Michael Kolmer: Entwicklungsperspektiven der Wissenschaftsstadt Darmstadt bis 2050

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Seit einigen Jahren begleitet uns die Kunde vom demografischen Wandel kon­­ti­­nuierlich in den Medien und bei Dis­kus­­sionen mit politischem Hintergrund. „Von Auszehrung bedroht“, „Niedergang“ oder „Über­alte­­rung“ sind Beispiele für die häufigsten Begrifflichkeiten, die dabei vorkommen.

Tatsächlich ging die Bevölkerungszahl in Deutschland in den letzten Jahren, den Angaben des Statistischen Bundes­amtes zufolge, jährlich um bis zu 0,2 Prozent oder absolut ausgedrückt um ungefähr 200.000 Personen zurück (Rückgang 2009). Naturgemäß schwanken die Werte von Jahr zu Jahr. Im Jahr 2010 waren es „nur“ 51.000 weniger.

Die Bundesstatistiker rechnen in ihrer „mittleren“, das heißt realistischen Vari­­ante der Bevölkerungsvorausberechnung mit einem Bevölkerungsstand in Deutsch­land, der sich im Jahr 2060 nur mehr zwischen 64,7 und 70,1 Millionen Menschen be­­we­­gen wird. Die Alterspyramide, an deren Birnen­­form wir uns zwischenzeitlich gewöhnt hatten, wird sich in den 2020er Jahren verblüffend einer Pilzform annähern – ein Höhepunkt der Überalterung unserer Gesell­­schaft wird dann erreicht sein. Auch dass die Bundesrepublik, entgegen dem Ein­­druck, den die mehr oder minder quali­fizierten öffentlichen Debatten der jüngeren Zeit sug­­gerieren, seit den frühen 2000er Jahren kein ausgesprochenes Zuwan­derungs­­land mehr ist, geht aus der Statistik hervor. 2010 standen 798.000 Zuzügen nach Deutschland 671.000 Fortzüge gegenüber. Mit Ausnahme von 2008 und 2009, in denen Deutschland sogar kurzzeitig ein Abwanderungsland mit negativem Saldo war, lag das Wanderungsplus zuvor seit 2004 stets unter 100.000 Personen. Bei Menschen mit deutscher Staats­ange­­hörig­­keit ist 2009 ein Abwanderungs­verlust in Höhe von 40.000 zu verzeichnen ge­­wesen. 2010 lag der Wert bei minus 26.000.

Prägnant auf den Punkt gebracht ist also festzustellen: Deutschland schrumpft – Deutschland wird älter – Deutschland spielt im globalen Migrationsgeschehen keine erste Geige. Anders ausgedrückt: Deutschland steht ein tief greifender sozi­­aler und demografischer Wandel nicht nur bevor. Dieser hat längst begonnen.

Überträgt man diese Fakten nun unreflektiert auf Bundesländer, Regionen oder sogar Städte, so besteht die Gefahr von schwerwiegenden Fehl­entschei­dun­gen auf strategischer, planerischer oder inves­­tiver Ebene für die öffentliche Hand, aber auch für Unternehmen. Die Mainstream-Haltung „demografischer Wandel = Schrumpfung“ mag oft zu­­treffend sein. Dies ist jedoch keinesfalls zwingend der Fall. Im Gegenteil, der demografische Wandel wirkt sich außerordentlich differenziert aus und trägt vielfach dazu bei, regionale Dispa­­ri­­täten massiv zu steigern.

Betrachtet man die Bevölkerungs­ent­wick­lung auf Ebene der Kreise und Städte bis 2020, so sticht neben den massiven Ver­­lusten, die den ländlich geprägten Raum in den neuen Bundesländern geradezu dramatisch betreffen, heraus, dass auch die ehemaligen Zonenrandgebiete der „Alt-BRD“ weiterhin überwiegend Passiv­­räume sind. Eine andere Linie gewichtiger Bevölkerungsverluste zieht sich vom Ruhr­­gebiet nach Südosten über Nordhessen bis in den Bayerischen Wald. Markant stechen auf der Negativseite außerdem das Saarland und die Westpfalz hervor. Zu den Aktivräumen mit positiven Wachstums­­raten zählt neben München/Oberbayern und Stuttgart/Mittlerer Neckar zum Beispiel das Rhein-Main-Gebiet, wobei aufgrund der Entwicklung im letzten Jahrzehnt (Ausgangsjahr war hier 2002) davon aus­­zugehen ist, dass insbesondere die Groß­­städte der Region, also auch Darmstadt, bei einer Neuberechnung noch deutlicher im Plus hervortreten würden.

In einer Synthese der drei großen Trends des demografischen Wandels, Bevölke­rungs­­dynamik, Alterung und Inter­natio­­na­­lisierung im Sinne des Anteils der Menschen mit Migrationshintergrund, zeigt das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) auf, welche Konse­­quenzen sich für die Raumentwicklung in Deutschland ergeben werden. Die Gewinnerregionen des demografischen Wandels weisen durch die Bank eine deutliche Zunahme der Bevölkerung auf, bei gleichzeitiger Zunahme der Hoch­betagten und einer verstärkten Inter­na­­tionalisierung, ohne dass jedoch die Zahl der Schulpflichtigen signifikant sinken würde. Darmstadt liegt – unschwer zu erkennen – zentral in einem Wachs­tums­­gürtel, der sich südlich von Stuttgart bis knapp nördlich von Frankfurt am Main erstreckt und in einem südwestlichen Nebenpfad bis Freiburg und Basel reicht. Ganz offensichtlich sehen wir hier eine Entwicklungsachse von kontinentaler Bedeutung, die drei Metropolregionen (Stuttgart, Rhein-Neckar, Rhein-Main) umfasst. Als Fingerzeig ist vor diesem Hintergrund die Verwendung des Para­­meters Internationalisierung durch das BBR zu verstehen. Migration und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen sollten zukünftig weniger ausschließlich hinsicht­­lich der Integrationsproblematik, sondern mehr als Chance und Potenzial einer Stadtgesellschaft verstanden werden.
Die Beobachtung im nationalen Maß­stab bestätigt und verfeinert sich bei der Interpretation der qualifizierten Prog­nosen für Hessen beziehungsweise für die Wissenschaftsstadt Darmstadt selbst. Die Bevölkerungsprognose der HA Hessen Agentur von 2009 bis 2050 zeigt über­­deut­­lich die Zweigeteiltheit des Bundes­­landes auf. Ein stark schrumpfender Norden (außer Kassel) steht einer prosperieren­den Metropol­region FrankfurtRheinMain gegenüber, in der die Großstädte (insbesondere Frankfurt, Darmstadt und Offenbach) neben dem Main-Taunus-Kreis langfristig die Motoren der Bevölkerungs­­ent­wick­lung sein werden. Wie kleinräumig sich der demografische Wandel allerdings auswirkt, belegt der intraregionale Ver­­gleich. Auch in Südhessen hat die Mehr­­zahl der Landkreise mit leichten bis mittleren Bevölkerungsrückgängen zu rechnen. Noch weiter, nämlich auf Gemeindeebene heruntergebrochen, ist oftmals zu beobachten, dass bereits wenige Kilometer mehr oder weniger Abstand zu einem urbanen Kern oder einer Verkehrsleitlinie deutliche Aus­wirkungen auf die Bevölkerungs­ent­wick­lung haben können.
Die Bevölkerungsentwicklung von Darm­­stadt selbst ist seit 1960 bei Weitem nicht gleichförmig verlaufen, sondern lässt sich in Phasen unterteilen. Bis 1972 wuchs die Stadt auf damals knapp über 142.000 Einwohnerinnen und Ein­wohner. Danach folgten bis 1998 Wellen­be­we­gungen, welche Darmstadt jeweils auf ein immer niedrigeres Sockel­­niveau führ­­ten – die Stadt war voll von der Suburbanisierung, der Abwan­de­rung von Bevölkerung ins unmittelbare Um­­land, erfasst. Mitte der 1980er Jahre war sogar ein Abrutschen unter die 130.000-­Einwohner-­­Marke zu befürchten (Stand 31.12.1985: 132.685 Ein­woh­ner). Seit Ende der 1990er Jahre wächst die Stadt wieder kontinuierlich. Wellen­bewe­­gungen sind nicht mehr zu beobachten. Der Trend zurück in die Stadt, verändertes Mobilitätsverhalten, die Moder­ni­sie­rung des tradierten Familienbegriffes mit allen Konsequenzen hinsichtlich des Fami­lien­managements bei Mehrfach­berufs­tätig­keit innerhalb eines Haushalts sowie die Attraktivität des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts verstärken sich gegenseitig. Folgerichtig erreichte die Reurbanisierung zum Jahresende 2009 eine historische Marke mit 142.237 Einwohnerinnen und Einwohnern. Nie hatte es seit der Stadtwerdung im Jahr 1330 mehr Darmstädterinnen und Darmstädter gegeben.

Dieser Trend hat sich seither fortgesetzt. Jüngst legt sich noch der Sonder­effekt der Einführung einer Zweit­wohnungs­steuer über die ohnedies steigenden Werte. Ende Juni 2011 waren 146.182 Menschen mit Erstwohnsitz in der Wissenschaftsstadt gemeldet.

Für die weitere Entwicklung geht die HA Hessen Agentur von einem weiteren Anstieg auf 153.000 (2030) sowie 157.000 Einwohnerinnen und Einwohner (2050) in Darmstadt aus – Berechnungen, die sich mit den Prognosen der Stadt in ihrem eigenen Demografiebericht aus dem Jahr 2008 weitestgehend decken.

Wichtig ist in Zeiten, in denen die weitblickenden Unternehmungen längst gelernt haben, fein zwischen einem kurzfristigen konjunkturell und einem langfristig demo­­grafisch bedingten Fachkräftemangel zu unterscheiden, nicht nur die absolute Bevölkerungszahl im Umfeld eines Stand­­orts. Entscheidend für die zukünftige Verfügbarkeit von Fachkräften ist neben der exzellenten Ausstattung mit Bil­dungs­­einrichtungen und Hochschulen, für die Darmstadt in besonderer Weise steht, vor allem der sogenannte Jugend­quo­tient, der Anteil der Unter-20-Jährigen an der Bevölkerung. Sinkt der Jugend­quotient signifikant ab, so wird der Gesell­­schaft quasi der „Teppich unter den Füßen weggezogen“ – junge Arbeits­kräfte rücken nicht nach, die natürliche Bevölkerungsentwicklung verliert ihre Basis. Obwohl der Altenquotient auch in Darmstadt besonders ab 2030 nach oben gehen wird, gehen die Prognosen davon aus, dass der Jugendquotient stabil bleibt oder sogar leicht steigt. Diese Aussage ist ohne Zweifel eines der wich­­tigsten Pfunde, mit denen die Darmstädter Stadtentwicklung wuchern kann. Für die Wirtschaft ist dies zu­­gleich ein Signal, dass Investitionen in den Standort sehr lohnenswert sind, da die lokalen gesellschaftlichen Struk­turen in demografischer Hinsicht stabil bleiben werden und bei aller Konkurrenz um qualifizierte Fachkräfte hier das Recru­i­ting leichter fallen wird als anderswo.

Kurz gesagt: Die Wissenschaftsstadt Darmstadt bietet Sicherheit und Wachs­­tumschancen zugleich – und sie ist keine Insel, sondern ein aktiver Teil der prosperierenden Rhein-Main-Region, einer der führenden Verdichtungsräume in Europa mit besten Zukunfts­aus­sichten.

Kolmer,MichaelDer Autor (Jahrgang 1970) studierte Geo­­grafie an der TU Darmstadt. Nach beruf­­lichen Stationen an der TU Darmstadt und beim Land Baden-Württemberg war er seit 2000 stellvertretender Leiter der Darmstädter Wirtschaftsförderung. Seit dem Jahr 2005 leitet er das Amt für Wirtschaft und Stadtentwicklung.