Per Hornung Pedersen: Windenergie auf Weltniveau in Schleswig-Holstein entwickelt

Es besteht kein Zweifel daran, dass Windenergie längst zu einem globalen business geworden ist. Sogar Länder, von denen man noch vor kurzem nicht er­­wartet hätte, dass sie dereinst auf er­­neuerbare Energien setzen würden – beispielsweise China oder die Vereini­­g­­ten Staaten – haben die Zeichen der Zeit erkannt und treiben den Ausbau der Windenergie seit kurzem massiv voran. Dies ist eine politisch gewollte und künftig für eine weltweite, sichere Ener­­giever­sorgung auch notwendige Ent­­wick­­lung. Insbesondere die US-Regierung forciert die „green energy“. Bereits 2008 konnte die Windenergie dort ein fünf­­zig­­pro­zentiges Wachstum verzeichnen. Das Land mit seinen streckenweise riesigen, weiten Flächen, die sich ideal für große Windparks eignen, lag Ende 2009 mit über 35 Gigawatt (GW) installierter Leis­­tung vor der Volksrepublik China und Deutschland. Das größte Wachstum verzeichnete allerdings der chinesische Markt, wo sich die Ka­­pa­­zi­­tä­­ten im Jahr 2009 von 12,1GW (2008) auf 25,8 GW mehr als verdoppelt haben.

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Großes Potenzial für die Windstromerzeugung bietet die Entwicklung von Offshore-Windparks wie alpha ventus in der Nordsee.

Eine Wiege der Windenergie steht jedoch nicht in der Inneren Mongolei oder in Texas, sondern in Schleswig-Holstein –einem echten Windpionierland. Dies kommt nicht von ungefähr: Im meerum­schlungenen, nördlichsten deutschen Bundesland weht auch mehr Wind, so dass die Erträge pro Anlage im Schnitt höher sind als in den anderen Bundes­ländern. Die Entwicklung von Wind­ener­­gie­anlagen spielt in Schleswig-Holstein daher schon immer eine große Rolle. Knapp 2.800 Windräder mit einer Gesamt­leistung von über 2.800 Mega­­watt drehen sich schon auf Wiesen und Feldern, an Deichen und Flüssen. Sie erzeugen inzwischen 35 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Schleswig-Hol­stein. Zum Vergleich: Rund 21.000 Windmühlen sind in ganz Deutsch­­land installiert. Mit den An­­lagen werden zwischen sechs und sieben Prozent des deutschen Strom­­be­­darfs gedeckt. An stürmischen Tagen und geringer Nach­frage reicht das aus, den gesamten Bedarf der privaten Haushaltskunden abzudecken.

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REpower 3.XM-Serie, eine Windkraftanlage der neuen Generation: Mit einer Nennleistung von 3,2 beziehungsweise 3.4 Megawatt (MW), einem Rotordurchmesser von 104 und einer Nabenhöhe von 80 Metern zeichnet sie sich durch besonders geringe Schallemissionen aus.

Den rasanten technologischen Fort­­schritt hat die Branche auch Schleswig-Holstein zu verdanken. Über 500 Ingenieure ent­­wickeln zum Beispiel mittlerweile in unserem neuen TechCenter in Oster­­rön­­feld Onshore- und Offshore-Wind­­energie­­anlagen. Der Ausbau der Windenergie hierzulande wird sich künftig vor allem auf den Austausch veralteter kleiner An­­­lagen durch moderne Großanlagen, das so­­ge­nannte Repowering, konzentrieren. Dabei wird die Lebensdauer einer Wind­­­energieanlage heute mit circa 20 Jahren beziffert, so dass jetzt die Zeit des Re­­powerings angebrochen ist.
Ein Wort zur Offshoreentwicklung: Große Potenziale zur Windstrom­erzeugung von langfristig 70–100 TWh (Terawattstunden) pro Jahr können auf See erschlossen werden. Der weitere Ausbau der Wind­energie wird daher vor allem über Windparks in der Nord- und Ostsee erfolgen. Den zusätzlichen Kosten für Errichtung und Netz­­an­­bindung stehen hier deutlich höhere Erträge gegenüber. Zudem können Win­­d­­ener­­gie­anlagen an Land wegen der Be­­lan­­ge des Land­schafts­schutzes oder der Flug­­sicherung häufig nicht höher als 100 bis 120 Meter gebaut werden. Der erste deutsche Offshore-Demons­­tra­­tions­­park alpha ventus wurde im April 2010 eingeweiht. Er ist ein Beispiel für die Leistungs­fähigkeit der Ressource Wind­­ener­­gie: Rund 42 Kilometer vor der Insel Borkum, auf einer Fläche von etwa vier Quadrat­kilometern – das entspricht der Größe von ungefähr 500 Fuß­­ball­­fel­­dern – ragen insgesamt zwölf Wind­­tur­­bi­­nen aus dem eisigen Wasser. Jede einzelne ist mit rund 150 Metern so hoch wie der Kölner Dom und mit 1.000 Tonnen so schwer wie 25 vollbeladene Sattel­schlepper. Mindestens 220 Gi­­ga­­watt­­­stunden Energie soll alpha ventus Jahr für Jahr in das Stromnetz einspeisen und damit 50.000 Haushalte mit Energie zu versorgen. Die Stromversorger E.ON, Vattenfall und RWE stehen hinter dem gigantischen Projekt. Die Inbetriebnahme des Parks läutet gleich­zeitig eine völlig neue Ära der Energie­versorgung ein. In den kommenden Monaten und Jahren sollen vor den deutschen und europäischen Küsten weitere riesige Offshore-Anlagen entstehen und enorme Mengen Strom produzieren.

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Der Energiemarkt der Zukunft hält viele Herausforderungen bereit.

Es herrscht eine regelrechte Gold­­grä­­ber­­­stimmung bei den Strom­­pro­­du­­zen­­ten. Große Konzerne wie Siemens, General Electric und europäische Energie­­ver­­sor­­ger wie die drei zuvor bereits ge­­nannten oder die spanische Iberdrola stecken derzeit ihre Claims in den dafür freigegebenen europäischen Gewässern ab. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass neue milliardenschwere Investi­tionen auf den Weg ge­­bracht werden. Und auch die Politik schöpft Hoffnung. Mit den Offshore-Windparks scheint die Vision von einer umweltschonenderen Energie­­­­ver­sorgung mit geringerer Abhängigkeit von Kohle, Gas und Öl endlich finanzierbar. Die lang beschworene Wende in der deutschen Energiepolitik rückt da­­mit ein Stück näher. Der Ökostrom aus dem Meer nimmt inzwischen in den ambitionierten Plänen der Bundes­­re­­gier­­ung zum Klimaschutz eine zentrale Rolle ein. Und Unternehmen am Standort Schleswig-Holstein profitieren davon in nicht unerheblichen Maß. Wir sind der deutsche Motor der regenerativen Energien in Europa.

VorstandPedersen_2_300dpiPer Hornung Pedersen (Jahrgang 1953), geboren in Kopenhagen, hat einen MBA-Titel und ist Bachelor of Science in Ac­­coun­­t­ing & Finance. Er begann seine berufliche Karriere als Wirtschaftsprüfer bei Arthur Andersen & Co. Nach Stationen als CFO in der Verpackungs- und Tele­kom­munikations­industrie wechselte er 2000 zur indischen Suzlon Energy und war für deren Inter­na­tio­nalisierung zuständig. Er ist heute Chief Market Officer der REpower Systems AG.