Manfred Ostermann: Après Ski, Kart und Co. mitten in der Lüneburger Heide

So schön Ferien auch sind, in vielen Familien passt manchmal das berühmte Kamel leichter durchs Nadelöhr, als alle Urlaubswün­sche unter einen Hut. Die Wärmelieb­haber der Familie möchten in tropischer Atmos­phäre wellenbaden, die Aktiven hätten gern rasantes Wintersportvergnü­gen auf schneesicherer Piste. Die Aben­teurer wollen den Luftzug der drei Meter Flügel­­spann­weite eines Andenkondors in den Haaren spüren, Safarifreunde träumen eher vom Flirt mit einer samtäugigen Giraffe. Die Ge­­ruh­samen möchten sich von zwei Pferde­stärken durch die idyllische Heide­land­schaft kutschieren lassen. Zu lahm, finden die (jungen) Wilden, denen eher der Sinn nach einem Höllenritt durch die Wüste steht, abgeschossen von 1000 PS in 2,4 Sekunden von Null auf Hundert. Um alle Familienmitglieder glück­lich zu sehen, muss man wohl eine Welt­reise buchen, oder – Ferien in der Lüne­burger Heide!

Es gab eine Zeit, da machten Reisende am liebsten einen großen Bogen um die größte europäische Heidelandschaft zwischen Elbe und Weser: „…ich dachte nicht, dass das Land gar so elend wäre. Mich dünkt, es ist der schlechteste Strich Land von einem solchen Umfange, der mir jemals vorgekommen. Der Boden dieses Geländes ist eine ungeheure Sandwüste, die von der Natur entweder ganz nackt ist oder Heide­kraut und stechende Halme hervorbringt.“ Dieses wenig schmeichelhafte Urteil fällte 1797 der Reiseberichterstatter Karl G. Küttner über die Lüneburger Heide und sprach damit zahlreichen Zeitgenossen des aus­gehenden 18. Jahrhunderts aus der Seele.

Einhundert Jahre später hatte sich die Ab­­lehnung in die pure Begeisterung der Ro­­man­tik gewandelt. Aus der verachteten Wüste im Dreieck Hamburg, Hannover und Bremen wurde die „Lüneburger Heide, das wunderschöne Land“, in dem vor allem die benachbarten Städter „aus- und unter“ gingen und Allerlei am Wege fanden, wie ein bekanntes Heidelied beschreibt. Be­­sonders zur Blütezeit im August, wenn das Heidekraut seine violette Pracht entfaltet, suchten viele Men­schen dort Erho­lung. So viele, dass sie den Heide­dichter Hermann Löns (1866 – 1914) zu den Wor­ten „Es regnete Men­schen, es hagelte Volk“ veranlassten und die Reichs­bahn zu Sonderfahrten an Wochenenden für Hun­derttausende in die beschaulichen Heide­dörfer Egestorf, Döhle oder Hützel.

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Die Beliebtheit der Heide war Anfang des 20. Jahrhunderts derart groß, dass gewiefte Hamburger Immobilienmakler mit den verarmten Heidebauern um Grund und Bo­­­den für Ferienhäuser rund um den Wil­seder Berg (!) verhandelten. Da zog der enga­­­­­gierte Heidepastor Wilhelm Bode die Not­­­­­bremse. Seine Initiative zum Schutz der Heidelandschaft führte 1909 zur Grün­dung des Vereins Naturschutzpark e.V. (VNP), der seit über 100 Jahren – heute im Auftrag der Niedersächsischen Landes­regierung – das Naturschutzgebiet Lüne­burger Heide pflegt, schützt und entwickelt.

Endlose Heideflächen, mystische Wachol­­­­der­haine und knorrige Wälder, weidende Heidschnuckenherden und Fachwerk­häuser, geduckt unter mächtigen Reetdächern – die Anziehungskraft der faszinierenden alten Kulturlandschaft auf eiszeitlichem Grund ist bis heute ungebrochen. Sie ist die Keimzelle einer modernen Touris­mus­­wirtschaft, die sich in den Landkreisen Celle, Harburg, Heidekreis, Lüneburg und Uelzen unter dem Dach der Lüne­burger Heide GmbH organisiert. Die Heide ist neben Nordsee und Harz das beliebteste niedersächsische Reiseziel. Allein die Tou­ristiker im Heidekreis mit ihrer Dach­marke Erlebniswelt Lüneburger Heide GmbH, bi­­­­­­­lan­­­zierten in der Saison 2011 3,2 Milli­onen Übernachtungen, 8,5 Millionen. Tages­­gäste, einen Umsatz von 488 Millionen Euro und ein Arbeitsplatzäquivalent von 12.000 Vollzeitbeschäftigten.

Das Fundament dieser blühenden Bran­che legten seinerzeit unzählige Klein- und Kleinst­­betriebe: Heidjerfamilien, die in der Sai­son zusammenrückten und Bauern, die ihre
Rind­­­viecher abschafften, um Platz für die Som­mer­frischler zu machen. Sie richteten Gästezimmer und Appartements her und teilten sonntags ihre Buchweizentorte mit den Gästen. Es gibt sie noch, diese familiären Privatpensionen, den Urlaub auf dem Bauernhof und die Hofcafes mit Selbst­gebackenem. Heute allerdings modernen Ansprüchen angepasst, komfortabel und nach strengen Richtlinien zertifiziert. Sie erfreuen sich bei Heideurlaubern höchster Beliebtheit, gelten aber als Dunkelziffer in der Gäste­statistik, denn die erfasst nur Beherber­gungsbetriebe mit mehr als neun Betten. Die über 3 Millionen Über­nach­­tungs­­­­gäste im Heidekreis wurden allein in den größeren Unternehmen gezählt. Zur Aus­wahl stehen rustikale Dorfgasthäuser, noble Wellness-Landhäuser oder Sterne-Hotels ebenso wie schlichte Appartements, char­mante Ferienhäuser, Safari-Lodges oder al­­­­pine Blockhütten. Auch Campingfreunde finden in der Lüneburger Heide zahlreiche attraktive Plätze mit hohem Komfort, naturnah angelegt oder ausgestattet mit vielfältiger Erlebnisinfrastruktur.

RESORT-HOTEL-Bispingen_Traumhaftes-Ambiente

Der klassische Heideurlauber schnürt früh morgens die Wanderstiefel, setzt den Rucksack auf und streift stundenlang schweigsam durch die unberührte Natur. Kein Klischee! Es gibt sie tatsächlich in beachtlicher Zahl, die stillen Genießer von frischer Luft, Ruhe und Einsamkeit in der weitläufigen Heidelandschaft. Aber sie sind nicht allein. Junge Familien mit Kindern, unternehmungslustige Gruppen jeden Alters, Rad­ler, Reiter, Nordic Walker und moderne Schatzsucher erfreuen sich an den vielfälti­gen Angeboten, die sie in den Naturparks Lüneburger Heide und Süd­heide erwarten. Sie sind unterwegs auf ausgewiesenen Routen, Thementouren, Familien-Erleb­nispfaden oder beim Geo­Caching; mit Rangern auf frühmorgendlicher Vogel­stimmenexkursion oder mit Schä­­fern zum Schnucken-Rendezvous.

Kein Heide-Aktiv-Urlaub ohne Stärkung mit schmackhaften Leckereien aus der regio­nalen Küche. „Lang to un lat die dat sme­cken“ – mit dieser plattdeutschen Auf­for­derung, zuzugreifen und es sich schmecken zu lassen, wirbt der Naturpark Lüne­burger Heide für die regionale Esskultur in Gasthäusern, Restaurants und Cafes. Aber auch für Hofläden, Molke- und Käse­reien, Imker, Fischer und Bäcker, bei denen man sich mit Produkten aus der Heide (nicht nur) für ein zünftiges Pick­nick eindecken kann.

In Niedersachsen stehen Leuchttürme nicht nur an der Nordsee. Es gibt sie auch in der Lüneburger Heide: touristische High­lights, deren Licht weit über die Gren­zen der Region hinaus strahlt.
Die Ansamm­lung von Freizeit- und Erlebnis­parks im Radius von 50 Kilo­metern ist einmalig in Eu­ropa. In ihnen genießen Millionen Men­­­schen in fröhlicher Menge Unter­haltung, Spaß und Spiel.

Allein über eine Million Besucher vergnügen sich jährlich im Heide Park Resort Soltau, Norddeutschlands größter Freizeit- und Familienpark mit Piratenhotel und Holi­day Camp. Auf 85 Hektar finden sie die perfekte Unterhaltung, vom Nervenkitzel pur in spektakulären Fahrgeschäften wie Colos­sos, Scream oder Desert Race bis zu fami­liengerechten Shows.

Der Serengeti Park Hodenhagen ist ein einzigartiger Tier- und Freizeitpark auf 200 Hektar Fläche in Familienbesitz mit über 1500 freilebenden Wildtieren, 40 Freizeitattraktionen und Safari Lodges. Mit eigenem PKW oder Safari Bussen er­­kunden Besucher die Welt der afrika­ni­schen Steppe in Freigehegen auf Tuch­­füh­lung mit Löwen, Tigern, Giraffen und Co.

Als einer der zehn artenreichsten Zoos weltweit präsentiert der Weltvogelpark Wals­rode auf 24 Hektar blühender Park­­land­schaft 4200 Vögel in fast 700 Arten. Besonders beliebt ist der direkte Kon­takt mit den Vögeln in der riesigen Frei­flughalle, im Tropen­­­haus und bei der spektakulären Flug­show unter freiem Himmel.

In den Wildparks Schwarze Ber­­­ge und Lüneburger Heide tauchen Besucher ein in die Fauna der nordischen Klima­zonen und bestaunen Bären, Luchse und Elche. „Ski-, Snow­­board und Ro­­­deln gut“ heißt es ganzjährig auf dem „Heide­gletscher“ im Snow Dome Bispingen. Die 300 Meter lange Ski­­halle bietet zu jeder Jahreszeit 23.500 qm besten Schnee für rasante Ski- und Snow­board­abfahrten, Rodelpark, Polar­turm zum Eis­­klettern und zünftigen Après-Ski. Gleich nebenan testen die Formel-1-Fahrer der Zukunft ihr Kö­­nnen auf der Kart-Bahn von Ralf Schumacher. Ein Bum­mel durch die mittel­­alterlichen Innen­­­städte von Celle oder Lüneburg oder Wellness und Gesund­heit nach Kneipp in der SaLü Salz­ther­­me Lüne­burg oder in der Soltau-Ther­me runden das vielfältige Angebot in der Lüneburger Heide ab.

Ostermann_300dpi_4x5-(2)-KopieManfred Ostermann wurde 1958 in Det­mold geboren und hat in Passau und Göttingen Rechtswissenschaften studiert. Nach dem zweiten Staatsexamen war er Dezernent und Beigeordneter in der Kreis­verwaltung von Güstrow. Seit 2002 ist Ostermann für den Heidekreis zu­­nächst als Erster Kreis­rat und seit 2007 als Land­rat tätig.