Matthias Gräßle: Industrie – Basis für den Wohlstand in Hessen

Hessen steht in der öffentlichen Wahr­neh­­mung in erster Linie für Banken, Dienst­­leistungen und Verkehr. Übersehen wird dabei: Hessen war und ist ein be­­deuten­­der Industriestandort. Die Indus­trie trägt nach wie vor maßgeblich dazu bei, dass Hessen immer noch das Flä­chen­land mit dem höchsten Wohlstands­niveau in Deutschland ist. Gleichwohl steht die Industrie heute vor neuen Herausforderungen, deren Auswirkungen sich im Strukturwandel manifestieren. Zwar ist in ganz Deutschland ein Rück­gang des verarbeitenden Gewerbes an der erzielten Bruttowertschöpfung zu beobachten, in Hessen hat sich dieser Strukturwandel aber viel schneller und stärker vollzogen als anderswo. Dennoch wäre es falsch, von Deindustrialisierung zu sprechen. Der Strukturwandel – nicht nur in Hessen – geht zu einem großen Teil auf organisatorische Veränderungen in der Industrie zurück. Viele der in der Vergangenheit von der Industrie selbst erbrachten Leis­tungen sind ausgelagert worden und werden nun dem Dienst­leistungssektor zugerechnet. Die Ver­flech­­tungen zwischen Industrie und Dienst­leistungen sind dadurch heute viel intensiver als früher, werden aber in der amtlichen Statistik nicht abgebildet. Betrachtet man diesen Industrie-Dienst­­leistungsverbund, das heißt, rechnet man der Industrie jene Dienstleistungen hinzu, die ohne Nach­frage aus der Industrie nicht erbracht würden, so ist dieser An­­teil an der gesamten Brut­to­wert­schöp­fung seit Mitte der 1990er Jahre unverändert. Seit 2000 steigt er sogar wieder leicht an. Der Industrie-Dienst­leistungs­verbund ist einer der Er­­folgs­faktoren für die hessische Industrie. Durch neue und kreative Kon­zepte zur Verbindung von Dienstleistungen – wie etwa Planung oder Finanzierung – und der industriellen Pro­duktion ergeben sich Wettbewerbsvorteile im nationalen und internationalen Ver­gleich. Gleich­zeitig sorgen sie für eine dynamische Ent­wicklung in der In­­dustrie.

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Klärschlammverbrennungsanlage im Industriepark Frankfurt-Höchst.

Hinzu kommt, dass die hessische Indus­trie sehr breit aufgestellt ist, aber dennoch klare Schwerpunkte zu erkennen sind: Von den rund 371.000 Beschäftig­ten, die nach der Statistik für das ver­arbei­tende Gewerbe in Hessen insgesamt ausgewiesen werden, sind etwa 72 Prozent in nur fünf Branchen be­­schäftigt: Her­stel­­lung von chemischen Erzeugnissen (che­­­mische und pharma­zeutische In­­dus­trie); Metall­erzeugung und -bearbeitung, Herstellung von Metall­­erzeugnissen (Me­­tallindustrie); Herstellung von Büro­ma­schinen, DV-Ge­räten und -einrichtun­gen; Elektrotechnik, Feinmechanik und Optik (Elektroindus­trie); Maschinenbau sowie Fahrzeugbau (darunter Automo­bil­­in­dus­trie, Luft- und Raumfahrzeugbau, Schie­nen­­fahrzeug­bau).
Von den 97 Mil­liarden Euro Gesamtumsatz des hessischen verarbeitenden Gewerbes erwirtschaften diese Branchen sogar einen Anteil von 80 Prozent. Schließlich sichern Standortverbünde entlang der Wert­schöp­fungs­­ketten, auch Cluster genannt, sowie die gute Tech­nikinfrastruktur in Hessen die Zukunfts­fähigkeit der hessi­­schen In­­dus­­trie. Vor allem in Clustern werden Sy­­nergieeffekte erzielt, die eine Bindewirkung der Region für Unternehmen entfalten. In Hessen gibt es heute eine ganze Reihe von Clustern, allerdings variiert deren Or­­ga­nisationsgrad. Zum Teil sind sie formell organisiert, vor allem dann, wenn sie öf­­fentlich gefördert werden. Viel­­fach bestehen jedoch nur rudimentäre oder gar keine Organisationsstrukturen. Zu den erfolgreichsten informellen Clustern in Hessen zählen sicher die Industrieparks in FrankfurtRheinMain mit dem Indus­trie­park Frankfurt-Höchst an der Spitze. Hier konzentrieren sich auf wenigen Qua­drat­kilometern 90 Unternehmen mit 22.000 Beschäftigten, überwiegend aus dem Che­­mie- und Pharmabereich, sowie Groß­for­schungseinrichtungen und mit Provadis auch eine private Hochschule. Daneben hat sich rund um den Flughafen ein Luft- und- Raumfahrttechnik-Cluster gebildet. Im industriellen Sektor bietet er mehr als 4.000 industrielle Arbeitsplätze. Allein bei Rolls-Royce in Oberursel entwickeln und fertigen mehr als 1.000 Mitar­beiter mo­­dernste Triebwerkstechnik. Rolls-Royce ar­­beitet dabei eng mit dem wissenschaft­­lichen Umfeld zusammen. So hat das Unternehmen im Jahr 2006 mit der TU ­Darmstadt das Technologie­zentrum (Uni­ver­­sity Technology Centre UTC) Combustor and Turbine Aerothermal Interaction ge­­­gründet. Im Fokus der Forschung steht die Erhöhung der Umweltverträglichkeit von Triebwerken durch Verringerung der Schad­­stoff­emissionen bei gleichzeitiger Erhöhung des Wirkungsgrades. Neben diesen informel­­len Strukturen bestehen in Hessen auch zahlreiche Cluster, die in Vereinen oder GmbHs organisiert sind. Zu nennen wären hier das Netzwerk Rhein­MainProduktiv, die Frankfurt Bio Tech Alliance e.V. oder das mst-Netzwerk für Mikrosystemtechnik. Dabei fungiert der Träger als „Kümmerer“. Er organisiert den Informationsaus­tausch, schafft Netzwerke und knüpft Kontakte. Neben den Wirt­schaftsfördereinrich­tungen übernehmen diese Aufgabe vielfach auch die Industrie- und Handelskam­mern. In ihrer Funktion als Forum für den Erfahrungs­­austausch zu aktuellen The­men bringen sie häufig die potenziellen Akteure eines Netzwerks oder Clusters erstmals zusammen. Gelingt diese Initial­zündung, so übernehmen die IHKs nicht selten die formelle Trägerschaft. Die Globalisierung ist eine der größten Herausforderungen, vor denen (nicht allein) die hessische Industrie steht. Tech­­nischer Fortschritt in den Bereichen In­­formation und Kom­­mu­­nikation, Trans­port und Ver­kehr, Kapital­­markt­innovationen so­­wie die zuneh­­mende Liberalisierung des Welt­handels haben zu einer engeren weltweiten Ver­­net­­zung der Märkte und Ge­­­­sell­­schaften geführt. Aufgrund der Markt­­er­weite­rung, aber auch aufgrund der welt­­weiten Zu­­nahme an bil­ligen Ar­­beits­­kräften, bieten heute vor allem die Schwel­­len­länder arbeitsintensive In­­dus­­­­trie­pro­­dukte kostengünstig an. Da­­durch gerät die heimische Industrie zunehmend unter Druck. Gleich­zeitig findet eine Kon­zen­tration auf High­tech- und High­skillberei­­che statt, in denen die Schwel­len­­länder (noch) nicht mithalten können.

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Dieser Effekt der Globalisierung hat je­­doch noch eine andere Facette: Der Wett­bewerb zwischen den Industriena­tionen ist im Hightechbereich wesentlich härter gewor­­den. Im Kampf um tech­nologische Führer­­­schaft sind bereits ge­­ringfügige Vorteile gegenüber der Kon­­kurrenz erfolgsentscheidend. Dies kön­nen sowohl Kosten­vorteile als auch Differenz­ierungsvorteile wie Design, Qualität oder Service sein. Doch sind diese Vorteile meist nur kurz­lebig. Die Industrie kann und darf sich nicht auf dem in der Ver­gangenheit Erreichten ausruhen. Vielmehr muss sie ständig an der Erzielung dynamischer Vorteile arbeiten. Tut sie dies, wie in der Vergangenheit, ist die hessische In­­dus­trie gut gerüstet, den Herausfor­der­ungen der Globalisierung auch weiterhin erfolgreich zu begegnen.

Matthias-GräßleDer 1959 geborene Bankkaufmann studierte Jura in Frankfurt. Er wurde 1996 Ge­­schäftsführer der Frankfurter Asse­ku­ranz-Kontor GmbH, bevor er 1997 die Leitung des Vor­stands­sekre­tariats der mg technologies ag übernahm. 2000 wurde er zum Ge­­neral­bevoll­mäch­tigten der Gesellschaft ernannt. Seit April 2005 ist er Haupt­geschäftsführer der Indus­trie- und Handelskammer Frank­furt am Main.