Britta Ernst (Ministerin für Schule und berufliche Bildung des Landes Schleswig-Holstein): Duale Ausbildung – Erfolgsgeschichten aus Schleswig-Holstein

Bildung bestimmt in zunehmendem Maße individuelle Lebenschancen, die Wohlfahrt von Generationen und die Zukunft moderner Gesellschaften. Die hochgradig organisierten Bildungs- und Ausbildungsgänge sind Voraussetzung für Chancen auf dem Arbeitsmarkt und in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Doch der Spagat zwischen notwendigen Investitionen und dem Abbau vorhandener Haushaltsdefizite stellt Politik wie Gesellschaft vor große Herausforderungen.

 

1. Die Duale Berufsausbildung ist ein sehr guter Weg der Beruf­lichen Qualifizierung und des Übergangs von der Schule in die Er­­werbsarbeit. Die Verbindung von Ausbildung im Betrieb und in den Schulen garantiert eine gute Vorbereitung und sichert die Qualität der Arbeit in Deutschland. Nicht zuletzt die im euro­­pä­­ischen Vergleich niedrige Jugendarbeitslosigkeit ist ein Be­­leg dafür. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der jugend­­lichen Arbeitslosen auch in Schleswig-Holstein halbiert.

Die Voraussetzungen in Schleswig-Holstein fordern heraus. Sie zeichnen sich durch gegensätzliche Entwicklungen aus. Auf der einen Seite ist der Anteil der Auszubildenden und der aus­­bil­­denden Betriebe sowie die Übernahmequote nicht zufriedenstellend.

Gleichzeitig ist es in bestimmten Branchen und Regionen schwieriger geworden, Arbeits- und Ausbildungsplätze zu be­setzen. Im September 2015 meldete die Bundesagentur für Arbeit in Schleswig-Holstein 1.227 unbesetzte Ausbildungsplätze.

So suchen einerseits einige Schulabgängerinnen und Schulab­­gänger vergeblich nach Ausbildungsplätzen, andererseits konkurrieren Unternehmen um gut ausgebildete Beschäftigte und um gut qualifizierte junge Menschen.

Schleswig-Holstein hat auf dieses „Mismatching“ reagiert. Die Landesregierung Schleswig-Holstein hat 2012 gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden, Kammern, der Bundesagentur für Ar­­beit, Gewerkschaften, Hochschulen und den Kommunalen Spitzen­­verbänden eine Fachkräfteinitiative ins Leben gerufen. Seit dem 1. Mai 2015 arbeitet das Kompetenzzentrum Fachkräfte­­sicherung und -weiterbildung an der Verbesserung von Bildungs- und Aufstiegschancen, der Hebung von Fachkräfte­­potenzial und Schaffung besserer Erwerbschancen, an der Stärkung einer Fachkräftebindung und an einem gezielten Standortmarketing.

Das Ministerium für Schule und Berufsbildung wird seinem Namen und der Aufgabenerweiterung um die generelle Zuständig­­keit für die Berufliche Ausbildung gerecht und wirbt u.a. mit einer Themenwoche in einem regionalen Radiosender für die Duale Berufs­­ausbildung und verbessert die Berufsorientierung an den Ge­­meinschaftsschulen und Gymnasien. An 13 Standorten finanziert das Ministerium außerdem mit rund einer Millionen Euro jährlich 15 Regionale Ausbildungsbetreuerinnen und -betreuer, die Ausbil­­dungs­­abbrüchen entgegenwirken und so auf eine überdurch­schnitt­­lich hohe Quote an Abbrüchen reagieren. Viele bleiben so der Dualen Ausbildung erhalten und wechseln nur den Betrieb.

Erfreulicherweise ist die Zahl der Verträge 2015 um 399 Verträge auf 20.196 gestiegen. Auch die Zahl der Schulabbrecher­innen und -abbrecher ist aktuell rückläufig.

2. Berufliche Schulen in Schleswig-Holstein sind zentrale Stand­­ortfaktoren einer mittelständisch geprägten Wirtschaft. Sie sichern die Ausbildung in der Fläche. Unser Ziel ist es, die erfolgreiche Sozialpartnerschaft in der Beruflichen Bildung zu verstärken. Dafür suchen wir nach einer breit getragenen Organisations­struktur, bei der wir die Kammern, Unternehmensverbände und Gewerkschaften stärker einbeziehen.

Wir arbeiten daran, dass weniger Schülerinnen und Schüler die Schulen ohne einen Abschluss verlassen. Dazu bietet das Hand­­lungs­­konzept Plus ein Coaching und eine Potenzialanalyse für jährlich 3.000 Jugendliche. Finanziert werden die 40 Millionen Euro bis 2020 durch Ministerium für Schule und Berufsbildung, Europä­­ischen Sozialfonds und Regionaldirektion Nord. An 60 Gemein­­schafts­­schulen in Schleswig-Holstein gibt es 114 flexible Übergangs­­phasen (Flex-Klassen) mit fast 2.000 Schüler/innen, und in zehn Praxisklassen profitieren jährlich etwa 140 Schüler/innen von einem sehr starken Praxisanteil in ihrer Unterrichtszeit. Und die neu eingerichteten sieben Produktionsschulen bieten für 287 Teil­neh­­mende zwei Tage Schule und drei Tage im Betrieb.

Damit „Niemand verloren“ geht, haben wir in Schleswig-Holstein Jugendberufsagenturen (JBA) auf den Weg gebracht. In verbindlichen Kooperationen stimmen die Akteure im Übergang von der Schule in den Beruf ihre Arbeit miteinander ab. Kommune (Jugend­­hilfe), Schulen, Jobcenter und Bundesagentur für Arbeit sind für die jungen Menschen als Hilfe aus einer Hand erkennbare Anlauf­stellen. Schleswig-Flensburg, Nordfriesland, Dithmarschen, der Kreis Pinneberg sowie Neumünster und Kiel haben sich auf den Weg gemacht, unterstützt durch das Bildungsministerium. In Neumünster wurde die erste JBA bereits eingeweiht. Auch das Übergangssystem in den Berufsschulen selbst wird verändert. Wir fassen das Ausbildungsvorbereitende Jahr und die Be­­rufs­­eingangsklasse zum AV.SH, der Ausbildungs­vorbereitung Schles­wig-Holstein zusammen. Unser Ziel – und unser Wunsch – ist eine „Dualisierung“, d. h. eine Verbindung mit der Praxis in den Betrieben.

Die Maßnahmen allein würden zu kurz greifen, wenn wir nicht auch die Attraktivität der Dualen Ausbildung stärkten. Die Betriebe stehen stärker als früher im Wettbewerb um junge Menschen, um Fachkräfte. Sie müssen sich dem Wunsch stellen, einen Beruf und einen Betrieb zu finden, in dem man sich wohl fühlt und die Möglichkeit hat, Arbeit und Familie gut zu vereinbaren. Dazu gehört auch, nach einer Ausbildung genug für die Gründung einer Familie zu verdienen. Wir arbeiten auch an der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Der Deutsche Qualifikationsrahmen ist ein Meilen­­stein auf diesem Weg. Alle seine acht Niveaus können sowohl über den Weg einer beruflichen Ausbildung als auch durch allgemeine Hoch­schulreife erreicht werden. Hinzukommen muss eine stärkere Durch­­lässigkeit zwischen den einzelnen Bildungsbausteinen, damit kein Bildungsweg als Sackgasse empfunden wird. Selbst wenn nur wenige es nutzen, erhöht allein schon die Möglichkeit, über den Meister (und ggf. ohne Abitur) an einer Hochschule stud­­ieren zu können, die Attraktivität der Dualen Ausbildung. Aus­­baufähig ist ebenso die Möglichkeit, begleitend zur Ausbildung die Fachhochschulreife zu erreichen, Angebote des Dualen Stu­diums aber auch Anrechenmöglichkeiten von Leistungen aus einem (abgebrochenem) Studium.

Auch die Zahl der Schulabbrecher ist aktuell rückläufig. Wir wollen, dass junge Menschen nicht beschränkt werden, sondern im Gegenteil durch Eltern und Schulen auf beste Weise unterstützt werden und ein erfülltes Berufsleben erreichen. Dabei zeichnen sich erste Erfolge ab.

Ernst_2016_hoch_mittelBritta Ernst
Die Autorin ist seit 1978 aktives Mitglied in der SPD, von 1991 bis 1993 als Mitglied der Bezirksversammlung Altona. 1993 wurde sie persönliche Referentin von Senatorin Traute Müller. 1994 bis 1997 folgte eine Anstellung als persönliche Referentin von Senator Thomas Mirow. Britta Ernst war von 1997 bis 2011 Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft, seit dem 16. September 2014 ist sie Ministerin für Schule und berufliche Bildung in Schleswig-Holstein.