Markus Kopp: Flughafen Leipzig/Halle – Das Luftkreuz in der Mitte Europas

BMW, Porsche, Quelle, Amazon, Dow Che­­mical und Dell – all diese globalen Multiplayer haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben sich rund um den Flughafen Leipzig/Halle angesiedelt. Solche An­­sied­lungen nimmt die Wirtschaft nur vor, wenn sie langfristig planen kann, Un­­ter­­nehmen sehen nur dort eine Per­spek­­ti­­ve, wo die entsprechende Infra­struktur vorhanden ist. Und hier in Leip­­zig/Halle, wo in den vergangenen Jah­ren über eine Milliarde Euro in die drei Ver­­kehrs­­trä­­ger Autobahn, Bun­des­stra­ße und Ei­­sen­­bahn investiert wurden, lässt sich gut für die Zukunft von Un­­ternehmen planen. Ohne den Flughafen Leipzig/Halle wären die globalen Multi­player wie BMW und Co. eben nicht nach Mittel­­deutsch­­land gezogen.
Fast 60.000 Starts und Landungen und dank DHL, Lufthansa Cargo und anderen ein Frachtumschlag von über 440.000 Tonnen: Der Flughafen Leipzig/Halle ist schon heute ein Airport der Superlati­ve. Mittlerweile ist der Flughafen bereits der drittgrößte Logistikairport Deutsch­lands. Über 4.000 Menschen aus der Region haben hier Arbeit und eine Zu­­kunft ge­­funden.
Die Wurzeln dieses mitteldeutschen Wirt­­schaftswunders finden sich auch im an­­haltinischen Pioniergeist und im tech­­nischen Erfinderdrang begründet, beides Dinge, die den Hallensern so eigen sind.


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Wie viele große Unternehmungen hat der Flughafen Leipzig/Halle ganz klein angefangen. Alles begann nämlich mit einem Heißluftballon, den ein findiger Tüftler am 29. September 1845 in der Stadt an der Saale aufsteigen ließ. Tau­­sen­­de Hallenser versammelten sich spon­­tan an diesem sonnigen Montag­morgen, blickten nach oben – und konn­­ten kaum mehr die Augen abwenden von dem Wunder, das wenige Meter über ihren Köpfen geschah. Und das auch etwas in den Köpfen veränderte.
Denn immer mehr Pioniere der Luft­fahrt wagten nun hier das Ballon-Aben­­teuer, bis die Hallenser dann endlich im Mai 1909 sogar zum ersten Mal ein richtiges Luftschiff über ihrer Stadt schwe­­ben sahen. Danach gab es kein Halten mehr: Immer neue Flugfelder ent­­stan­­den rund um Halle, immer mehr ge­­wiefte Tüftler wollten ihre eigenen Er­­­­fah­rungen mit der Aerodynamik sammeln. Ein deutsches Luftfahrtzentrum, mitten im Herzen des Kaiserreichs, war geboren.
Die Begeisterung der Hallenser für die Luftfahrt war so groß, dass am 14. Sep­­tember 1913 der „Hallesche Zeppe­lin­tag“ mit Tausenden Besuchern aus al­­­ler Welt gefeiert wurde: Großes Ge­­drän­­ge herrschte um den Zeppelin Num­­mer 17 mit Namen „Sachsen“ (Länge 142 Meter, angetrieben von drei May­­bach-Motoren mit je 165 PS).
Zu dieser Zeit gab es bereits seit ei­­nem Jahr in Halle-Beesen den ersten Flughafen der Stadt, der allerdings nur bis 1914 bestand. 1917 richtete das preu­­ßische Kriegsministerium im Nord­­osten der Stadt, nahe dem Dorf Mötz­­lich, dann einen der größten deutschen Militärflugplätze ein – bis zu 120 Flug­­zeuge waren hier zeitgleich stationiert. Doch bereits nach dem Ersten Welt­­krieg musste dieser Airport gemäß den Entmilitarisierungsbestimmungen des Versailler Vertrages zerstört werden. Erst 1925 wurde mit Nietleben wieder ein für den Verkehrsflug geeigneter Platz in Halle freigegeben: Die ersten Flug­zeuge landeten hier am 4. Juni 1925 anlässlich des „Deutschland-Rund­­flu­ges“, knapp zwei Monate später wurde Nietleben offiziell eröffnet. Und sofort war klar: Das reicht nicht. Aero Lloyd verband Halle zwar von hier aus mit Berlin, Leipzig, München, Innsbruck und Stuttgart, doch die Nachfrage nach Luftbeförderung in Mitteldeutschland war so groß, dass die Kapazitäten Niet­­lebens schon nach wenigen Wochen ausgereizt waren. Und Erweiterungs­mög­lichkeiten gab es hier nicht. Etwas Neues, etwas Größeres musste her.
Da das Reichsverkehrsministerium in Berlin ohnehin den Luftverkehr im mitteldeutschen Raum neu ordnen wollte, entstand die Idee eines gemeinsamen Großflughafens zwischen den beiden Ballungsräumen Halle und Leipzig. Ge­­gen den – manchmal sehr erbitterten – Widerstand der Leipziger Stadt­ver­ordnetenversammlung und der sächsischen Verantwortlichen konnte sich der kühne Plan schließlich durchsetzen. Am 1. September 1926 wurde zwischen Halle und Leipzig der erste Spatenstich gemacht.

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In nur acht Monaten entstanden neben dem Flugfeld eine Flugzeughalle und ein Verwaltungsgebäude. Am 25. April 1927 konnte nun der neue Flughafen Halle/Leipzig (!) seine Arbeit aufnehmen. Schon 1929, mitten in der schwer­­s­­­­­­­­ten Wirtschaftskrise, wurden hier über 20.000 abgefertigte Passagiere ge­­zählt. Wie sehr sich die Stadt Halle für ihren neuen Flughafen von Anfang an beharrlich eingesetzt hat, bezeugt ihre Beteiligung an der 1928 gegründeten „Flughafengesellschaft Halle/Leipzig mbH“. Und der Erfolg gab der Saale-Stadt recht: 1937 belegte Halle/Leipzig bereits Platz vier in der Rang­liste der verkehrsreichsten Flughäfen Deutsch­­lands, mehr als 40 Flugzeuge starteten hier jeden Tag. Wären die Hallenser Stadtväter nicht so beharrlich mit ihrer Idee eines gemeinsamen Flughafens gewesen – der Luftverkehr in Mittel­­deutschland sähe heute wohl ganz anders aus.

Am 1. September 1939, exakt 13 Jah­re nach dem ersten Spatenstich, en­­de­te der zivile Luftverkehr in Halle/Leipzig. Auf dem Areal des Airports entstand 1947 zunächst eine Ferti­gung für Kälte­­anlagen, der VEB „Ma­­schinen- und Ap­­paratebau“. Seit 1955 gehörte dieser Betrieb zur neu entstehenden Luft­fahrt­­industrie der DDR. Als dann Anfang der 1960er Jahre der Messeflughafen Leip­zig/Mockau den Anforderungen der Zeit nicht mehr ge­­nügte, waren sogar die Leipziger, die sich ja erst wegen des Airports Halle/Leipzig ein bisschen geziert hatten, froh, dass man sich wieder auf ihn be­­sinnen konnte. Ab 1963 nutzte man, zumindest zweimal jährlich, die dortige Start- und Landebahn für den „Mes­­seflughafen Leipzig“.
1972 nahm schließlich der „Flughafen Leipzig“ seinen Betrieb wieder ganzjährig auf – aber die wackeren Hal­­len­­ser, ohne die der Airport nie entstanden wäre, verschwanden erst einmal aus dem Namen des Flughafens.


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Zumindest bis 1991. Denn nachdem sich die Landes- und Kom­­mu­nal­ver­wal­­tun­­gen neu konstituiert hatten, konnte die nunmehr Flughafen Leipzig/Halle GmbH genannte Gesellschaft durch die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und die Städte Leipzig, Halle und Schkeuditz so­­wie die Landkreise Leipziger Land und Delitzsch übernommen werden. Durch die heutige Beteiligung der Stadt Halle an der Mitteldeutschen Flughafen AG ist die Saale-Stadt auch am Flughafen Dres­­den und damit an einer länder­über­­grei­­fenden Verkehrspolitik beteiligt.
Der Flughafen Leipzig/Halle ist ein mo­­dernes, leistungsfähiges Tor der Re­­gion Mitteldeutschland zu weltweiten Wirtschafts- und Touristik­märk­­ten. Dank der weitsichtigen Konzep­tion der In­­frastrukturen garantiert der Stand­­ort luftverkehrsaffinen Un­­ternehmen langfristige Planungs- und In­­ves­ti­tions­sicherheit. Aus den ersten vorsichtigen Flugversuchen der Hal­­len­­ser ist ein europäisches Luft­­kreuz er­­wachsen.

„Der Preis der Größe heißt Ver­­ant­wor­tung“, wusste schon Winston Churchill. Darum soll und wird der Flughafen Leip­­zig/Halle noch in 20, 50 oder 100 Jahren den Unternehmen Mit­tel­deutsch­­lands Anschluss an die Märkte der Welt bieten.
Durch die Möglichkeit des 24-Stunden-Betriebes für Luftfrachtverkehre und die Standortvorteile des Flughafens, wie seine ideale verkehrsgeografische Lage im Zentrum Europas und die di­­rekte Anbindung des Passagier- und Frachtbereiches an das transeuropäische Autobahn- und Schienennetz, verfügt der Airport dafür über bestmögliche Rah­menbedingungen. Durch den konsequen­­ten Ausbau – den die Stadt Halle als Part­ner nach allen Kräften för­­derte – entwickelte sich Leipzig/Halle innerhalb der Region zu einem bedeutenden Stand­ort­faktor. All dies wäre ohne den richtigen Ort nur schwer möglich gewesen. So gilt unser Dank noch heute den hartnäckigen Hallen­sern, die wussten und dafür kämpften, dass ihr Traum vom Fliegen auch den richtigen Platz erhielt.

MMarkus Kopp, Jahrgang 1966, ist seit 2007 Alleinvorstand der Mittel­deut­schen Flug­­hafen AG, Aufsichtsrats­vorsitzen­­der der Flughäfen Leipzig/Halle und Dres­­den so­­wie Gesellschaftervertreter der Port­­­ground GmbH und der Eastern­ AirCargo GmbH. Vor seinem Eintritt in die Flug­ha­­fen-Holding leitete er das Zen­­tral­­­bü­­ro des Lufthan­­sa Kon­­zern­­vor­­stands Avia­tion Services & Human Resources.