Nikolaus Bachler: Wie Kultur und Wirtschaft mit Leistung und Leidenschaft den Standort fördern

Unsere Kultur sei ein vielgestalteter Mischwald, der für lebensnotwendige Frischluft sorge“, konstatierte einmal Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker zur Pflege der Kulturlandschaft. Doch insbesondere die großen kulturschaffenden Häuser kosten auch viel. Neben dem Staat können allerdings auch Unternehmen dazu einen Beitrag leisten, wie das Beispiel der Bayerischen Staatsoper zeigt.

 

Abend für Abend folgen über 2.000 Zu­­schauer der Bay­­­eri­­­­schen Staatsoper den Geschichten auf der Bühne, den Emoti­onen und Konflikten der Figuren, der Dramatik des Zu­­­­­­sam­­menspiels der Ins­­trumente und Stimmen. In der Mu­­­­sik beschreibt Harmonik den Zusammen­klang der Tö­­ne. Dabei ist es in der Musik wie auch in der szenischen Inter­pretation das Unerwartete, auch Dis­sonante und Sperrige, was uns aufhorchen beziehungsweise auf­­blicken lässt. Die griechische Göttin Harmonia war die Tochter von Mars und Venus – noch heute Syno­­nyme für zwei gegen­sätz­liche, aber sich ergänzende Prinzipien. Harmonie meint also nicht konfliktlose Übereinstimmung sondern Verei­­ni­­gung von Entgegenge­setztem zu einem stimmigen Ganzen. Oder wie Heraklit es ausdrückte: „Die schönste Harmonie entsteht durch Zusammenbringen der Gegensätze“. Und so verhält es sich auch mit Kunst und Wirt­­schaft. Das Emo­­­tionale und Intuitive der Kunst steht der ökonomisch rati­­onalen Effizienz der Wirtschaft gegenüber.

 

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Der Wirtschaftsstandort Bayern gehört zu den wirtschaft­­lich stärksten Regionen Europas. Die Attraktivität eines Stand­orts definiert sich aber nicht nur über die ansässige Wirtschaft und die dort ge­­nerierten Erträge. Unter­­neh­men schaffen Arbeitsplätze. Arbeitnehmer verlagern ihren Lebens­­mittelpunkt in die Region. Besonders hochquali­fizierte Arbeitneh­mer, häufig die wertvollste Ressource eines Unternehmens, machen dabei ihre persönliche Stand­­ortentscheidung auch vom Kulturangebot einer Region ab­­hängig. Und es muss nicht extra betont werden, dass Kultur einen maßgeblichen Einfluss auf Bildung hat. Schon auf Grund dieser zwei Faktoren ist Kultur für die Wirt­­­­schaft elementar. Außerdem produ­ziert ein reichhaltiges Kulturangebot Um­­wegrentabilitäten und ein kreatives Klima, was die Innovationsfähigkeit des Stand­­ortes erhöht. Dazu hat die vorhandene Kultur direkten Einfluss auf die Attrak­tivität einer Region für den Tourismus. Dort wo ihre Bedürfnisse erfüllt werden, möchten die Menschen sein. Neben wirt­­schaftlichen Faktoren trägt also auch das kulturelle Angebot einer Region maß­­geblich zur Stand­ortattraktivität bei. Nicht umsonst ist Bayern laut Ver­­­fassung ein Kulturstaat.

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen und finanziellen Ent­­wicklungen erfordern einerseits eine stärkere Orien­­tie­rung der Kultureinrichtungen an ökonomischen Prinzip­ien, und andererseits eine Neu­orientierung der Wirtschafts­­unterneh­men im Hinblick auf Unternehmenskultur und ge­sellschaftliches Engagement. Kul­­tursponsoring erlaubt es, die Bedürf­nisse beider Seiten zu erfüllen und von den Stärken des anderen zu profitieren. Die Unterschied­lich­­keit von Wirtschaft und Kunst kann somit zur Schaffung eines Mehrwerts genutzt werden, den keiner der beiden allein zu erzeugen ver­­mag. Gelingt dies, werden beide und in der Konsequenz auch der regionale Stand­­ort nachhaltig gestärkt. Wenn man sich die Beziehung zwischen Wirt­schaft und Kunst in Deutschland ansieht, vermittelt sich allerdings immer noch eher das Bild von weit voneinander entfernt dahintrudelnden Planeten als von sich gegen­sei­tig anziehenden Polen. Spenden und Spon­­soring nehmen mit rund 30 Milli­onen Euro insgesamt gerade einmal 1 Prozent des Gesamtbudgets von rund 2,8 Mil­liarden Euro der Deutschen Theater ein. Es gibt also großes Entwicklungs­potential.

Vorausgesetzt Kultursponsoring wird professionell be­­trieben. Denn wie bei allem, sei es in der Welt der Unter­­nehmen oder der Kunst, ist Absicht zwar löblich, führt aber allein selten zu Spitzenergeb­nissen. Gießkannen- und Zu­­fallsprinzip können auch bestenfalls zu Zufallser­folgen führen. Die Bayerische Staatsoper hat 2002 begonnen ihre Sponsoring-Aktivitäten zu professionalisieren und konnte dadurch ihre Fundraising-Einnah­­­­men um 490 Prozent stei­­gern. Die Zahl unserer Sponsoren ist seit dem von 3 Un­­ter­­nehmenspartnern auf 170 gewachsen. Viele Partner­schaften bestehen dabei seit mehreren Jahren und werden kontinuierlich weiterentwickelt.

Im Gegensatz zu Spenden, bei denen der Förderer einen finanziellen Beitrag ohne Gegenleistung gibt, geht es im Sponsoring um gegenseitigen Leistung­saustausch. Wie aber sieht ein gleichwertiger Leistungsaustausch zwischen Wirtschaft und Kunst aus?

Während auf Seiten der Kulturinstituti­onen eine Erhöh­ung­­ der Eigeneinnahmen und dadurch unter anderem die Ver­­wirk­­lichung zusätzlicher Projekte wie Kinder- und Jugend­­theater und zeitgenössischer und innovativer Ex­­pe­­rimente erreicht werden kann (obwohl die Generierung von Drittmitteln nicht als ein Ersatz für notwendige und gesellschaftlich auch gerechtfertigte Subventionen ver­­standen werden darf), liegen die Haupt­vorteile des Kultur­­sponsorings für Unter­nehmen vor allem in den drei Be­­rei­chen Repu­tationssteigerung, Mitarbeitermoti­vation und Kundenbindung. So werden Sponsor­ingengagements in der Regel positiv wahr­­genommen und verbessern das An­­­­sehen der Unternehmen. Das Ver­trauen der Kunden gegen­­­­über dem Unter­neh­men steigt und wirkt sich so positiv auf die Kundenbeziehung aus. Zudem er­­höhen sich sowohl die Gesamtzufrie­den­heit als auch die Weiter­empfeh­lungs­­­be­reitschaft der Mitarbeiter von Unter­neh­men, die Kultur­­sponsoring betreiben.

 

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Um allerdings die Vorteile und Synergien, die sich aus Kultursponsoring ergeben können, zur Gänze auszuschöpfen, muss die Verbindung als Partnerschaft und nicht nur als Geschäftsbeziehung verstanden werden. Die Abstim­mung von Erwartungen und Zielen, sowie die Über­­ein­stimmung von Werten und Passgenau­igkeit der Identi­täten ist die Grundlage professioneller Kultursponsoring Aktivi­­­täten. Die Marke des Unternehmens sollte zur Kultur­­einrichtung passen und die Zielgruppen einander entsprechen. Nur so kann sich eine wirkliche, nach innen und außen authentische Partnerschaft entwickeln.

Darüber hinaus spielt regionale Anbin­dung eine große Rolle. Für Unternehmen ist Kultursponsoring besonders wirkungs­­­­voll, wenn gesellschaftliche Verantwor­tung und Engage­ment dort demonstriert werden kann, wo Mit­arbeiter und Kunden davon profitieren.

Die Bayerische Staatsoper ist mit ihrem internationalen Renommee das „kulturelle Flaggschiff“ Bayerns. Heraus­­ragende Diri­­genten, spannende Regisseure, exzellente Sänger und Musiker kreieren Spielzeit für Spielzeit ein innovatives und sinnliches Programm, das unsere künstlerisches Profil nachhaltig bestimmt. Weit über 500.000 Besucher pro Jahr und eine Auslastung von über 96 Pro­­zent bestätigen die Bedeutung der Bayeri­schen Staats­oper für die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Bayern und lassen erahnen, welche Reichweite durch Kultur­sponsoring möglich wird.

Und die regionale Verbindung von Wirt­schaft und Kunst hat einen weiteren ent­­scheidenden Vorteil. Sie erlaubt den Auf­­bau und die Pflege von Netzwerken. Ein Großteil unserer Sponsoren ist in Spon­sorenzirkeln zusammengefasst, deren Attraktivität auch von einem Zugehörig­keits­gefühl herrührt: Gemeinsam unter­­stützen die Mitglieder eine Kulturinsti­tution mit deren Werten sie sich identifizieren.

Der Premium Circle der Bayerischen Staats­­oper ist also zum Beispiel nicht nur ein ausgewählter Kreis von Spon­­­soren aus Top-Unternehmen, sondern bildet auch ein ge­­meinsames Forum und hoch­­karätiges Netzwerk aus Ver­­tretern von Wirtschaft und Kultur. Dies bietet die Mög­lichkeit zu Diskussionen über Themen, die sowohl für die Kunst als auch die Industrie relevant sind.

Im Kultursponsoring geht es also nicht nur um den Aus­­tausch von Geld oder Leistung sondern auch um ge­meinsames Engagement. Und was daraus entsteht ist mehr als ein Geschäftsverhältnis. Es entstehen Partner­­schaften und Freund­schaften im Streben nach gemeinsamen Zielen. Damit gelingt es Kunst und Wirt­­schaft zu­sammen Verantwortung für die Region und die Gesell­schaft zu über­­nehmen.

Und so wie aus Mars und Venus trotz oder wegen ihrer Verschiedenartigkeit Harmonia entstand, ermöglichen Spon­soring-Partnerschaften zwischen Wirt­­schaft und Kunst einzigartige Kompo­sitionen aus sich ergänzenden Gegen­sätzen, die maßgeblich zur Attraktivität und Förderung des Standortes Freistaat Bayern beitragen.

 

Nikolaus-Bachler-c)-Markus-Jans_052Der Autor wurde am Wiener Max Rein­hardt Seminar in Schauspiel ausgebildet und 1987 künstlerischer Leiter an den Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. 1990 wech­­selte er zum Taller Europe Paris, 1991 als Intendant zu den Wiener Festwochen und anschließend als Direk­tor der Volksoper Wien. Von 1999 bis 2008 leitete Niko­laus Bachler das Wiener Burgtheater. Seit­her ist er Intendant der Bayerischen Staats­oper.