Mathias Krage: Die Stückgutlogistik in der modernen arbeitsteiligen Wirtschaft

Der Industriestandort Deutschland ist mit seinen Produktionsabläufen ohne Stückgutlogistik schlichtweg nicht denkbar. Die Abläufe sind hoch komplex, der Organisationsgrad entsprechend professionell. Hier zeigt gerade auch der deutsche Mittelstand seine Stärken.
Deutschland ist Weltmeister. Nicht nur auf dem Fuß­ballfeld sondern auch in der Logistik. In dem von der Weltbank am 31. März 2014 veröffentlichten Logistics Performance Index hat Deutschland den ersten Rang zurückerobert und konnte sich im Vergleich mit 160 Ländern vor allem aufgrund seiner hochwertigen Handels- und Transport­infrastruktur durchsetzen. Die Spitzenposition, die der Logistik­­standort Deutschland damit im inter­nationalen Vergleich innehat, spiegelt sich auch in der Bedeu­tung wider, die die Logistik im innerdeutschen Branchen­ver­­gleich einnimmt.

Nach der Automobilwirtschaft und dem Handel ist die Logistik der drittgrößte Wirtschaftsbereich in Deutsch­land. Mit über 2,8 Millionen Beschäftigten rangiert sie noch vor dem Maschinenbau und der Elektronikbranche. Nach Angaben der Studie „Die TOP 100 der Logistik 2012/2013“ von Fraunhofer Supply Chain Services (SCS) generierte die Branche einen jährlichen Umsatz von 228 Milliarden Euro. Damit hatte sie im Jahr 2012 einen Anteil von 24,5 Prozent am Logistikumsatz des europäischen Wirtschaftsraums, der bei 930 Milliarden Euro liegt. Deutschland ist damit nicht nur weltweit sondern auch im europäischen Vergleich ein „Leader in Logistics“.

Die Gründe des deutschen Vorsprungs in der Logistik sind vielschichtig. Als europäisches Kernland teilt Deutsch­land seine Grenze mit neun weiteren Staaten und muss somit als Transitland „funktionieren“. Mit seinem starken industriellen Kern ist Deutschland jedoch auch Teil der globalen arbeitsteiligen Wirtschaft. Lieferketten werden über Grenzen aufgebaut und müssen zuverlässig und pünktlich ablaufen, um Produktionsprozesse just-in-se­­quence zu unterstützen. Darüber hinaus ist die Versor­gung von über 80 Millionen Konsumenten auf relativ engem Raum über die Distributionskanäle des Handels sicherzustellen. Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Teilmarkt der Stückgutlogistik zu.

Mit gut zehn Mil­liarden Euro hat dieses Segment zwar nur einen Anteil von 4,4 Prozent am großen Kuchen des Logistikmarktes, seine Bedeutung für viele Branchen ist jedoch immens. Als Transportband zwischen verschiedenen Fertigungs­stufen und als Bindeglied zwischen Erzeuger, Groß- und Einzelhandel sind die getakteten Systemverkehre der deutschen Logistikdienst­leister eine wesentliche Voraus­­setzung für das Gelingen von Arbeitsteilung überhaupt. Nicht umsonst bezeichnet das Fraunhofer Institut diesen Teilmarkt in seiner Studie „Challenges 2013“ als „Rück­­grat der deutschen Wirt­schaft“.

Druckversion_7

Dies wird belegt durch das große Vertrauen, das die Auf­traggeber in ihre Stückgutspediteure legen. Während im allgemeinen Logistikmarkt nur knapp die Hälfte des Marktpotenzials an Dienstleister vergeben wurde, be­trägt der Outsourcinggrad von Industrie und Handel auf dem Stückgutmarkt laut Fraunhofer-Institut etwa 95 Pro­­zent. Dies ist zum einen aufgrund der Effizienzvorteile zu er­klären, die die Spediteure durch Bündelung verschie­­dener Sendungen von verschiedenen Versendern realisi­­eren und an ihre Auftraggeber weiterreichen. Zum anderen bieten die deutschen Stückgutspediteure ein flächen­­de­cken­des Netz, welches durch einzelne Unternehmen der ver­la­denden Wirtschaft kaum lohnend betrieben werden könnte.

Der typische Stückgutverkehr (auch: Spediteur­sam­mel­­­gut­ver­kehr) ist durch die folgenden Eigenschaften gekennzeichnet:

– Heterogenes Sendungsaufkommen im Gewichtsbereich von 30 bis maximal 2.500 Kilogramm (oft stapelbar und palettentauglich).

– Die Sendungen verschiedener Auftraggeber werden im Regionalbereich abgeholt (Vorlauf) und in einem Um­­schlagslager nach Relationen sortiert.

– Gleiche Relationen werden im Fernverkehr gebündelt (Hauptlauf) und im Eingangsdepot der Zieldestination zu Nahverkehrstouren gebündelt und zugestellt (Nachlauf).

– Alternativ werden alle Sendungen an ein zentrales Um­­­­schlags­lager (Hub) zugestellt und von dort an die regio­­­nalen Depots verteilt, wo sie auf Nahverkehrs­fahr­zeuge umgeschlagen werden.

– Besonderheit: Getaktete Verkehre, d.h. die Fahrzeuge fahren nach einem festen Zeitplan. Die Abläufe sind stan­­dardisiert und industrialisiert. Der Einsatz von Sendungs­­verfolgungssystemen, Barcodes und IT-gestützter Auf­­trags­­abwicklung ist mittlerweile „state of the art“.

Die Abwicklung von Stückgutverkehren erfolgt in der Regel über ein Netz von 30 oder mehr regionalen Um­­schlagslägern. Diese gehören zu einem Konzern oder setzen sich aus den Depots der regionalen Partner von Stückgutkooperationen zusammen. Innerdeutsch können die meisten Sendungen innerhalb von 24 Stunden zugestellt werden. Eine Leistung, die im europäischen Vergleich einzigartig ist.

Dies ist umso bemerkenswerter, als der Stückgutmarkt sehr mittelständisch geprägt ist, was im Übrigen auch auf den Kreis der Kunden zutrifft. Diese stammen zur Hälfte aus der Nahrungs- und Lebensmittelbranche (19 Prozent), gefolgt vom Metall- und Maschinenbau (17 Prozent) und der Baubranche (14 Prozent). Die zweite Hälfte verteilt sich auf nahezu alle anderen Branchen. Aus diesem Grunde verlaufen die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und die Entwicklung des Stückgutmarktes weitgehend parallel. (Quelle: „Challenges 2013“, Fraunhofer Arbeitsgruppe SCS)

Dies betrifft auch die internationale Ausrichtung dieses Marktes. Genauso wie die deutsche Wirtschaft sehr inter­­national ausgerichtet ist, folgen die Stückgutnetze die­­sem Trend und bauen ihre europäischen und internatio­nalen Verbindungen zunehmend aus. Dies geschieht zum einen durch Gründung eigener Niederlassungen und zum anderen durch Aufnahme internationaler Partner in das Netz deutscher Speditionskooperationen. Der gesamteuropäische Umsatz im Stückmarkt liegt bei 44 Milliarden Euro, was einem Anteil von fünf Prozent am Umsatz der Logistik insgesamt entspricht.

Die Bedeutung der Stückgutlogistik für eine moderne, arbeitsteilig und global ausgerichtete Wirtschaft ist existenziell. Dies spiegelt sich auch in dem Stellenwert wider, den der Deutsche Speditions- und Logistik­ver­band (DSLV) diesem Teilsegment beimisst. Nach der letzten Branchenerhebung des DSLV aus dem Jahr 2010 engagieren sich 54 Prozent seiner Mitglieder im Bereich Stückgutspedition / Spediteur­sammel­gut­verkehr. Für 28 Prozent der DSLV-Mitgliedsunternehmen ist dies sogar der Schwerpunkt ihrer logistischen Tätigkeit. Darum unterhält der Verband auch eine Reihe von Arbeits­kreisen, die sich mit den typischen Themen dieses Segments befassen, wie dem Paletten-/Lademittelmanagement, den Abläufen an den Verladerampen von Industrie und Handel oder der Analyse der Kostenentwicklung im Be­reich des Stückgutmarktes.

Weiter Informationen finden Sie unter www.dslv.org

Der 1957 geborene Autor ist Speditionskaufmann und studierter Betriebswirt (FH) Verkehrswesen. 1981 trat er in das elterliche Unternehmen ein und leitet die Krage Speditionsgesellschaft mbH seit 1986 als geschäftsführender Gesellschafter. Krage ist Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbands e.V. (DSLV).