Patrick Odier: Finanzplatz Schweiz – Gut gerüstet für die Zukunft

Seit dem Ausbruch der globalen Fi­­nanz- und Wirtschaftskrise vor nun mehr als zwei Jahren steht der Finanz­platz Schweiz unter grossem Druck. Stich­­worte wie Rettungspaket, graue Lis­­te, Bankgeheimnis und Steuerstreit mit den USA beherrschten die Schlag­zei­­len der in- und ausländischen Zeitun­gen. Der Finanzplatz ist insbesondere in den letzten zwölf Monaten stark unter Be­­schuss geraten. Die öffentliche Kritik ist jedoch übertrieben, denn die Schwarz­maler übersehen ein gewichtiges Detail: Die Schweiz hat die Krise im internatio­­nalen Vergleich sehr gut gemeistert. Mit einer gewichtigen Ausnahme war keine Schweizer Bank von der globalen Fi­­nanz­­krise signifikant betroffen, viele gehen sogar gestärkt daraus hervor. Schaut man über unsere Landesgrenzen hinaus, zeigt sich ein um Welten düstereres Bild. Allein in den USA mussten seit Ausbruch der Krise mehr als hundert Banken Kon­­­­kurs anmelden. Viele Banken in Europa sind weiterhin nicht ohne staatliche Hil­­fe überlebensfähig, ja sie sind sogar auf im­­mer neue Mittel angewiesen. Ganz im Ge­­­­gensatz zur grössten Schweizer Bank, die bereits wieder auf eigenen Füssen steht und deren Rettung den Steuer­zah­­ler keinen Rappen gekostet hat, sondern so­­gar einen Milliardenbetrag in die Staats­­­­kasse spülte. Als Folge der Finanzkrise mussten viele Staaten eine rekordhohe Neuver­schul­­dung in Kauf nehmen, derweil die Staatsfinanzen der Schweiz ge­­­­sund sind. Die geringe erwartete Ver­­schul­­­­­dungs­­quote von 46 Prozent des BIP und die grosse Sta­­bilität des Banken­platzes wer­­den in Zukunft entscheidend zur Wett­­be­­werbs­fä­higkeit des Schweizer Finanz­­plat­­z­­es beitragen. Weiter besitzt der Schwei­­zer Fi­­nanz­­platz Kernkompe­ten­zen, die sonst kein anderes globales Finanz­zentrum auf­­weist. Swiss Banking verkör­­pert traditionelle Werte unseres Landes wie die po­­­litische, soziale und wirtschaft­­liche Stabilität, Internationa­lität, Inno­va­tions­­fä­hig­­keit sowie hohe Ser­­vice­qua­­lität.

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Der Schweizer Finanzplatz ist ein Clus­ter, der sich durch einzigartiges Know-how in allen Facetten des Banking, von der Vermögensverwaltung bis zum Invest­­ment Banking, vom Asset Management bis zu Private Equity, auszeichnet.
Der Finanzplatz ist ein Wachstums- und In­­novationsmotor für die ganze Schwei­zer Wirtschaft, trägt er doch zwölf Pro­zent zur Wertschöpfung des Landes bei. Außer­­dem bietet er fast 200.000 Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beitern eine at­­trak­­tive Arbeitsstelle.

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Um aus diesen Stärken optimal Kapital zu schlagen, hat der Schweizer Finanz­platz in den letzten Monaten eine Vor­­wärtsstrategie entwickelt mit dem Ziel, den volkswirtschaftlich so bedeutenden Finanzsektor nachhaltig zu stärken. Es gilt nicht, das Rad neu zu erfinden, son­­dern optimale und zielgerichtete Rah­men­­bedingungen zu schaffen. Neben der Aufrechterhaltung der traditionellen Wer­­te wie Stabilität und Rechtssicherheit müssen die Rahmenbedingungen für den Finanzplatz, zum Beispiel durch die Ab­­schaffung der Stempelsteuer oder im Bereich der kollektiven Kapitalanlagen, stets angepasst werden um so seine Attraktivität zu stärken. Ein spezielles Augenmerk gilt es auch auf die Aus­­bildung zu legen, ist das Humankapital doch einer unserer grössten Trümpfe im internationalen Vergleich.
Im Bereich der grenzüberschreitenden Ver­­­­mögensverwaltung, in dem die Schweiz mit der Annahme der OECD-Regeln den in­­ternationalen Standard in der fiskalischen Zusammenarbeit übernahm, hat die Bankiervereinigung ebenfalls eine neue Stra­­tegie entwickelt, die es er­­laubt, gleichzeitig den Interessen ausländischer Steu­­er­­gesetzgebungen sowie denjenigen des Schwei­­zer Finanzplatzes gerecht zu werden. Diese Strategie, die von den Schwei­­zer Behörden unterstützt wird, wird bilateral ausgehandelt werden und die folgen­­den Bedingungen respektieren. Ers­tens muss der Schutz der Privat­sphä­­re von Bank­­kunden gewährleistet bleiben, ist das Vertrauen und der Respekt zwischen Bürger und Staat doch ein we­­sentliches Merkmal unseres Staats­ver­­ständnisses. Den automatischen Infor­ma­­tionsaus­tausch lehnen die Akteure des Finanz­­plat­­zes ebenso wie die breite Bevölkerung ent­­schieden ab. Zweitens müssen die be­­­­stehenden Konti im Ver­­hältnis zum Fis­­kus ausländischer Staa­­ten regularisiert werden, ohne dabei einer Repatriie­­rungs­­pflicht zu unterstehen. Wir müssen den Kunden die Möglichkeit er­­öffnen, eine Brücke zur Steuerehrlichkeit zu bauen.
In diesem Sinne, als dritter Pfei­­ler, ist die Schweiz bereit, eine bessere Besteue­­rung des ausländischen Ka­­pitals und dessen Erträge sicherzustellen. Dies soll mittels der Einführung einer Abgeltungssteuer erreicht werden.

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Ausländische Staaten erhalten so direkt Steu­­ersubstrat, das in Zeiten überborden­­der Fiskaldefizite sicher willkommen ist. Gleichzeitig bleibt die Privatsphäre un­­be­­scholtener Bürger gewahrt. Zusätz­lich werden sich Schweizer Banken in Zu­­kunft auf die Anwerbung von steuerkonformen Geldern konzentrieren. Zu guter Letzt setzt sich der Schweizer Finanzplatz für die Verbesserung des Marktzugangs für die Erbringung von Finanzdienst­leistun­gen aus der Schweiz ein. Der hiesige Fi­­nanzplatz ist durch Offenheit gegenüber dem Ausland und eine vorbildliche Re­­gu­­lierung charakterisiert. In diesem Sinne und vor allem auch im Zuge der Über­nah­­me des international gültigen OECD-Stan­d­­­­ards in der Amtshilfe sind unilaterale Dis­­krimi­nie­­rungen zwischen eng verbundenen Handels­­partnern inakzeptabel und gehören beseitigt.

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Das Gelingen dieser Vorwärtsstrategie hängt auch von jedem Einzelnen ab. Ver­­trauen ist das wichtigste Gut des Bankiers und der Finanzplatz Schweiz muss alles Erdenkliche unternehmen, um dieses Ver­­trauen nach der weltweiten Finanzkrise neu zu beleben.
Bankier zu sein ist nicht einfach nur ein Beruf. Bankier zu sein ist ein Engagement, eine Mission im Dienste des Kunden.

Jeder Mitarbeiter, vom Ge­­schäfts­­lei­tungs­­­mitglied bis zum Kun­­den­­berater, muss eigenverantwortlich zum Nutzen des Kun­­­­den und somit zum Woh­­le der Allge­mein­heit beitragen. Werte wie Nach­hal­tigkeit, Berechenbarkeit, Part­ner­­schaft und Mass­­halten müssen wieder zu Leit­­motiven un­­­­seres Handelns werden. Durch den Er­­halt dieser Werte wird die Schweiz im Konzert der internationalen Finanz­plätze weiterhin einen Spitzen­platz einnehmen und über einen starken und di­­versifizierten Finanzsektor verfügen.

Die Schweizer Banken, mit ihrer jahrhun­­der­­te­­alten Tradition, werden die Heraus­­forde­run­­gen annehmen, die nach der Fi­­nanzkrise auf sie warten. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich in einem schwierigen Umfeld be­­haupten müssen, und gewiss nicht das letzte Mal. Die neue Strategie wird die Wett­bewerbs­fähigkeit des Schweizer Finanzplatzes in der glo­­bali­­sier­ten Welt stärken und zur Pros­pe­­rität der Finanzbranche und des gan­­zen Landes beitragen. Vertrauen und Ver­­läss­­lichkeit sind seit jeher unsere Stärken. Der Moment ist gekommen, um Be­­währ­­tes zu stärken und Neues zu wagen. Gelingt uns dies, wird der Finanzplatz auch in Zukunft seine grosse volks­wirtschaftliche Bedeutung wahrnehmen.

patrick_odier-01_fPatrick Odier (Jahrgang 1955) hat in Genf und Chicago Wirtschafts- und Finanzwissen­schaften studiert. Odier ist seit September 2009 Prä­si­dent der Schwei­­zerischen Bankier­vereinigung SwissBanking und bereits seit Juli 2008 Se­­nior Partner bei Lombard Odier Darier Hentsch & Cie. Zudem ist er stellvertretender Vor­sitzender der Economie­suisse, dem Verband der Schwei­­zer Unternehmen.