Mohamed Saidi: Tunesien setzt auf Kulturtourismus

Dass in Tunesien Kultur großgeschrie­­­­ben wird, ist bekannt. Die Spuren von 3.000 Jahren Kulturgeschichte lassen sich in den zahlreichen archäologischen Sehenswürdigkeiten entdecken, darunter das legendäre Karthago, das drittgrößte römische Kolosseum der Welt von El Jem, die Sidi Oqba Moschee in Kairouan, ein Meisterwerk arabischer Architektur, oder die baulichen Berbertraditionen im Süden des Landes, die antiken Städte im Norden Tunesiens wie Dougga, Bulla Regia und Thuburbo Majus oder die beeindrucken­den Ausgrabungsstätten von Sbeitla und Haidra, die römische, vandalische und byzantinische Spuren ins sich tragen.

Sieben historische Stätten gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO und die zeit­­genössische Kunst boomt seit der Revo­­lution. Der Kulturtourismus in Tunesien ist ein strategischer Schwerpunkt des tu­­nesischen Tourismusministeriums für die Förderung des Landes als Ganz­­jahres­­destination.


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Diese Kulturstätten Tunesien gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO: das Kolos­­seum von El Jem (1979), die Ruinen von Karthago (1979), die Medina von Tunis (1979), die punische Stadt Kerkouan und ihre Totenstadt (1985), die Medina von Sousse (1988), die Medina von Kairouan (1988) und die Ruinen der antiken Stadt Dougga (Thugga) (1997).

Um die zahlreichen Ausgrabungsstätten, Museen und Monumente für den Besucher noch besser zugänglich zu machen und sie dem europäischen Standard und Be­­dürfnissen der Besucher anzupassen, ver­­folgt das tunesische Kulturministerium in Zusammenarbeit mit dem Touris­mus­­ministerium und den verschiedenen kul­­­turellen und touristischen Partnern einen Masterplan zur Instandhaltung des tune­­sischen Kulturerbes, zur Modernisierung der Museen und zur Schaffung neuer kulturtouristischer Routen.

So wurden in den letzten Jahren zahlreiche staatliche Museen grundrenoviert wie unter anderem die Museen von Djerba und Sousse. Ein großes Augenmerk hierbei fällt auf das Bardo Museum in Tunis, das weltweit die größte Sammlung rö­­­mischer Mosaike präsentiert. Es wurde nicht nur komplett renoviert, sondern auch um einen modernen Anbau erweitert. An­­nähernd 6.000 m² dieser wunderbaren Zeugnisse einer vergangenen Zeit umgeben den Besucher. Das römische Tunesien war reich an großflächigen Mosaiken. Sie zierten edle Villen, Patios oder Häuser­­fronten. Die Mosaike reflektieren getreu das Alltagsleben und erzählen in un­­­zähligen farblichen Nuancen das Leben der großen Ländereien, der Jagd oder der Spiele im Kolosseum. Oft sieht man auch mythologische Themen, die damals be­­­sonders geschätzt waren, wie der Triumph des Neptuns, die Nereiden oder der Wagen des Dionysos. Wer genau hinschaut, ent­­deckt in diesen Kunstwerken zuweilen auch Szenen mit versteckter Ironie.
(www.bardomuseum.tn)


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Das ganze Jahr über finden verschie­­dene Kulturfestivals in Tunesien statt. Das wohl bekannteste ist das Internationale Sahara­­f­estival von Douz, das immer am Ende des Jahres, zahlreiche Fans von Drome­­darrennen, schwindelerregenden Tänzen oder exotischen Fantasiaspielen anlockt. Aber auch das internationale Klassik-Fes­­tival in dem Kolosseum von El Jem oder das Falkenfestival von El Haouaria lassen die Herzen höher schlagen.

Von großem Interesse und perfekt für die Förderung eines kulturellen Städte­tou­ris­­mus ist in diesem Zusammenhang das Street Art Festival „Dream City“. Nach 2007 und 2010 fand diese beachtliche Medina-Kunstbiennale zum dritten Mal im Oktober 2012 statt. Unter dem Motto „Der Künstler und die Freiheit oder Paradise Now“ ließen die Organisatoren tunesische Künstler die Medina von Tunis und von Sfax neu beleben und gaben der Kunst im öffentlichen Raum ihren Platz. Hinter hohen Türen, auf den Terrassen und auf den Plätzen dieser so atemberaubenden Altstadt von Tunis tummelten sich junge und nicht ganz so junge Leute. Konzerte, Performances und Ausstellungen luden zum Tanzen und Staunen ein.
Und überhaupt, Tunis und sein malerischer Vorort Sidi Bou Said haben sich seit ge­­­raumer Zeit zu einem Geheimtipp in Sachen zeitgenössischer Kunst ent­­wick­­­elt. Das blau-­­­­weiße Künstlerörtchen wurde ja schon durch August Macke und Paul Klee weltbe­­­rühmt. In ihren Werken verewigten sie dieses so betörende Licht und die archi­­te­­k­­­tonische Besonderheit des Ortes. So ist es auch kaum verwunderlich, dass sich auch heute noch die Künstler hier tummeln und bedeutende tunesische Galerien das Städt­­­­chen zu einem Hot Spot der Künste machen.

Wenn man von Kulturtourismus spricht muss man auch gleichermaßen von Alter­­­nativtourismus oder nachhaltigem Tou­­ris­­mus sprechen. Privates Engagement und ein Wille zu Neuem ließen traumhafte Gebilde entstehen. Der Alternativ­touris­mus gehört zum festen Bestandteil der tunesischen Tourismuspolitik. Denn noch mehr als die Schönheit edler Häuser zu zeigen, bringt er den Tourismus in Re­­­gio­­nen, die fernab der Küste liegen, jedoch umgeben sind von kulturellen oder land­­­schaftlichen Besonderheiten. Im Vor­­der­­­­­grund steht der Mensch, der Bürger. Der Gast erlebt die Vielfalt und die Kultur Tunesiens hautnah.

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So werden zum Beispiel im Norden des Landes in der Gegend von Zaghouan, Bi­­­zerte und El Kef neue Konzepte für geo­­logische Erkundungstouren zu verschie­­densten Grotten entwickelt. Auch gibt es verschiedene internationale Kooperationen, um etwa historisch bedeutende Regionen in Hinterland wie El Kef, Bulla Regia oder Kasserine ihren Platz zu geben.

Besondere Beachtung verdienen die Hôtels de Charme bzw. Maisons d’hôtes. Ein wahres Eldorado für Individualisten. Heute gibt es an die 150 im ganzen Land, von der Küste bis in die Wüste. Das Angebot reicht von märchenhaften Palasthotels über ökologisch orientierte Designhotels und gemütliche Gästehäuser bis hin zum Luxuscamping im Berberdorf. Überall im Land gibt es diese komfortablen und oft recht luxuriösen Flairhotels, in denen die Gäste nicht nur in wunderbarem Am­­­biente nächtigen, sondern auch wie Fami­­lien­­mitglieder empfangen werden und Einblicke in das authentische Leben der Tunesier gewinnen. Dabei wird immer ein großes Maß an Intimität gewahrt.

Jedes Haus erzählt seine eigene Ge­­­schichte. Die Menschen, die diese beson­­deren Unterkünfte schufen, sind Poeten, Tänzer, Architekten, Kunstschaffende – kurz: Individualisten, die das Vergangene bewahren und dem Gast die Kultur des Landes unmittelbar nahebringen.

 

MohamedSaidiPhoto-KopieDer Autor ist Direktor des Touris­mus­­büros Tunesiens in der Bundesrepublik Deutschland.
Weitere Informationen:
www.tunesien.info