitenwende (70 bis 8 vor Christus) im antiken Rom lebte und einer der reichsten Männer dieser Stadt war. Sein literarisches Interesse veranlasste ihn, die bedeutenden Dichter seiner Zeit in seinem Palast zu versammeln und zu fördern. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der Mäzen meist Aristokrat. Mit der Industrialisierung und dem aufstrebenden Bürgertum verlagerte sich die mäzenatische Förderung dahin, dass sie von Privatpersonen aus wirtschaftlich potenten Gesellschaftsschichten getragen wurde. Entscheidend war für diese Form des Mäzenatentums die persönliche Verbindung zwischen Förderer und Gefördertem. Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich das anonyme und kollektive Mäzenatentum, das von Vereinen, Unternehmen oder von der öffentlichen Hand getragen wird. Heute stützt das Mäzenatentum der öffentlichen Hand im Wesentlichen die Pflege und den Ausbau der Kultur.
Vor allem die Kommunen nehmen je nach ihrer Finanz­kraft die Aufgabe der aktiven Förderung von Kunst und Kultur freiwillig wahr. Darmstadt ist unter den Städten immer mit an der Spitze gewesen. Der Begriff der „frei­­willigen Aufgabe“ verweist aber darauf, dass Kultur nach den spezialgesetzlichen Pflichtaufgaben als nachrangige, am Rande liegende Angelegenheit verstanden wird. Darin liegt die Schwierigkeit der Finanzierung über einen durch gesetzliche Vorgaben reglementierten Haushalt. Was nicht gesetzlich vorgegeben ist, kann zur Disposition gestellt werden. Die Kommunen waren es, die den eigentlichen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten, die sich in den Jahrzehnten danach neuen Formen kulturellen Selbstverständnisses öffneten und neben der Pflege traditionaler Einrichtungen Projekte der Alternativ- beziehungsweise der Soziokultur unter­stützten. In diesem Sinne betrieben die Städte die Kultur­politik zwar freiwillig, sie begriffen sie aber als ihre Pflicht­aufgabe. Denn der Reichtum der europäischen Kultur gründet auf der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Stadtkultur. Urbane Lebensqualität muss also durch starke Kulturleistungen gefördert werden. Finanzierung von Kultur darf kein Almosengeschäft sein und nur auf Stiftungen und private Mäzene abgewälzt werden.


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Der Streit ums Geld ist immer auch ein Diskurs um Kultur, unser geistiges Element städtischer Existenz, den Ausdruck von Freiheit im Denken und schöpferischen Handeln. Nur so konnte letztlich erreicht werden, ein Literaturhaus und eine kommunale Galerie einzurichten, das innerstädtische Kulturzentrum Centralstation zu schaffen, die Mathildenhöhe kontinuierlich zu rekonstruieren, das Staatstheater gründlich zu sanieren und umzubauen, das Wissenschafts- und Kongresszentrum Darmstadtium auf den Weg zu bringen, die freie Szene in aller Vielfalt zu unterstützen, der freien Theaterszene im Mollerhaus eine feste Aufführungsstätte zu bieten, ein neues Atelier­­haus in der Riedeselstraße zu eröffnen und auch die öffentlichen Bibliotheken zu erhalten. Eine öffentliche Bibliothek ist die demokratischste Einrichtung der Welt. Was man darin findet, schrieb einmal Doris Lessing, habe Diktatoren und Tyrannen besiegt: „Demagogen können Schriftsteller zwar verfolgen und ihnen tausend­mal befehlen, was sie schreiben sollen, aber was früher geschrieben wurde, können sie nicht verschwinden lassen, auch wenn sie es oft genug versuchen.“

Kulturelle Diskurse, akademisch geführt oder nicht, kosten Kraft und Energie, und viele, die dann die Ergebnisse gou­­tieren, finden alles schön und ergötzlich. Karl Valentin fiel dazu ein: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“

Fotos-PB---März-2007-001Peter Benz wurde 1942 in Darmstadt geboren, studierte in Frankfurt am Main Germanistik, Politologie, Philosophie und Soziologie. Von 1970 bis 1974 war er Studien­rat an der Justus-Liebig-Schule und am Oberstufengymnasium Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt. Von 1974 bis 1976 war der Autor als Mitglied des Hessischen Landtages tätig. 1976 wurde er zum hauptamtlichen Beigeordneten (Stadtrat) in Darmstadt gewählt. Im Jahr 1983 wurde Peter Benz Bürgermeister der Stadt Darmstadt; von 1993 bis 2005 war Peter Benz Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt. Er ist Vorsitzender des Darmstädter Förderkreises Kultur e.V. und der Hessischen Spielgemeinschaft 1925 e.V.