Lutz Dietzold: Ist Produktdesign Kunst?

Die Frage, ob (Produkt-)Design Kunst sei oder nicht, ist keineswegs neu. Genau genommen beschäftigt sie die Angehörigen verschiedener Fachrichtungen schon von der Geburtsstunde des Designs an, also seit etwas mehr als hundert Jahren.

Die vermeintlich einfache, weil naheliegende Antwort, dass alles, was im Hinblick auf die Serienproduktion her­­gestellt werde, unter Design zu subsumieren sei, erweist sich aber bei näherer Betrachtung – und spätestens seit Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ – als vorschnell. Im Folgenden sollen deshalb ein paar Betrachtungen angestellt werden, wie – und ob überhaupt – die eingangs gestellte Frage eindeutig zu beantworten ist.


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Das Design als ausgewiesene Disziplin ist, im Vergleich zu den klassischen Künsten, noch relativ jung. Von Anfang an ist der Einfluss der Kunst (und der Künstler) auf das Design spürbar. Früh bildete sich ein gegenseitiger Aus­­tausch, eine Interdisziplinarität, die sich auch auf die Akteure der jeweiligen Künste und Gewerke auswirkte. Bis heute entwerfen etwa Architekten Möbel und andere Interieurprodukte oder haben – wie etwa zu Zeiten des Neuen Deutschen Designs in den 1980er Jahren – ganze Generationen von Bildhauern das Design beeinflusst. Umgekehrt machen in jüngster Vergangenheit Designer mit limitierten Editionen als Künstler auf sich aufmerksam.
Wie bereits erwähnt, sind nahezu alle verwandten Disziplinen des Designs, die bildende Kunst, die Baukunst oder auch das Kunsthandwerk, sehr viel älter. Gemeinsam ist jenen darüber hinaus, dass sie die Kunst im Namen führen und das macht sie in mancher Augen auch ehrwürdiger, ein Punkt, der von jeher am Selbstvertrauen des Designs sowie der Designer nagt.

Tatsächlich scheint es so, dass der Disziplin Design auch nach über hundert Jahren ihres Daseins noch immer nicht die ihr gebührende Akzeptanz entgegengebracht wird. Recherchiert man etwa in der Deutschen Nationalbibliothek ein Designthema, so landet man in den Sachgruppen „Zeichnungen, Kunsthandwerk“ oder „Architektur“ oder auch „Management“. Kurzum: Eine eigene Sachgruppe „Design“ gibt es in der umfangreichsten Bibliothek des Landes bis heute nicht.
Nun könnten diese Ignoranz gegenüber der Disziplin Design sowie die traditionelle Nähe zu den Nachbardisziplinen ein Hinweis darauf sein, dass die Produkte des Designs Kunst sein könnten. Auch diese Antwort wäre vorschnell, wie ein Blick in die Darmstädter Geschichte zeigt. Die Darmstädter Künstlerkolonie nämlich – und hier sollte sich der Leser nicht vom Namen in die Irre leiten lassen – ist ein sehr frühes und gleichzeitig gelungenes Beispiel dafür, wie sich Kunst und Design sehr trefflich differenzieren lassen.

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Unter den Künstlern und Architekten der Darmstädter Künstlerkolonie (1899–1914) finden sich mehrere Mitglieder, die eigenständige Designleistungen – frei von jeglicher Kunst-Attitüde – hervorgebracht haben. Peter Behrens ist hier unter anderem zu nennen. Ursprünglich Maler und Grafiker, arbeitete Behrens später als Architekt. Durch seine Tätigkeit für die AEG im Bereich der Produkt­gestaltung und des Kommunikationsdesigns gilt Behrens darüber hinaus als einer der Begründer sowohl des Industriedesigns als auch des modernen Corporate Designs.

Nicht minder grandios sind die Arbeiten von Emanuel Josef Margold. Dieser, Schüler und Assistent von Josef Hoffmann, war ebenfalls Architekt und seit 1911 Mitglied der Künstlerkolonie. Auch Margold leistete mit seinen Arbeiten einen wichtigen Beitrag für die Eigenständigkeit des Designs. Mit seinem Corporate Design für die Keksfabrik Hermann Bahlsen in Hannover etwa generierte er einen konsistenten Unternehmensauftritt, der von der Warenverpackung über Schaufensterdekorationen bis hin zur Konzeption und Ausführung des Bahlsen-Verkaufs­ladens am Berliner Kurfürstendamm reichte.
Der Grundstein für die Emanzipierung des Designs gegenüber den Künsten wird also früh gelegt und Künstler wie Designer scheinen mit der Abgrenzung kein Problem zu haben. Dass dennoch bis heute immer wieder diskutiert wird, wie viel künstlerisches Potenzial denn nun im Design liege, hängt eher mit der täglichen Arbeit der Designer zusammen, wo sie eine entscheidende, immer wichtiger werdende Schnittstellenfunktion einnehmen.


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Designer sehen sich in der Rolle des Vermittlers oder Übersetzers zwischen Ingenieurleistungen und Kundenwünschen. Während der Ingenieur im Entwicklungsprozess dafür geradesteht, dass ein Etwas, das oftmals noch gar kein Produkt ist, technisch einwandfrei entwickelt wird und funktioniert, trägt der Designer dafür Sorge, dass daraus am Ende ein für den Kunden klar verständliches Produkt wird. Dass dieser Teil des Prozesses hohen schöp­ferischen Potenzials bedarf, liegt auf der Hand. Es darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser sich grund­­legend vom künstlerischen Schaffensprozess unterscheidet. Denn bei aller kreativen Nähe zu den Künsten und den Künstlern: Designer arbeiten vornehmlich im Auftrag und im Sinne von Unternehmen und Kunden – eine Priorität, die wohl kein freier Künstler für sich reklamieren wollte.

Die Antwort auf die eingangs gestellt Frage „Ist Produkt­design Kunst?“ ist also schließlich mit einem Nein zu beantworten – vielleicht nicht mit absoluter Entschiedenheit, aber durchaus mit wachsendem Selbstbewusstsein.

RFF_Portrait_130809_LST-5435_printLutz Dietzold ist seit 2007 Geschäftsführer und fachlicher Leiter von Hessen Design in Darmstadt. Er studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Germanistik in Frankfurt. Nach selbstständiger Tätigkeit im Bereich der Designkommunikation für nationale und internationale Kunden war er von 1999 bis 2001 Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes Hessen in Frankfurt am Main. Im Jahr 2002 wurde er zum Geschäftsführer des Rates für Formgebung/German Design Council in Frankfurt am Main. Im Rahmen der Erarbeitung einer strategischen Neuausrichtung der Designförderung in Hessen wurde er 2006 Geschäftsführer des Designzentrums Hessen. Als Ergebnis dieses Prozesses wurde 2007 Hessen Design e.V. als zen­trale Instanz für die Designförderung in Hessen gegründet.