Michael Behrendt: Deutsche Schifffahrt als Pionier und Wegbereiter beim Umweltschutz

Auf der internationalen Konferenz „Europäischer Tag der Meere“ im Mai 2014 bekannte sich Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt zur Verantwortung „für die Sicherheit und den Schutz der Meere“. Wie aktiver Umweltschutz durch die deutschen Reedereien praktiziert wird, erläutert hier der Präsident des deutschen Reederverbands.

Das Schiff ist das mit Abstand wichtigste Transport­mittel für den internationalen Warenaustausch. Mehr als 90 Prozent der zwischen den Kontinenten gehandelten Waren werden auf Schiffen transportiert. Kein anderes Verkehrsmittel kann den Gütertransport so effizient und klimaschonend gestalten wie ein Schiff. Ein LKW müsste 30 bis 40 Container laden können, um die Energiebilanz eines modernen Schiffs zu erreichen. Entsprechend positiv zeigen sich die CO2-Emissions­werte der Schifffahrt im Vergleich zu anderen Indus­trien und Verkehrsträgern. Weniger als drei Prozent der globalen CO2-Emissionen stammen aus der Schifffahrt.

Trotz dieser positiven Bilanz arbeitet die Schifffahrt kontinuierlich daran, die Beanspruchung von Klima und Umwelt durch den Seeverkehr weiter zu verringern. Für dieses Engagement wurde vor einem Jahr erneut ein deutliches Zeichen gesetzt: Als bislang einzige internationale Branche legte sie verbindliche Reduktions­ziele für den Ausstoß von Treibhausgasen fest. Seit 2013 gilt für alle Schiffsneubauten ein international verbindlicher Energieeffizienzstandard, kurz EEDI, der von allen Reedereien eingehalten werden muss und dessen Grenz­­werte in den kommenden Jahren sukzessive weiter sinken werden. Viele Schiffe der vergleichsweise jungen deutschen Handelsflotte gehören zu den Vorreitern bei der Erfüllung dieser Vorgaben und gehen zum Teil sogar schon darüber hinaus. Es war sogar ein deutsches Schiff, das weltweit das erste EEDI-Zertifikat erhielt.

Jede Reederei arbeitet laufend daran, eine möglichst ressourcensparende und damit umweltschonende Flotte zu unterhalten, da es ihre Wettbewerbsfähigkeit in einer der härtesten aller Industrien am wirkungsvollsten steigert. Selbst Effizienzsteigerungen um wenige Prozent führen in der Schifffahrt zu einem merklichen Rückgang des Energieverbrauchs und damit auch der Emissionen. Von innovativen Ruder- und Rumpfformen über besonders sparsame Maschinen bis hin zu komplexer Software werden dabei alle Möglichkeiten ausgeschöpft, und oft kommt das entscheidende Know-how dafür von deutschen Unternehmen.Finnlines-sunset_vessel-kopieren

An diesem Beispiel zeigt sich die enge Verzahnung der Seeschifffahrt mit den anderen Sektoren der maritimen Wirtschaft in Deutschland – und damit ihre volkswirtschaftliche Bedeutung für den Standort insgesamt. Deut­sche Schifffahrtsunternehmen beschäftigen rund 95.000 Menschen an Land und auf See – das sind mehr als bei­spielsweise im Luftfahrtsektor. Die Aufträge der deut­schen Seeschifffahrt sichern bei Werften und Zulieferbetrieben wie dem Maschinenbau sowie in Dienst­leistungsunternehmen die Beschäftigung von weiteren 285.000 Menschen. Die Konsumausgaben der direkt und indirekt Beschäftigten schaffen weitere 100.000 Arbeitsplätze. Somit sichern die deutschen Reedereien die Beschäftigung von über 480.000 Menschen. Ihr Bei­­trag zum Bruttoinlandsprodukt beläuft sich auf rund 30 Milliarden Euro, wovon über vier Fünftel in Deutsch­land selbst generiert wird. Das entspricht 1,1 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Die Produktivität je Beschäftigten ist in der deutschen Seeschifffahrt mit über 116.000 Euro doppelt so hoch wie der bundesdeutsche Gesamtdurchschnitt aller Industrien.

Mit dem maritimen Know-how des Standortes Deutsch­land im Rücken treibt die deutsche Schifffahrt mit ihrer drittgrößten Handelsflotte der Welt den Umwelt­schutz voran – über die Senkung von CO2-Emissionen hinaus. Die Unternehmen konzentrieren sich darauf, auch andere Emissionen deutlich zu mindern. So wird der aktuelle, international geltende Schwefel-Grenz­wert im Brennstoff der Schiffe von derzeit 3,5 Prozent bis spätestens 2025 weltweit auf 0,5 Prozent sinken. Diese Verschärfung bedeutet einen großen Schritt auf dem Weg zu einer deutlich saubereren Schifffahrt welt­­weit und wird vor allem der Umwelt und den Menschen in Küstennähe helfen. Als Alternative beim Brennstoff könnte sich zukünftig Flüssiggas oder kurz LNG entwickeln. Dieser Brennstoff hat das Potenzial, den Schad­stoffausstoß eines Schiffes auf fast null zu reduzieren.
Nachhaltiger Umweltschutz betrifft auch die Abfälle und das Abwasser an Bord. Erst im Jahr 2013 wurden die umfangreichen Bestimmungen des weltweit gültigen MARPOL-Abkommens zum Schutz der Meeresum­welt weiter verschärft. Keine umweltschädlichen Ab­­wässer und Abfälle, insbesondere Plastikmüll, dürfen ins Meer entsorgt werden. Kontrollen in den Häfen sorgen für die Einhaltung der Regeln. Mit rund 80 Prozent ge­­langt allerdings der größte Teil des Mülls vom Land in die Ozeane und nicht von Handelsschiffen. Die verbleibenden 20 Prozent stammen zum überwiegenden Teil aus Fischerei und Freizeitschifffahrt, für die das internationale MARPOL-Abkommen nicht gilt.

Die deutsche Schifffahrt übernimmt große Verantwor­tung für die Meeresumwelt. Die Meere sind die Grundlage ihrer Geschäftstätigkeit. Sie wird daher auch künftig Pionier und Wegbereiter in Sachen Umweltschutz sein.

Der 1951 in Hamburg geborene Volljurist Michael Behrendt ist Präsident des Ver­­­­bands Deutscher Reeder (VDR). Nach verschiedenen beruflichen Stationen war er zuletzt von 2002 bis Juni 2014 Vorstandsvorsitzender der Hapag Lloyd Reederei.

Der Diplom-Ingenieur ist seit 1979 Mitglied der Hamburgischen Schiffbau-Versuchs­­anstalt (HSVA), wo er seit mehr als 20 Jahren in den Abteilungen Propeller und Kavitation zunächst als Wissenschaftler, dann als Projektingenieur und zuletzt als Abtei­­lungsleiter tätig war. Themenschwerpunkte seiner Arbeit sind die Korrelation von Modell- und Endwertdaten bezüglich der Wirksamkeit von Schiffspropellern sowie die Entwicklung von Testeinrichtungen zum Verständnis der Kavitation. Er war maßgeblich für die Gestaltung des Kavitationstunnel-Projekts HYKAT und für den Betrieb der Anlage verantwortlich. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der HSVA.