Marcus Baur: Das große Ziel vor Augen haben

Neurowissenschaftler wissen es seit Langem, Ziele aktivieren unser inneres Belohnungssystem. Dieses System ist die Basis unserer Motivation und unseres Antriebs. Um Motivationen gerichtet einzusetzen, zu bestätigen und zu erhöhen, ist es von entscheidender Bedeutung, sich seiner Ziele, und wie diese erreicht werden können, absolut klar zu sein.  Der zweifache Olympiateilnehmer im Segelsport Marcus Baur hat mit Goalscape ein Konzept entwickelt, welches hilft, Zielsetzungen visuell erkennbar zu machen und den Weg zum Erfolg planbarer zu gestalten.

EBN24: Herr Baur, Sie haben einmal den Satz geäußert: „Ein Segelteam ist wie eine Firma.“ Was genau meinen Sie damit?

Baur: Das Besondere am Segeln ist seine strategische und taktische Ausrichtung. Man kann nicht gegen den Wind segeln. Es gibt dann nicht nur den einen Pfad, dem man folgen kann, sondern es sind Entscheidungen zu treffen, welchen Kurs man einschlägt. Hier unterscheidet sich der Segelsport nicht wesentlich von der Handlungsstrategie in einem Unter­nehmen. Auch hier muss ich permanent Entscheidungen treffen und permanent Prioritäten setzen.

EBN24: Das heißt, ich habe unzählige Optionen, aus denen ich wählen muss.

Baur: Genau. Wer setzt die Ziele? Wer entscheidet? Wie hält man das Team motiviert? Alle diese kleinen und großen Ent­­scheidungen müssen getroffen werden, ohne den Blick auf das Wesentliche, also den Erfolg des Unternehmens, aus den Augen zu verlieren.

EBN24: Bleiben wir noch kurz beim Segelsport. Sie sind 2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney angetreten, in der 49er Jolle, ein Bootstyp, den man in Deutschland kaum kannte. Wie haben Sie diese Herausforderung gemeistert?

indexBaur: Das Boot ist sicherlich nicht einfach zu handhaben. Erfahrene Segler gab es in Europa bis dato praktisch nicht. Doch die Herausforderung des Regattaseglers besteht nicht nur in der Meisterung der Bootsbeherrschung, hinzu kommen das Er­­reichen der maximalen Bootsgeschwindigkeit, die Opti­mierung der kör­­perlichen und mentalen Fitness, die Pflege und Perfek­­tionierung des Bootsmaterials sowie die ständigen Ver­­bes­se­rung der taktisch-strategischen Fähigkeiten zur richtigen Posi­­tio­­nierung im Rennen und selbstverständlich das Trainer- und Helferteam. Über alle diese Dinge musste ich mir einen Über­­blick verschaffen und ich wollte die Anzahl der Unterziele priorisieren. Zu diesem Zweck habe ich das Goalscape-Konzept entwickelt.

Am Anfang habe ich einfach die einzelnen Bootsmanöver wie Tortenstücke in einem Kreis angelegt und jene größer gemacht, die für den Rennerfolg besonders wichtig waren. Die geschlossene Darstellung als Kreis bot sich hier grundsätzlich an, da sowohl materielle Ressourcen als auch vor allem die Zeit natürlich begrenzt sind. In den jeweiligen Segmenten habe ich dann noch unseren Fortschritt markiert. Letztendlich konnte ich somit auf einen Blick erkennen, wo bereits viel Potenzial vorhanden war bzw. was verstärkt trainiert werden musste.

EBN24: Das Konzept diente also nicht nur dazu, einen Über­­blick über das „Unternehmen Olympia“ zu behalten, sondern war auch ein Motivationsfaktor.

Baur: Ein klares Ziel vor Augen zu haben, ist überhaupt der wesentliche Motivationsfaktor im Leistungssport. Das gilt selbst­­verständlich auch für jedes Unternehmen. Neurologisch gilt es ja als bewiesen, dass das zielorientierte Arbeiten zu einer Steigerung der Lebensqualität führt. Das Goalscape-Konzept hilft dabei, sich im Team auf ein Ziel zu einigen, und das konkrete Ziel weiter zu verfolgen, um mit dem bestmöglichen Ressourceneinsatz den maximalen Erfolg zu erreichen.

EBN24: Nun sind Ziele im Sport nicht gleich Ziele in Unternehmen.

Baur: Das ist absolut korrekt. Ziele im Sport sind in der Regel sehr einfach zu umreißen. Ich will möglichst schnell von A nach B segeln. Dieses Ziel kann jeder sofort nachvollziehen. In Unter­­neh­­men stellen sich die Situationen sehr viel komplexer und un­­übe­r­­sichtlicher dar. Aber genau hier kann die Visualisierung von Goalscape punkten. Denn je komplexer die Situationen, desto wichtiger ist es, das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

EBN24: Die erste Goalscape-Visualisierung haben Sie noch per Hand gezeichnet. Wie haben Sie die Idee dann zur Marktreife gebracht?

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Die Goalscape-Gründer: Richard Parslow, Marcus Baur, Emmett Lazich

Baur: Bereits während meiner Olympia-Teilnahmen konnte ich ein internationales Netzwerk knüpfen. Wesentlich zum Er­­folg hat unter anderem Emmett Lazich beigetragen, ebenfalls Segler und erfolgreicher Trainer, der heute im Unternehmen als Soft­­ware-Architekt tätig ist, sowie Richard Parslow, der Trainer der englischen nationalen Segelmannschaft war und bei Goalscape für den Vertrieb und Support zuständig ist.  Unser Netzwerk reicht also von Kiel über Richard Parslow in London bis zu Emmett Lazich nach Sydney und wird ergänzt von Malav Shroff, der als Unternehmer in Indien lebt.

EBN24: Trotz dieser internationalen Ausrichtung haben Sie die Gründung des Unternehmens in Schleswig-Holstein vollzogen. Warum sind Sie nicht ins international weitaus renommiertere London gegangen?

Baur: Meine Wurzeln liegen ganz klar hier, in Schleswig-Hol­stein. Was man darüber hinaus nicht vergessen sollte ist: Im angelsächsischen Raum gibt es sicher eine weitreichende Start-up-Kultur mit starken Risikoinvestoren. Deutschland hat im internationalen Vergleich hingegen eine sensationell gute För­­der­­kultur. Die staatlichen Fördermöglichkeiten helfen sicherlich dabei, Ideen zu verwirklichen. Unser Unternehmen ist beispielsweise von der Mittel­ständischen Beteili­gungsge­sellschaft gefördert worden. Das sehe ich ganz klar als großen Pluspunkt, um hier zu investieren.

marcus_baurMarcus Baur
Marcus Baur ist der Entwickler des Goalscape-Konzepts. Der studierte Architekt gewann zahlreiche Segel-Meisterschaften: u. a. dreifacher Europameister (1997, 1999, 2003), Vizeweltmeister (2000), zweifacher Olympiateilnehmer (2000, 2004) sowie mehrfacher Deutscher Meister. Die Goalscape GmbH gründete er zusammen mit seinen Partnern Emmett Lazich, Richard Parslow und Malav Shroff.