Mag. Georg Kapsch: Starker Standort durch starke Industrie

Die österreichische Entwicklung seit 1945 ist eine Erfolgsgeschichte. Als kleine Volks­­wirtschaft ist es uns gelungen, zu einem der wohlhabendsten Staaten der Welt zu werden. Ohne industrielle Basis wäre dies nicht möglich gewesen. Trotz Struktur­­wandel nimmt die Industrie einen immer wichtigeren Stellenwert in der Volks­wirt­­schaft ein. Als Folge der Großen Krise, durch die sich gezeigt hat, dass industriali­­sierte Länder sich schneller erholen als andere, hat dies auch die Europäische Union erkannt und setzt auf ein entsprechendes Reindustriali­sierungs­pro­gramm. Auch in den Vereinigte Staaten von Amerika und in Groß­britannien wird umgedacht. Von „Dein­dus­trialisierung“ durch die Dienst­leis­tungs­­gesellschaft spricht heute niemand mehr. Es entstehen vielmehr neue Dienst­­leis­tung­en um die industriellen Kerne.

Es ist der servoindustrielle Sektor, der in Österreich direkt und indirekt 2,4 Milli­onen Arbeitsplätze sichert und rund 60 Prozent der heimischen Wertschöpfung erwirtschaftet. Aus den ehemaligen ver­­staatlichten Unternehmen sind heute pro­­sperierende, international aufgestellte Unter­­nehmen geworden, die sich täglich im glo­­­balen Wettbewerb bewähren, ihre Markt­­­nischen erfolgreich gefunden haben und sich in zahlreichen Fällen sogar zu Welt­­­­markt­­führern in ihren Branchen ent­wickelt haben.
Industrie als Produktivitätsmotor. Die Industrie hat es in Zeiten der Glo­ba­li­sie­rung wie kein anderer Sektor verstanden, den Strukturwandel als Wachstums­­chance wahrzunehmen. Als Sektor, der dem internationalen Konkurrenzdruck am härtesten ausgesetzt ist, hat die In­­dustrie rechtzeitig erkannt, dass nur Pro­­duktivitätszuwächse durch Produkt- und Prozessinnovationen, immer weiter fort­­schreitende Automatisierung oder effizientere Arbeitsteilung ihre Wett­bewerbs­fähigkeit absichern können.

Während die Entwicklung der österreichischen Industrieproduktivität an der Spitze der EU liegt, zählt die Produk­ti­vität im Dienstleistungssektor vor allem wegen des großen öffentlichen Sektors traditionell zu den Sorgenkindern. In keiner anderen Volkswirtschaft ist der Beitrag der Industrie zum Produktivitäts­wachstum so groß wie in Österreich.

Ein Vergleich der Produktivitäts­entwick­lung des Dienstleistungssektors mit der des produzierenden Bereichs der vergan­genen 30 Jahre verdeutlicht die Motorfunk­­­tion der Industrie: Während die Pro­duk­tivität (Wertschöpfung pro Beschäf­tig­tem) des Dienstleistungs­sektors in den 30 Jahren vor der Finanz- und Wirtschafts­krise nur um 29 Pro­­zent gestiegen ist, hat sie sich im produzierenden Bereich auf 323 Prozent mehr als verdreifacht.


VH_Heidenheim_Pernegg_Generator_SW_-(13)-Kopie IMG_1435-Kopie gr-ar2010-34620-06a-andritz-pumpenlaufraeder-end-Kopie gr-ar2008-010-photo-lars-behrendt-Kopie

Industrie als Motor von Innovationen. Bil­­dung und Ausbildung, Forschung und Innovation sind ein wesentlicher Faktor für die Absicherung der Wettbe­werbs­fä­hig­keit einer Volkswirtschaft für die Zukunft. 60 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung stammen aus dem Unternehmenssektor (vor der Großen Krise, im Jahr 2007, waren es mit 66,6 Prozent sogar zwei Drittel der Gesamtausgaben), und davon kommen mehr als 70 Prozent aus Industrie­unter­nehmen – insgesamt somit 46 Prozent der gesamten Forschungsausgaben. Alleine 150 Leitbetriebe in Österreich, die 18 Prozent der heimischen Wertschöpfung generieren und 18 Prozent der gesamtem Bruttoinvestitionen tätigen, tragen 37 Prozent der gesamten heimischen F&E-Ausgaben bei. Die Industrie sorgt damit in hohem Maß dafür, dass unser Wohlstand auch zukunftsfähig ist.

Industrie als Dynamo für Löhne und Kaufkraft. Auch einige weitere Zahlen sprechen für sich: Die Industrie zahlt im Durchschnitt um acht Prozent höhere Löhne als der Dienstleistungssektor. Ein Vollzeitmitarbeiter im produzierenden Bereich hat einen durchschnittlichen Bruttostundenlohn (Median) von 14,20 Euro. Im Dienstleistungsbereich liegt er lediglich bei 13,60 Euro (Quelle: Sta­­tistik Austria). In der Sachgüterer­zeu­gung liegt der durchschnittliche Brutto­stun­denlohn sogar bei 14,52 Euro und in der Energieversorgung – beide sind Teil des produzierenden Bereichs – sogar bei 21,56 Euro.

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche hat errechnet, dass exportierende Unternehmen in Öster­­reich – und dabei handelt es sich vornehm­­lich um Industrie­unter­neh­­men – um 23 Prozent höhere Löhne zahlen, eine um 66 Prozent höhere Arbeits­pro­duktivität und eine sogar um 72 Prozent höhere Inves­­ti­­tionsintensität als nicht-exportierende Un­­ter­­nehmen aufweisen. Das ist eine ge­­wal­­tige „Exportprämie“, die nicht nur den Un­­­­­­t­­er­­nehmen, sondern auch den Ar­beit­­neh­­me­rinnen und Arbeit­nehmern zugutekommt.

Industrie als wesentlicher Treiber der Energieeffizienz. Darüber hinaus ist die Industrie die treibende Kraft bei Energieeffizienz und Umweltschutz. Der Energieverbrauch der Industrie ist in den vergangenen 30 Jahren um die Hälfte geringer gestiegen als ihre Wert­schöp­f­ung. Dies hat zu einer Verringerung der Energieintensität beziehungsweise einer Steigerung der Energieeffizienz um 48 Prozent geführt – so viel wie in keinem anderen Sektor. Während sich die En­­er­­­­gieintensität der Ge­­samt­­wirtschaft in realen Werten, also preisbereinigt, in den ver­­­­gan­­genen 30 Jahren kaum verbessert hat, hat sie sich in der Industrie von 9,4 Tera­joule je Million Euro Wertschöpfung im Jahr 1976 auf 4,8 Terajoule im Jahr 2008 deutlich verringert und damit die Ener­­gie­effi­zienz deutlich gesteigert. Heute hat die In­­dustrie sogar eine geringere Ener­­gie­in­tensität als die Gesamt­wirt­schaft – und ist auch der Vorreiter bei der Ent­kar­­­bo­­nisierung der Energie. Denn auch das Gewicht der En­­er­­gieträger hat sich aus umwelttechnischer Sicht in keinem Sek­­tor so verbessert wie bei der Industrie: Der Anteil von Kohle und Erdöl hat sich seit 1990 um 35 Prozent be­­­­ziehungsweise 28 Pro­­zent verringert, und im Gegenzug dazu hat sich der An­­teil an er­­neuerbarer Ener­­gie um 24 Pro­­zent erhöht.

VH_Limberg2_Reservoir_Back_View_06_NE_38-Kopie

Industrie als Kraft­­werk regionaler Clus­­ter. Wenn sich eine Region auf eine be­­stim­­mte Branche oder Technologie spe­­zialisiert und die dafür passende Infra­­­struk­tur aufgebaut hat, entstehen in solchen lokalen Verbünden oder „Clustern“ Syner­­gien, die durch na­­tionale oder inter­­nationale Geschäfts­­be­­ziehungen nicht er­­­­reichbar wären. Dieser Leistungs­verbund von Wissenschaft, In­­dustrie, Zulieferern und industrienahen Dienstleistungen bildet sich immer um einen industriellen Kern. In diesen Clus­­tern entstehen wert­­­­­­volle Spill-over- und Netzwerkeffekte, es bilden sich ein spe­­zieller Pool an Fach­­kräften und wichtige regionale Kompe­­tenzzentren. Beis­piele hierfür sind der Autocluster im Raum Graz, der Eisen­­bahn­­technologie-Cluster (RTCA – Rail Tech­­no­­logy Cluster Austria) in Wien und der Um­­welttechnik-Cluster in Ober­­österreich.

Industrie trägt den Aufschwung. Die tief­­gehende internationale Wirtschafts- und nunmehrige Haushaltskrise hat einmal mehr deutlich gemacht, wie wichtig eine gesunde und feste industrielle Basis für eine Volkswirtschaft ist. So fun­­giert die Industrie auch wieder als Motor der kon­­junk­turellen Erholung: Drei Vier­­tel des Aufschwungs seit 2009 gehen auf das Konto der Industrie und des industrie­­nahen Dienstleistungssektors.

Der von der Industrie getragene österreichische Außenhandel wird sich zudem auch weiterhin geografisch diversifizieren: Die Exportmärkte außerhalb der OECD werden anteilsmäßig an den österreichischen Gesamtausfuhren von 18 Prozent im Jahre 2008 auf 24 Prozent im Jahr 2020 ansteigen. Nach der ersten großen Inter­­na­­­tio­­nalisierungswelle durch die Ost­­­­öffnung im Jahr 1989 werden nun gezielt die nächsten Wachstumsmärkte angesteu­­ert. Das schafft Wachstum und Ar­­beits­­plätze in unserem Land.

36-print300-KopieDer Autor (Jahrgang 1959) studierte Betriebswirtschaftslehre an der Wirt­schafts­universität Wien. Seit 2012 ist er Präsident der Industriellenvereinigung (IV). Zuvor war er seit 2008 Präsident der IV-Landes­­grup­­pe Wien. Mag. Kapsch ist seit Ok­­­to­­ber 2001 CEO der Kapsch Gruppe.