Marc Walder: Medienlandschaft Schweiz – Entwicklungen und Perspektiven

Die Schweiz ist geprägt durch ihre kul­turelle Vielfalt. Ein weiteres Charak­teristikum der Eidgenossenschaft ist die direkte Demokratie, welche auf eine lange Tradition blickt und im Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung stark verankert ist. Das Demokratieverständnis der Schweiz und der Föderalismus sind eng verknüpft mit dem Anspruch nach eigenen, transparenten und unabhängigen Informationen als Voraussetzung für die freie Meinungsbildung und für die Ent­scheidungsfindung. Diese gesellschaftlichen und politischen Rahmenbe­din­gungen prägen auch die Ausgestaltung der Schweizer Medienlandschaft. So gibt es in der Schweiz über 200 Zeitungstitel, die umfassende Informationen enthalten: knapp 150 in der Deutschschweiz, rund 50 in der Westschweiz, zehn im Tessin und zwei für den rätoromanischen Raum. Eindrücklich ist die Reichweite des Me­­di­ums Zeitung: 92 Prozent der Schweizer Bevölkerung ab 14 Jahren lesen mehr oder weniger regelmässig mindestens eine der Zeitungen.

Über die digitalen Medienkanäle Fern­se­hen und Radio stehen der Schweizer Be­­völ­­kerung diverse Angebote zur Verfügung. Die öffentlich-rechtliche Radio- und Fern­seh­gesellschaft SRG SSR idée suisse nim­mt in diesen Märkten eine führende Rolle ein. Das Angebot der SRG SSR umfasst acht Fernseh- und 18 Radiopro­gramme in den vier Landessprachen. Die SRG SSR ist für die Erbringung des sogenannten „Service public“ national und sprachregional ausgerichtet. Im lokalen und regionalen Radio- und Fernsehmarkt hingegen sind diverse private Unternehmen aktiv.
Eine immer stärkere Stellung in der Me­­dien­­­­nutzung der Rezipienten nimmt das In­­­ter­­net ein. Gemäss Bundesamt für Sta­­tistik nutzen heute über 70 Prozent der Schweizer Bevöl­kerung das Internet mehr­­mals pro Woche; in den Altersgruppen unter 40 Jahren sind es gar über 85 Prozent. Über die Hälfte aller Internet­nutzer lesen tages­­aktuelle Nach­rich­ten im Internet. Die meist­­genutzten Nach­­rich­ten-Websites sind „Blick“, „20 Min­­u­­ten“, „Schwei­zer Fern­­sehen“, „Neue Zürcher Zei­tung“ (NZZ) und „Tages-Anzeiger“.

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Zur volkswirtschaftlichen Bedeutung lässt sich sagen, dass die Medienbranche insgesamt rund 75.000 Beschäftigten Arbeit bietet – verteilt auf etwa 7.000 Unter­neh­men. Rund 10.000 Personen arbeiten als Journalisten und Redaktoren, circa 9.000 in einer Druckerei. Während Stellen in der Produktion rückläufig sind, entstehen im Zuge der zunehmenden Digitalisierung neue Berufe (zum Beispiel Webmaster, Multimedia-Journalist).

Die klassischen Medien Zeitung, Zeit­schrift, Fernsehen und Radio generierten 2007 Umsätze von rund 8,2 Milliarden Schweizer Franken. 4,3 Millarden entfallen auf Print-Pro­­dukte, 3,3 Millarden auf Fern­­seh­­en und 0,6 Millarden auf Radio. Rund 40 Pro­zent der Erträge stammen aus der Wer­bung, die rest­lichen 60 Prozent tragen Konsu­menten bei.

Der Medienmarkt Schweiz wurde 1999 durch die Lancierung der Gratiszeitung „20 Minuten“ in Zürich in Bewegung ge­­­setzt. Mit diesem neuen Geschäftsmodell kamen Bezahlzeitungen unter Druck. Heute dominiert „20 Minuten“ mit 1,4 Millionen Lesern den Deutschschweizer Markt. Der Werbemarktanteil von „20 Minuten“ beträgt im Tageszeitungsmarkt rund 30 Prozent. Nachdem zeitweise sieben Gratiszeitungen im Schweizer Markt um Leser und Werbegelder kämpften, fin­det gegenwärtig eine Marktbereinigung im Gratiszeitungsmarkt statt: „cash“ und „.ch“ wurden eingestellt, „Le Matin Bleu“ und „20 Minutes“ in der Westschweiz werden zusammengelegt. In der Deutsch­­schweiz verbleiben die drei Gratiszeitungen „20 Minuten“, „Blick am Abend“ sowie „News“ (Grossraum Zürich).
Viel Dynamik ist auch im Sonntags­zei­tungs­­markt festzustellen. Nebst den eta­­blierten „SonntagsBlick“ und „Sonntags­­­Zei­­tung“, kam 2002 mit der Lancierung der „NZZ am Sonntag“ ein dritter Titel hin­­zu. Im Jahr 2006 folgte die „Süd­ost­schweiz am Sonntag“, 2007 startete die „Mittel­land Zeitung“ mit „Sonntag“ eine siebte Ausgabe, und 2008 wurde erstmals die „Zentralschweiz am Sonntag“ produ­­ziert.

gebäude

Die Schweizer Medienbranche befindet sich in einem Strukturwandel, wie dies weltweit ebenso beobachtet werden kann. Traditionelle Medienhäuser kämpfen mit sinkenden Werbemarkterlösen bei Print-Medien (Zeitungen und Zeitschriften). Den­­­­­noch ist das Print-Segment nach wie vor das grösste im Mediasplit der Werbe­aus­­gaben. Demgegenüber wächst der Werbe­­marktanteil Internet, wenn auch auf tiefem Niveau. Im Internet-Untersegment „Search“ dominiert mit Google ein neuer Player in der Schweizer Medienlandschaft.

Der Strukturwandel führt auch zu Kon­solidierungen in der Unternehmens­land­­schaft. So akquirierte Tamedia im Jahr 2007 die Berner Espace Media Groupe. 2009 gab Tamedia bekannt, mit Edi­presse Schweiz zu fusionieren. Weitere Ver­än­de­r­­ungen im Mediensektor sind absehbar.

Wird es in zehn Jahren tatsächlich keine gedruckten Zeitungen und Zeitschriften mehr geben, wie dies Steve Ballmer, CEO von Microsoft, im Jahr 2008 in einem Interview in der „Washington Post“ prophezeite? Tatsächlich werden Medien­unternehmen in Zukunft vor der Her­aus­forderung stehen, wie für publizistische Leistungen nachhaltig Erträge erzielt wer­­den können. Doch eins ist sicher: Medien werden ihre Existenzberechtigung be­­hal­­ten, denn sie befriedigen zentrale Be­­dürf­­nisse der Menschen, nämlich das Ver­­langen nach Information, Unter­­hal­tung, Einordnung und Erklärung.

Marc_Walder_111-KopieMarc Walder (Jahrgang 1966) ist Geschäfts­­führer von Ringier Schweiz. Er absolvierte die Ringier Journalistenschule von 1993 bis 1994, war Chef­re­porter, Unterhaltungschef, später auch Chef Nachrichtendesk sowie Mit­glied der Redaktionsleitung beim Blick, bevor er als Chefredaktor der Schweizer Illustrier­ten und des Sonn­tagsBlicks wirkte. Ringier ist ein multinational und multime­dial tätiger Medien­konzern mit weltweit rund 8.000 Mitarbeitern.