Monika Reule: Wein trifft moderne Architektur

Weigut Eppelmann in Stadecken-Elsheim

Weingüter haben über Jahrhunderte ihre Produkte mit herrschaftlichen Residenzen gefeiert. Diese Anwesen sind auch heute noch touristische Attraktionen. Mit ambitionierten Neu-, Um- und Anbauten haben zahlreiche rheinland-pfälzische Winzer diese Tradition aufgegriffen, um Wein und Architektur in einzigartiger Weise zu verbinden.

So wie sich das Image des deutschen Weines in der jüngeren Vergangenheit zum Positiven entwickelt hat, so modern und zeitgemäß präsentieren die Erzeuger heute hierzulande ihre Weine. In allen deutschen Weinbaugebieten entstanden in den vergangenen Jahren zahlreiche moderne Vinotheken als repräsentative Aushängeschilder von Weingütern, Kellereien und Winzergenossenschaften. Um diese Entwicklung zu unterstützen, hat das Deutsche Weininstitut (DWI) im vergangenen Jahr erstmals 50 Vinotheken in allen 13 deutschen Anbauge­bieten ausgezeichnet, die nach strengen Qualitätskriterien aus rund 200 Bewerbungen von einer Fachjury ausgewählt wurden. 31 von ihnen liegen im größten deutschen Weinbau treibenden Bundesland Rheinland-Pfalz. Ob in großen weitläufigen Hallen oder in kleinen gemütlichen Gemäuern, ob als kompletter Neu­­bau oder im alten Bestand integriert – individuell und eigen sind sie alle. Aus architektonischer Sicht bilden die ausgezeichneten Vinotheken­ ein breites Spektrum des modernen Wein­­deutschlands ab. Es reicht von stilvoll renovierten, zum Teil denkmalgeschützten Gebäuden bis hin zu spektakulären Neu­­bauten mit eindrucksvollen Aussichten in die Weinland­schaften. Sie verbinden das Alte mit dem Neuen, bestechen durch ihr architektonisches Design und ihr spektakuläres Interieur. Hier ein kleiner Einblick in die Vielfalt der ausgezeichneten rheinland-pfälzischen Vinotheken.

Die Hingucker. Einige Winzer haben renommierte Archi­tekten mit der Gestaltung ihrer Vinothek beauftragt, um den faszinierten Betrachter anzuziehen und hineinzuziehen. Ein gutes Beispiel dafür ist das jahrhundertealte Weingut von Peter Regnery und seiner Frau Andrea in Klüsserath an der Mosel. „Bloß nichts Eckiges“ war ihre Vor­­gabe an ihren Architekten, der einen geschwungenen Bau in sanften Rundungen aus Stahl, Holz und Beton entwarf und ihn hinter einem hohen Vorhang aus Eichenbalken versteckte. So ge­­wagt die Architektur auch sein mag, ent­­schei­dend ist der ge­­lungene Einklang mit der Um­­ge­­bung, die harmonische Ei­­n­­bettung in die Landschaft als Herz­­stück des eigenen Wein­­guts.

Die Ausblicke. Der örtliche Vorteil einiger Weingüter und ihrer Vinotheken ist allein schon die erhöhte Lage. Ob oben auf einem Hügel oder an der Hanglage über einem Fluss, solche Standorte lassen sich bestens nutzen, um den einzigartigen Ausblick in die malerische Landschaft noch stärker in den Vordergrund zu rücken. So etwa bei Ludger Veit in Ozann-Monzel, dessen Vinothek einen der schönsten Aus­­sichtspunkte über die gesamte Mittelmosel bildet, oder beim Weingut Ökonomierat Isler in Neustadt an der Weinstraße mit einem fulminanten Panoramablick über das Pfälzer Rebenmeer. Und bei wem es standortbedingt allein mit einer Glasfront nicht reicht, der hilft eben mit einem Turm nach, so wie auf dem Weingut Eppelmann in Stadecken-Elsheim, wo die Turmterrasse einen schönen Ausblick in das liebliche Rheinhessen bietet.

Das Interieur. Die perfekte Komposition der Innen­ein­richtung ist eine Herzensangelegenheit vieler Betriebe, schließ­­lich soll eine Vinothek authentisch sein und zur Philosophie des Weinguts passen. So versprüht das „Vinoforum“ des Weinguts von Rolf Gansen und Karl Andries an der Mosel echtes Keller-Ambiente: Von der Decke des 700 Qua­drat­meter großen Gebäudes hängen über den Tischen 51 Barri­­quefässer. Und im Weingut Matthias Müller am Mittel­­rhein erinnern verschiedene Grün-Nuancen in der 16 Meter langen Fensterfront an das Weinlaub und Erdtöne an den Schieferboden im Weinberg. Es müssen aber nicht immer Materialien und Assoziationen zu Weinberg oder Keller sein, es reicht auch schon eine Ahnengalerie. Auf dem Weingut Emmerich-Koebernick in Waldböckelheim an der Nahe muss man gleich nach dem Eingang in die Vino­thek nur einen Blick nach oben werfen, dort sind etliche Bilder angebracht mit Impressionen aus neun Generationen der eigenen Familie.

Weinhaus Anton in Kirrweiler in der Pfalz

Die Events. Immer mehr Inhaber von Vinotheken bieten rund um die traditionellen Verkostungen ein buntes und unterhaltsames Programm an, das von der Freizeit­­ge­staltung bis zum Kulturevent reicht. Fester Bestandteil eines Besuchs im pfälzischen Weingut Josef Köhr etwa ist der Plan­­wagen, auf dem es nach dem Besuch der Vinothek „Wine­­lounge“ einen Erlebnistag auf dem Weingut gibt. Den ganzen Tag sind die Besucher auf einer mehrteiligen Weinprobe unter­­wegs, bei der an verschiedenen Stationen die passenden Weine verkostet werden. Einige Vinotheken locken auch mit Vernissagen und Musik. Das Weinhaus Anton in Kirrweiler in der Pfalz etwa veranstaltet ab und an Live-Konzerte. Dass es auch ruhiger geht, beweist ebenfalls in der Pfalz Nicole Graeber. Die Winzerin bietet in ihrer 80m² großen Vinothek Sensorik-Seminare an, zum Sehen, Riechen, Fühlen und Schmecken – ein Event für die Sinne.

 

Die Genossenschaften. Wie gut und geschmackvoll sich die eigene Marke in einer schönen und ausdrucksstarken Vinothek präsentieren lässt, das haben auch viele Ge­­nossen­­schaften erkannt. So etwa die Weinmanufaktur Walporzheim an der Ahr, wo zahlreiche Angebote über die kulinarischen Fein­­heiten des angegliederten Restaurants „Vinetum“ hinaus auf den Besucher warten, von der geführten Wanderung ent­­lang des 35 Kilometer langen Rotweinwanderwegs bis hin zu thematischen Events wie „Schokolade & Wein“ in der hell und mo­­dern gestalteten Vinothek. Oder auch die Winzergenossenschaft Herxheim am Berg, die mit ihrer neuen 160 m² großen „Vino­­thek 212 N.N.“ eine der höchstgelegen in der Umgebung errichtet hat, wo man in  stilvollem Ambiente und mit freiem Weitblick über das Pfälzer Rebenmeer den Tag bei einem guten Glas Wein ausklingen lassen kann.

Alle 50 ausgezeichneten Vinotheken werden in einem 114-­­seitigen Sonderheft des Magazins „Abenteuer und Reisen“ mit dem Titel „Wein aus Deutschland“ portraitiert, das bundesweit im Zeitschriftenhandel sowie im DWI-Online-­­Shop erhältlich ist. Die Publikation enthält darüber hinaus Kurzportraits aller Weinbaugebiete und von jungen, wilden Weinmachern oder auch eine kleine Ge­­schmacks­schule der Aromen von den wichtigsten deutschen Reb­­sorten. Das DWI stellt die 50 Preisträger zudem online unter www.vinotheken.deutscheweine.de vor. Auffind­bar sind die Betriebe auch über die interaktive Landkarte auf der Startseite der DWI-Homepage deutscheweine.de.

Monika Reule
Die Autorin leitet seit dem 1. April 2007 als Vorstand des Deutschen Weinfonds (DWF) sowie als Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts (DWI) und der Deutschen Weinakademie (DWA) die Geschicke des Gemeinschaftsmarketings für Weine aus den deutschen Anbaugebieten.