Michael Kuchenbecker: Zur Zukunft der deutsch-chinesischen Vernetzung im Logistiksektor

China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner außerhalb Europas und in kurzer Zeit zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Der Handel mit dem wachsenden Riesen in Fernost fordert auch die Logistik heraus. Die Logistics Alliance Germany (LAG) hat die ­stärkere Vernetzung der Logistikbranche zwischen beiden Ländern auf der Agenda.

 
Im Jahr 2009 hat China den damaligen Exportweltmeister Deutschland überholt und 2013 auch die USA als größte Handelsnation abgelöst. Für China sind damit die USA und Europa die wichtigsten Handelspartner.

Deutsch-chinesische Wirtschaftsbeziehungen heute
Das Bruttoinlandsprodukt Chinas hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten verfünfzigfacht. War Chinas Wirtschaft zunächst produktions- und exportorientiert, entwickelt sich diese zunehmend konsumorientiert. Dies liegt nicht zuletzt an einem Binnen­markt mit 1,34 Mrd. Menschen und einer wachsenden Mittelschicht, die sich primär in den Küstenregionen konzentriert.

Die größten Logistikzentren des Landes sind Shanghai, das Perlflussdelta und Beijing. In Shanghai ist der größte Hafen der Welt beheimatet und Hong Kong verfügt über das effizienteste Umschlagzentrum in „Greater China“. Von den zehn größten Containerhäfen liegen sieben in Asien, davon Shanghai, Hong Kong und Shenzhen auf den vordersten Plätzen.

Das China von morgen. Für die Zukunft werden neue Transportwege nicht nur von Asien nach Afrika, sondern auch nach Südamerika erwartet. Wachsender Wohlstand und steigende Löhne sorgen für ein weiteres Wachstum innerasiatischer Ver­kehre durch eine Abwanderung der Produktion in Nach­barländer. Bis 2030 sollen 17 der 25 größten bilateralen See- und Luftfrachtrouten nach China führen. Die Waren­ströme zwischen Deutschland und China sollen bis 2030 mit mehr als 200 Mrd. USD das fünftgrößte Volumen weltweit erreichen.

Die Verstädterung verändert zusammen mit Einkom­menszuwächsen der städtischen Bevölkerung auch deren Lebensweisen und Konsumgewohn­heiten. Diese manifestieren sich in der steigenden Be­­deu­­tung von B2C-Lösungen und E-Com­merce-Angeboten, einem Markt, der 2014 in China auf 274,5 Mrd. USD ge­­wachsen ist.

Chinesische Konsu­men­ten fragen ver­­stärkt Frische­pro­dukte wie Fleisch und Mol­­kerei­produkte nach. China soll 2015 die USA als größten Lebensmittel­markt ablösen. Deutsche Molkereien sind inzwi­schen führend bei Trink­milchexporten in das Reich der Mitte. Diese Trans­porte erfordern Lösungen für die Kühl­kette sowie effiziente Transport- und Distributionsnetze mit Um­­schlag­­stand­orten im Inland. Für das Segment der Kühllogistik wird ein Wachs­tum von jährlich 25 Prozent erwartet. Roland Berger prognostiziert ein Marktvolumen von rund 470 Mrd. Yuan (ca. 57 Mrd. Euro) bis zum Jahr 2017. Ent­sprechend nach­­­­­­gefragt ist Know-how zum Aufbau und Betrieb der Netze.

Es bleibt abzuwarten, ob sich Logistikangebote auf der Schiene in der Nische zwischen Luftfracht und Seetrans­port durchsetzen werden. Prominente Beispiele sind Pro­­jekte wie die „Neue Seidenstraße“, der „Yuxinou“-Zug von DB Schenker via Transsib zwischen Duisburg und Chong­qing im chinesischen Hinterland.

China bleibt auch zukünftig ein Wachstumsmotor im Ma­­schinenbausektor und weiterhin Werkbank der Welt. Ins­­besondere hier stellen die steigenden Lohnkosten be­­son­dere Herausforderungen und sorgen für eine wach­­sende Nachfrage nach Automatisierung, Effi­zienz­steigerung und logistischer Vernetzung.

Innerhalb von zehn Jahren hat sich China mit rund 14,5 Mio. Kraftfahrzeugen zum größten Automobil-Pro­duk­tions­­standort der Welt entwickelt und hat seine Fahr­zeug­pro­duktion verzehnfacht. Das Beratungsunter­nehmen PwC sieht bis 2017 ein beträchtliches Wachstum von weiteren 86 Prozent. Für dieses Wachstum sind neue Kapazitäten und stabile Versorgungsketten notwendig. Zusammen mit den unterschiedlichen infrastrukturel­len Vo­raussetzun­gen der Provinzen erwachsen hie­raus neue logistische Heraus­forder­ungen, vor allem hinsichtlich Pünktlichkeit, Flexibilität und Kapa­zi­tät. Durch unterentwickelte Straßen­ne­tze und schlecht aus­gebaute Schie­nen­netze ist von einem Anstieg der Logis­tikkosten auszugehen.

Daneben ist China derzeit der drittwichtigste Produk­tionsstandort für die chemische Industrie. Das Wachstum im Chemiesektor ist mit 10 bis 20 Prozent überdurchschnittlich. Daraus resultieren hohe Anforder­ungen an die Sicherheit und entsprechende Dienst­leis­tungsangebote einschließlich IT-Systeme zur Pla­­­nung und Steuerung der Lieferketten. Die hohen Sicherheits­standards der internationalen Logistikanbieter dürften also noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Herausforderungen. China hat bereits große Anstrengungen unternommen, den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur dem Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung anzugleichen. Insbeson­de­re die Anbindung der Industriemetropolen im Landesin­neren und der Auf­­bau eines nationalen Logistik­netzes bleiben eine große Her­­ausforderung für den chinesischen Staat. Trotz massiver Inves­titionen – allein in 2013 wurden 14 Mrd. EUR für den Aus­bau von Straßen-, Schienen- und Was­serstra­ßen­in­frastruktur sowie Flug­häfen inves­tiert – kann der Ausbau kaum mit der wirtschaftlichen Ent­wicklung Schritt halten.

Neue Marktsegmente wie der boomende E-Commerce-Bereich setzten funktionierende logistische Strukturen als Rückgrat der Warenwirtschaft voraus. Diese Ent­wicklung bietet erhebliche Wachstumspotenziale für spezialisierte Logistiker im Bereich Kontraktlogistik.

Großes Interesse besteht von chinesischer Seite an Lo­gis­tik-Know-how sowie Standards und Vorschriften, die einen Effizienzgewinn und eine Erhöhung von Sicher­heit und Zuverlässigkeit logistischer Prozesse erwarten lassen.

Branchenübergreifend sind die steigenden Lohnkosten ein limitierender Faktor für die Produktion. Erzielte Produktivitätsfortschritte reichen nicht aus, um die Lohnzuwächse auszugleichen. Auch die Zunahme von Hochtechnologie erfordert eine immer größere Zahl qualifizierter Fachkräfte. Hier könnte nicht nur fachlicher, sondern auch ausbildungsbezogener Know-how-Transfer aus Deutschland Abhilfe schaffen.

Vernetzung mit China hebt die Potenziale. Deutschland ist im weltweiten Vergleich die drittgrößte Exportnation, der drittgrößte Importeur von Waren und ein idealer Counterpart für die Verteilung von Waren aus China innerhalb Europas. Der sichere und zuverlässige Transport von Waren funktioniert nur mit einem kompetenten und gut vernetzten Partner. Zentral in Europa gelegen und von neun Nachbarländern umgeben, bietet Deutschland die passenden Logistiklösungen.

Der Logistikmarkt in Deutschland ist nicht nur der um­­satzstärkste Europas. Deutschland ist als Einfallstor und Drehscheibe auch Heimat etlicher großer Logis­tikunter­nehmen wie Deutsche Post DHL (Rang 1/25 Welt) und DB Mobility Logistics AG (Rang 7/25 Welt), die weltweit agieren. Auch kleine- und mittelständische Unternehmen der Logistikwirtschaft bieten Branchen­lösungen an und sind mitunter weltweit führend in ihrem Segment. Unter dem Motto „Logistics made in Germany“ bewirbt die deutsche Logistikwirtschaft die Kompetenz ihrer hoch­­qualifizierten Logistikdienstleistungen internatio­nal. Die Vermarktungsinitiative „Logistics Alliance Germany“ (LAG) wird vom Bundesministerium für Ver­kehr und digitale In­­frastruktur gemeinsam mit der deutschen Logistikwirtschaft als öffentlich-privates Partnerschafts­projekt umgesetzt.

Eine Kerndienstleistung der LAG besteht darin, ausländische Interessenten bei der Wahl des passenden Logis­tik­dienstleisters für den Transport ihrer Produkte nach Deutschland oder in andere europäische Länder zu un­­terstützen. Potenzielle Kunden sind chinesische Verlader (z. B. Produzenten von elektronischen Produk­ten), Koopera­tionspartner aus dem Bereich Logistik (z. B. zur Schaffung durchgehender Transportketten) oder chinesische Unter­nehmen, die Know-how in logistischen Fragen benötigen (z. B. um lückenlose Kühl­ketten aufzubauen).

Für sich dynamische entwickelnde Länder ist die Vernet­z­ung von entscheidender Bedeutung, da die Straße in der Re­­gel die Last der anwachsenden Transportmengen nicht al­­leine bewältigen kann. Hoch effiziente Prozesse stellen sicher, dass die Logistikkosten in Deutschland bis zu 70 Prozent unter denen beispielsweise von China liegen.

China ist eines der wichtigsten Länder für die Vermark­tung des Logistiklan­des Deutschland. Dementsprechend vielfältig sind die Aktivitäten, die von der LAG in Bezug auf China umgesetzt werden. Dabei treten die Dele­gier­ten der Initiative beispielsweise auf Messen, Ver­anstal­tungen und eigens dafür organisierten Reisen in China in Kon­takt mit Vertretern der Exportwirtschaft.

Deutschland bringt also alle Voraussetzungen mit, um sich dank logistischer Lösungen zukünftig noch enger mit dem chinesischen Markt zu vernetzen.

Seit 2008 ist Michael Kuchenbecker als Prokurist und Senior Consultant für die LogisticNetwork Consultants GmbH tätig. Er leitet die Berliner Niederlassung des Logistikberatungsunternehmens und seit 2011 die Geschäftsstelle der Logistics Alliance Germany (LAG).