Martina Weiß & Dr. Stefan Soltek: Was Schrift zu sagen hat

Schrift wird in unserer westlichen Kultur weithin nur als Informationsträger und Kommunikationsmittel geschätzt, dass Schrift jedoch ebenso künstlerische Ausdrucksform sein kann, wird vielfach nicht wahrgenommen oder höchstens mittelalterlichen Handschriften mit prachtvollen Initialen zugebilligt. Offenbach ist der Ort, an dem man sich intensiv um die Schrift als Kunstform bemüht.

Als um die vorige Jahrhundertwende die Arts and Crafts Bewegung den Anspruch nach künstlerischer Formge­bung in allen Lebensbereichen vertrat, wurde auch der Schrift wieder Aufmerksamkeit zuteil. Der Jugendstil zeichnete sich durch die Betonung des Dekorativen, durch geschwungene Linien und Schmuck in organischen Formen aus. Kunstvoll gestaltete handschriftliche Züge wurden zu ornamentalen Dekorelementen. Karl Klingspor, der eine kleine Schriftgießerei in Offenbach betrieb, erkannte die Zeichen der Zeit und initiierte eine formalästhetische Erneuerung der Druckschrift. Waren die Druckschriften bis dahin überwiegend Nachschnitte alter Schriften, so gewann Klingspor nun zeitgenössische Gestalter für moderne Neuschöpfungen. Den Anfang machte der be­­kannte Künstler Otto Eckmann: 1900 kam seine schwung­­volle Eckmann-Schrift mit passenden Ornamenten und Zierstücken auf den Markt. Die mit dem Pinsel geschrie­­bene Schrift wurde ein großer Erfolg und ermutigte Klings­­por, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Arrivierte Künstler wie Peter Behrens, Heinrich Vogeler und Otto Hupp arbeiteten für Klingspor, Rudolf Koch kam nach Offenbach und reifte in der Schriftgießerei, die ab 1906 als Gebr. Klingspor firmierte, zu einem der bedeutendsten Schriftdesigner der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Gießerei genoss Weltruf und verkaufte ihre Schrif­ten in viele Länder. Offenbach war zu einem Zentrum der modernen künstlerisch gestalteten Schrift geworden.

Einen großen Anteil daran hatten auch die Technischen Lehranstalten, aus denen die heutige Hochschule für Ge­­staltung hervorging. Hier erteilte Rudolf Koch Schrift­unterricht. Aus seiner sogenannten „Offenbacher Schule“ gingen zahlreiche bedeutende Buch- und Schriftkünstler hervor, wie zum Beispiel Friedrich Heinrichsen, Herbert Post, Berthold Wolpe oder Fritz Kredel. Koch schuf neben seinem Schriftdesign auch ein umfangreiches kalligraphisches Werk, das sowohl den Einfluss mittelalterlicher Vorbilder aufweist als auch dem Expressionismus verhaftet ist. 1921 gründete er zusammen mit Schülern in Anlehnung an die mittelalterlichen Dombauhütten die Offenbacher Werkstatt an der Schule. Größter Wert wurde hier auf gemeinsames Arbeiten und die handwerk­liche Ausführung der Werke gelegt. Die Mitglieder der Werk­­statt ver­­stan­den sich dabei nicht nur als Künstler, sondern in gleichem Maße als Handwerker. Frucht­bringend für Koch war seine Freundschaft zu dem Offenbacher Mäzen und Sammler Siegfried Guggen­heim. Dieser unterstützte die Mitglieder der Werkstatt und versah sie mit Aufträgen. Ihm ist es zu verdanken, dass Koch völlig neue künstlerische Ideen verwirklichen konnte: Für seine Schriftinszenierungen war ihm das Format des Buches zu klein geworden, selbst das großformatige Einzelblatt reichte nicht mehr aus. Um seine Vorstellun­gen von raumfüllender Schrift zu verwirklichen, entwarf er großformatige Tapisserien mit biblischen Texten. Guggenheim unterstützte das Vor­haben, das ohne Vorbild war, indem er mehrere Teppiche in Auftrag gab, zwei davon waren für seine häusliche Sederfeier gedacht. Der langjährige Vorsitzende der jüdi­­schen Gemeinde Offen­­­bach ließ sich von der Werk­statt weitere kultische Geräte fertigen: so eine Sederschüssel, ein Handwaschbecken und eine Kanne. Auch im Exil in New York bis zuletzt Offen­­bach eng verbunden, ermög­­lichte Guggenheim den Er­­werb seiner Sammlung, seither das Herzstück des Klingspor-Museums und seiner Bestände.

Drei Jahr zuvor, 1953, war das Museum für moderne interna­tionale Buch und Schriftkunst gegründet worden. Grundstock dafür war Karl Klingspors wert­­volle Sammlung zeitgenössischer Buchkunst, sie wurde er­­gänzt durch eine umfangreiche Sammlung von Schrift­proben der Schriftgießerei. Nach der Museumsgrün­dung kam der Nachlass von Rudolf Koch ins Haus. Die Erben des früh verstor­benen Rudo Spemann, auch er Schriftdesigner von Klingspor, übereigneten dem Mu­­seum ein Konvolut von mehreren Hun­dert hinterlassenen Einzelblät­tern und Handschriften.

Spemanns Lehrer war Ernst Schneidler, eine der zentralen Persönlichkeiten der Schrift­kunst des 20. Jahr­hunderts. Er prägte nicht nur als Schriftdesigner und Buchgestalter seine Zeit, seine Stuttgarter Schule war neben Offen­­bach maßgebliche Ausbildungsstätte von Schrift- und Buchgestaltern. Aus ihr ging eine ganze Generation von Protagonisten der Typografie hervor. Vor allem sein wenig bekanntes freies schriftkünstlerisches Werk ist im Mu­­seum umfangreich dokumentiert. Im Jahre 2013 wurde er in einer umfassenden Einzel­ausstellung gewürdigt. Seine gänzlich unkalligraphische Schriftkunst zeigt die Einflüsse verschiedenster Kunst­richtungen des 20. Jahr­­hunderts auf, in vielen seiner Kompositionen verschmel­zen Bild und Schrift.

Der Typograf Rudolf Franke schuf Schriftbilder aus Hand­schrift, Schablonendruck, Prägung und Collage. Oftmals überschritt er dabei die Grenzen des Lesbaren, wobei die Schrift nicht mehr Textübermittlung dient, sondern eine graphische Spur bildet. Anhand eines umfangreichen Werkkomplexes kann man hier den zu Unrecht wenig be­­kannten Künstler entdecken, dessen Arbeiten selbst über 40 Jahre nach seinem Tod erstaunlich modern wirken.

Längst ist die Schriftkunst nicht mehr nur auf die Zwei­dimensionalität beschränkt, zahlreiche Künstler haben Schrift-Objekte geschaffen, allen voran Hans Schmidt, langjähriger Professor für Schrift an der HfG, in Holz- und Kunststoffskulpturen zerlegt er das Alphabet in geomet­rische Grundformen, um so Texten eine völlig neue Lesart zu verleihen. Auch in das Offenbacher Stadt­bild und in öffentliche Gebäude haben auf Vermittlung des Klings­por-Museums Schriftkunstwerke Eingang ge­­funden. Der renommierte amerikanische Maler und Bildhauer Flet­cher Benton schuf großformatige Stahl­skulpturen von zerlegten, aufgefalteten Buchstaben, eine davon, „Folded D“, fand ihren Platz am Eingang des Büsingparks. Für die gerade erfolgte Umgestaltung des Rathausvorplatzes schuf der Buchkünstler Peter Malutzki eine Schriftinstal­lation. Uta Schneider und Ulrike Stoltz versahen das Büro des Oberbürgermeisters mit einer mehrsprachigen Wort/Schrift-Installation, Corinna Kreb­ber akzentuierte den Hof des Büsingpalais. Es zeigt sich: das Engage­ment für prägnante Aussagen in Schrift­ge­staltung setzt sich fort vom Klingspor-Museum moderiert.

Das breite Spektrum zeitgenössischer Schriftkunst kann nur angerissen werden, es sollte am besten im Museum in den wechselnden Ausstellungen, die die Bandbreite des Schriftlichen, Bildlichen und Bildschriftlichen ausloten, oder einem Besuch in seinem Archiv entdeckt werden.

Der Autor wurde 1956 in Köln geboren und studierte Kunstgeschichte, Archäo­logie, Jura in Bonn und Köln. Promotion mit Arbeit zum romanischen Taufstein in Freckenhorst. Zahlreiche Volontariate an Museen in Köln, London, New York. Kurator der Linel-Sammlung für Buchkunst und Ornamentstich am Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main. Seit 2002 Leiter des Klingspor Museums in Offenbach am Main. Juror für die Stiftung Buchkunst, Plakatauswahl für den evangelischen Kirchentag, Deutscher Designer Club DDC. Publikationen zu Künstlerbuch, Kunst des 20. Jahrhunderts.

 

Die Autorin wurde 1963 in Offenbach geboren und studierte an der Fachhoch­schule für Bibliothekswesen, Frankfurt. Betreut als Diplombibliothekarin seit 1985 die wissen­schaftliche Bibliothek des Klingspor-Museums Offenbach, kuratiert Ausstellungen zu den Themen Pressendruck, zeitgenössisches Künstlerbuch und Schriftkunst