Matthias Gräßle: Forschungsstandort Frankfurt RheinMain – Grundstein der Zukunftsfähigkeit der Region

Die moderne Wissensgesellschaft lebt vom Transfer. Doch auch im digitalen Zeitalter gelingt der Austausch von Er­­fahrungswissen, der aus der Zusam­men­­arbeit von Menschen hervorgeht, am besten in räumlicher Nähe. Insofern prä­­­gen die Wissenschaftsstrukturen einer Region zugleich das lokale Inno­vations­geschehen. Funktionierende Clus­ter stellen dabei den wichtigsten Faktor im internationalen Stand­ort­marketing dar.

Die Forschungsinfrastruktur in der Regi­on Frankfurt RheinMain bietet beste Vor­aussetzungen für die Bildung von Clus­tern. So sind in der Region derzeit 30 Hochschulen an 37 Standorten, sechs Max-Planck-Institute, drei Fraunhofer-In­­stitute sowie ein Helmholtz-Zentrum tätig. Darüber hinaus sind etwa 80 zum Teil weltweit tätige Forschungsein­rich­tungen außerhalb der Hochschulen an­­gesiedelt. Schließlich gibt es mit dem „House of Finance“, dem „House of IT“, dem „House of Logistics and Mobility“ sowie dem „House of Clean Energy“ vier interdisziplinäre Forschungszentren.

Auf der anderen Seite prägen etwa 200.000 Studenten die Wissensregion ebenso wie die knapp 3.000 Hightech-Unternehmen mit zahlreichen Mitarbei­tern in Forschung und Entwicklung. Zu­­­dem sind in den vergangen Jahren 25 Technologie- und Gründerzentren sowie 13 Technologieparks entstanden.

Die industriellen Stärken der Region lie­gen traditionell in den Branchen Chemie, Pharma und Life Science. Doch wurden auch in den Bereichen Automotive, Avi­onik und Elektrotechnik in den vergangenen Jahren beträchtliche Wachstums­raten verzeichnet. Insgesamt sind im industriellen Sektor und in den industrienahen Dienstleistungen fast 450.000 Menschen beschäftigt, die knapp ein Viertel der regionalen Wertschöpfung erwirtschaften.

Aufgrund dieser Vielfalt ist die Wissens­region Frankfurt RheinMain geradezu prä­destiniert, einen intensiven Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu ermöglichen. Es verwundert daher nicht, dass in der Region heute eine gan­ze Reihe von Standortverbünden, auch Cluster genannt, entlang von Wert­schöp­­f­ungsketten existieren. Dort werden Sy­­n­ergieeffekte erzielt, die eine hohe Binde­wirkung der Region für Unternehmen entfalten. Allerdings variiert der Organi­sationsgrad dieser Cluster teilweise erheblich. So ist nur ein Teil formell or­­­ganisiert. Dies betrifft vor allem die öffentlich geförderten Cluster- bzw. Netz­werkaktivitäten. Vielfach bestehen auch nur rudimentäre oder gar keine Orga­ni­sationsstrukturen. Zu den erfolgreichsten informellen Clustern in Frankfurt Rhein­Main zählen sicher die Industrieparks mit dem Industriepark Frankfurt-Höchst an der Spitze. Hier konzentrieren sich auf wenigen Quadratkilometern 90 Un­­­ter­nehmen mit 22.000 Beschäftigten, über­wiegend aus dem Chemie- und Pharma­bereich, sowie Großforschungs­einrich­tungen und die private Hoch­schule Pro­vadis.

Auch rund um den Flughafen hat sich ein Luft- und Raumfahrttechnik-Cluster gebildet. Im industriellen Sektor bietet das Cluster mehr als 4.000 industrielle Arbeitsplätze. Allein bei Rolls-Royce in Oberursel entwickeln und bauen mehr als 1.000 Mitarbeiter modernste Trieb­werkstechnik. Rolls-Royce arbeitet da­­bei eng mit dem wissenschaftlichen Um­­feld zusammen. So hat das Unter­nehmen mit der TU Darmstadt das Tech­nologie­zentrum (University Technology Centre UTC) „Combustor and Turbine Aerother­mal Interaction“ gegründet. Im Fokus der Forschung steht die Erhöhung der Umweltverträglichkeit von Trieb­werken durch Verringerung der Emis­sionen bei gleichzeitiger Erhöhung des Wirkungs­grades.

Gräßle,-Matthias-kopierenDer 1959 geborene Bankkaufmann stu­­dierte Jura in Frankfurt. Er wurde 1996 Geschäftsführer der Frankfurter Asse­kuranz-Kontor GmbH, bevor er 1997 die Leitung des Vorstandssekretariats der mg technologies ag übernahm. 2000 wurde er zum Generalbevollmächtigten der Gesellschaft ernannt. Seit April 2005 ist er Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main.

Neben diesen informellen Strukturen bestehen in Frankfurt RheinMain auch zahlreiche Cluster, die in Vereinen oder GmbHs organisiert sind. Dabei fungiert der Träger als „Kümmerer“. Er organi­­siert den Informationsaustausch, schafft Netz­werke und knüpft Kontakte. Neben den Wirtschaftsfördereinrichtungen überneh­men diese Aufgabe vielfach die Industrie- und Handelskammern. Als Beispiel sei hier der Frankfurt Biotech Alliance e.V. (FBA) genannt. Dieses Netzwerk besteht schon seit mehreren Jahren als Verein und versteht sich als Schrittmacher für die Biotechnologie-Region. So engagierte sich die Frankfurt Biotech Alliance bei der Bewerbung des auf industrielle Bio­technologie ausgerichteten Clusters für Integrierte Bio­industrie (CIB) im Rahmen des BMBF-Wettbewerbs „BioIndustry 2021“. Durch den Erfolg konnte das CIB von 2008 bis 2012 vorwettbewerbliche Verbund­forschungsprojekte der Fein- und Spezial­chemie mit fünf Millionen Euro fördern.

Zu den Mitgliedern der Frankfurt Bio­tech Alliance gehören neben großen und mittelständischen Unternehmen auch eine Vielzahl von Start-ups. Weiterhin zählen Anwaltskanzleien, Patentanwälte, Ven­ture-Capital- und Beratungsunter­neh­men zu den Mitgliedern. Ähnlich verhält es sich mit dem mst-Netzwerk Rhein-Main. Es hat zum Ziel, die Mikro­sys­tem­technik branchenübergreifend zu fördern und Marktpotenziale zu er­­schlie­ßen. Das Netzwerk ist als gemeinnütziger Verein organisiert und wird vom Hes­sischen Ministerium für Wirt­schaft, Ver­kehr und Landesentwicklung gefördert.

Hochschulen in der Region bieten vielfältige und innovative Forschungsmöglichkeiten, etwa Praktikumslabore für Biologie.

Hochschulen in der Region bieten vielfältige und innovative Forschungsmöglichkeiten, etwa Praktikumslabore für Biologie.

Insgesamt bildet die Forschungsinfra­struktur in der Region einen wichtigen Grundstein für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Frankfurt Rhein­Main. Doch zwingt der wachsende Wett­be­werb zwischen den Metropolregionen auch die Region Frankfurt RheinMain dazu, sich zukünftig noch besser zu ver­­markten. Frankfurt RheinMain verkauft sich an dieser Stelle bislang unter Wert. So ist es bisher nicht hinreichend ge­­lungen, die vielen Vorzüge der Region im globalen Standortwettbewerb deutlich zu machen. Das vorhandene enorme Wis­sens- und Forschungspotenzial der Regi­on muss nicht nur einer breiteren Be­­völkerung transparent präsentiert und zugängig gemacht werden. Viel­mehr müssen da­­rüber hinaus auch die Iden­­­tität und das Image der Wis­sens­­region Frank­furt­ RheinMain weiter ge­­stärkt werden. Die zentrale Her­­aus­­for­der­ung ist jedoch, die Forschungs­­­ka­pa­zi­­tä­ten der Uni­ver­si­täten und For­schungs­ein­richtun­­gen noch stärker mit den Ent­wick­lungs-, Produk­tions- und Ver­­­markt­ungs­kapa­zi­täten der Indus­trie­­­un­ter­nehmen zu ver­­bin­den. Hier­für bie­­ten sich so­­wohl in den öffentlich finan­zier­­ten Clus­­tern als auch in den regionalen Netz­­wer­ken vielfältige Anknüpfungspunkte.