Martin Proba: Automotive-Cluster RheinMainNeckar – Netzwerkarbeit für die Zulieferindustrie

Die Region Rhein-Main-Neckar ist ein wichtiger Standort für die Automobil­industrie. 100.000 Beschäftigte in der Großregion arbeiten unmittelbar oder mittelbar im Automobilsektor. Viele Auto­mobilmarken steuern ihre deutschen Aktivitäten aus der Region: Opel, Seat und Škoda als europäische Hersteller, von den asiatischen Marken sind es Honda, Hyundai, Kia, Mitsubishi und Suzuki. In Mannheim hat die Bussparte von Daimler ein großes Werk und John Deere sein größtes europäisches Trak­torenwerk. Auch eine Vielzahl namhafter Zulieferer sind in der Region Rhein-Main-Neckar vertreten: Continental zählt in Frankfurt zu den größten Arbeit­gebern, Umicore kann dies für sich in Hanau in Anspruch nehmen und die Technologie von Freudenberg in Wein­heim findet sich in nahezu jedem westeuropäischen Automobil. Zudem findet sich eine Vielzahl kleiner Zulieferer, die in ihren Marktnischen innovativ und teil­weise Marktführer sind: Curocon und Synventive in Bensheim, KLN Ultraschall in Heppenheim oder Autoneum (früher Rieter) in Roßdorf.

Der Automotive-Cluster RheinMain­Neckar (www.automotive-cluster.org) ist entlang der gesamten automobilen Wert­schöpf­ungs­kette aufgestellt und hat aktuell 600 Mitglieder. Als Unterneh­­mens­cluster bündelt er das Know-how der Region und fördert wettbewerbsfähige Kooperationen. Der Cluster versteht sich als Plattform für die Kontaktanbahnung zwischen Firmen aus der Region, aber auch länderübergreifend, und unterstützt den Dialog zwischen Wirtschaft, Forschung, Politik und Ver­waltung. Der Schwerpunkt liegt im Bereich Enginee­ring. Die Ingenieurdienstleister Bertrandt und EDAG unterstützen den Cluster seit Beginn. Einige Hersteller haben ihre euro­päischen Technologie- und Entwick­lungszentren in der Rhein-Main-Neckar-Region angesiedelt, allen voran Opel, aber auch Honda, Hyundai, Kia und Mitsubishi. Aber auch die Forschungs- und Entwicklungs­kapa­zitäten der TIER- 1-Zulieferer, wie zum Beispiel Continental oder Umicore, sind vielfältig. Der Auto­motive-Cluster Rhein­MainNeckar unter­stützt die Zusammen­arbeit der Zulieferer untereinander, damit Betriebe ihr Poten­zial nutzen können – wenn nicht alleine, dann im Verbund. Damit lassen sich Marktanteile gewinnen, die insbesondere kleinen und mittleren Betrieben mit den eigenen, be­­schränkten Ressourcen verschlossen blieben. Weiterhin profitiert der Cluster von der hervorragenden Wissenschafts­infrastruktur: Die Hoch­schulen RheinMain und Darmstadt sowie die Tech­nische Universität Darm­stadt haben eine hohe Kompetenz im Fahrzeugbau. Zudem befassen sich Fraunhofer-Institute in der Region mit automobilen Frage­stellungen, allen voran das Fraunhofer-Institut für Betriebs­fes­­t­igkeit und Sys­temzuverlässigkeit LBF.

Vernetzung Wissenschaft – Wirtschaft. Der Cluster versteht sich als Mittler zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Dies gelingt dadurch, dass das Netz­werk von Prof. Dr. Birgit Scheppat von der Hochschule RheinMain wissenschaftlich beraten wird. So lassen sich auf kurzem Weg die Interessen von Unter­nehmen und Forschern zusammenführen. Der Cluster unterstützt insbesondere kleine Unternehmen, indem er gemeinsam mit den Ansprechpartnern bei den wissenschaftlichen Einricht­ungen bei der Suche nach geeigneten Forschungs­­partnern hilft, aber auch mit den Ka­­pa­­zitäten der Industrie- und Handels­kammer (IHK) Darmstadt bei rechtlichen Fragen oder über Finan­zierungs­fragen berät.
Vernetzung zwischen Zulieferern. Die Vernetzung der Zulieferunternehmen hatten sich die Initiatoren des Auto­motive-Clusters RheinMainNeckar, die IHK Darm­stadt und die Wirtschaftsför­derung des Kreises Groß-Gerau, einfacher, vor allem aber schneller realisierbar vorgestellt. Heute, 2013 – zehn Jahre nach dem Start des Clusters ­– wissen die Initia­toren, dass eine Vielzahl der Unter­neh­men aus dem Cluster eng kooperieren. Vieles unterliegt den Geheimhaltungs­vereinbarungen der Auftraggeber. Die Basis der engen Zusammenarbeit ist das gegenseitige Kennen und Vertrauen. Automotive-Unternehmen aus dem Cluster nutzen die Kooperations­daten­bank und die Kooperationsbörsen, die der Cluster für seine Mitglieder organisiert. Gerade bei letzteren ist die Erfolgs­quote sehr hoch: Für rund 60 Prozent der Teilnehmer sind diese Kontakte Aus­gangspunkt für langfristige Geschäfts­beziehungen. Fünf Prozent der Teilnehmer schließen sogar bereits bei diesen Gesprächen Verträge. Durch die Ver­net­­z­ung in andere europäische Cluster hinein entstehen auch internationale Ver­bin­dungen. Das Automotive-Cluster aus Konya in der Türkei ist ebenso ständiger Gast wie die Zuliefernetzwerke aus Eind­hoven in den Niederlanden, Bir­ming­ham und Derbyshire (GB), der Haute-Nor­man­die in Frankreich oder die Mit­glieder des Automotive-Clusters Slowenien.

Quantensprung in der Zusammenarbeit: Projektkreise. Im Jahr 2010 haben sich im Cluster so genannte Projektkreise etabliert. Hier widmen sich die Fachleute aus den Unternehmen firmenübergreifend sehr speziellen Fragestellungen aus der Automobilzulieferindustrie. Elek­trische Antriebe sind ebenso ein Thema wie Automatisierung, Projekt­manage­ment oder Fachkräftebedarf. Durch die Konzentration auf eine Fragestellung und die Tatsache, dass es sich um ge­­schlossene Gruppen handelt, schafft der Cluster noch bessere Voraussetzungen für die Zusammenführung unterneh­­mens­übergreifender Kompetenzen und inter­disziplinären Wissens. Die Mitglieder des Automotive-Clusters RheinMain­Neckar sind davon überzeugt, dass diese kooperative, vertrauensvolle Zusam­­­men­arbeit jenseits des täglichen Wett­bewerbs Zukunft hat. Neben allen Detail­projekten haben sich einige Mitglieder zusammengetan und einen Entwurf für ein E-Mobilitätskonzept für den ländlichen Raum vorgedacht. Ein E-Fahrzeug ist dabei der Nukleus, jedoch wurde ein erstes Gesamtkonzept von der Entwick­lung über Produktion und Wartung formuliert, in dem auch die regenerative Energiegewinnung eine wichtige Rolle spielt. Aktuell diskutiert man mit potenziellen Anwendern die Realisierungs­chancen.

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Zukunftschancen durch den Cluster. Die erprobte Praxis des vertrauensvollen Umgangs im Cluster ist eine gute Basis, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern: Das „Voneinander-Wissen“ ermöglicht es, technologische Frage­stellungen im Verbund anzugehen und Lösungen zu entwickeln. Auch das Thema Fachkräftebedarf lässt sich im Cluster gemeinschaftlich besser bearbeiten als im Einzelunternehmen. Ein attraktives Netzwerk bietet seinen Fachkräften eine Vielzahl von Chancen. Hinzu kommen die attraktiven Standortfaktoren der Rhein-Main-Neckar-Region, wie zum Bei­spiel ingenieurwissenschaftliche Kom­pe­tenz auf höchstem Niveau, hochqualifizierte Fachkräfte, eine hervorragende Verkehrsinfrastruktur (Straße, Schiene, Luft, Wasser) sowie die außergewöhn­liche Lebensqualität.

Der Automotive-Cluster RheinMain­Neckar steht auch in der Zukunft für deutsche Wertarbeit, die aus einem starken Netz­werk hervorgeht, und für eine Region mit einer langen Tradition als Wirt­schaftsstandort, die für Welt­of­­fenheit und Lebensqualität bekannt ist.

Proba-1-KopieDer Autor wurde 1965 in Straubing ge­­boren und hat als Offizier an der Bundes­wehr-Universität in Hamburg Wirtschafts- und Organisationswissen­schaften studiert. Seit 1995 ist er bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt tätig und leitet die Geschäfts­bereiche Existenzgründung und Unter­nehmens­förderung sowie International. Er war 2003 einer der Mitinitiatoren des Auto­motive-Clusters RheinMainNeckar.