Luc Haldimann: Schweizer Werte digital

Man kennt das Silicon Valley, Red­mond, Walldorf, Software-Fabriken in Indien und vornehmlich osteuropäische und asiatische Near- und Off-Shore-Software-Entwicklungs-Regionen. Jede dieser Re­­­­gionen hat eine eigene Kultur mit eigenen Merkmalen und ist weltweit bekannt. Die Schweiz als Software-Region war bisher aber unbekannt, ob­­wohl sie eine beachtliche Grösse hat und ausgezeichnete Resultate hervorbringt. Auch internationale Software-Konzerne wie Google, IBM oder Microsoft haben die Schweizer Werte – Qualität, Zuver­lässig­­keit, Präzision sowie Inno­vation, Offenheit und Flexibilität – in der Soft­ware-Entwicklung entdeckt und mittlerweile wichtige Forschungs- und Entwick­lungs-Zentren in der Schweiz aufgebaut oder Schweizer Software-Her­steller übernommen und integriert.
Google entwickelt beispielsweise seine Landkarten-Applikationen und zentralen Such-Algorithmen in Zürich.

Wegen oben genannter fehlender Sicht­bar­­­keit und weil zudem die Anzahl der Infor­­­matik-Studenten und -Lehrlinge seit einigen Jah­ren stark rückläufig ist, wurde von der anycase gmbh mit Unterstützung von einem Schweizer Grafiker und 15 weiteren Schwei­zer Software-Firmen, zu denen unter anderen Avaloq, Crealogix und Day gehörten, am Schweizer Na­­tional­­feie­­r­­tag, dem 1. August 2007, ein Label mit einer Website geschaffen. Die Branche hat damit ein Gesicht bekommen: swiss made software.

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Herkunft und Gütesiegel
Es gibt zwei Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit bei einem Produkt die schweizerische Herkunft angegeben werden darf. Diese sind gesetzlich verankert.

Erstens muss der schweizerische Wert­an­­teil an den Herstellungskosten mindestens 50 Prozent betragen und zweitens muss der wichtigste Fabrikationsprozess in der Schweiz stattgefunden haben. Künftig soll der schweizerische Wertanteil mindestens 60 Prozent betragen. In der Uhren­­bran­­che ist er sogar mindestens 80 Pro­­zent.
Die SGS, das weltweit grösste Zerti­­fizie­­rungs-Unternehmen, ist mit dem „swiss made software“-Label am Auf­­bau eines gemeinsamen Zertifikats be­­schäftigt, das die Er­­fül­­lung der Her­­kunfts­­­­angaben bestätigt und zudem die Soft­­ware-Qualität nach ISO 25000 (ehemals ISO 9126) Norm bescheinigen soll. Dieser Schritt soll dem Qua­­li­­täts­­aspekt noch stärker Rechnung tragen.

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Innovationsplatz Schweiz
Die Grundwerte, welche in der schwei­ze­ri­­­schen Kultur verankert sind und seit geraumer Zeit durch Uhren oder Präzi­sions­­werkzeuge zum Ausdruck kommen findet man in der Schweizer Software ge­­nauso. Es gibt in der Schweiz ein enor­­mes Innovations- und Ingenieur-Poten­­­zial. Die wenigsten wissen, dass hierzulande beispielsweise der Reiss­­ver­schluss er­­fun­­den oder dass die Firma Logitech vom Schweizer Daniel Borel in der Schweiz ge­­gründet wurde. Soft­ware aus der Schweiz bringt diese Schweizer Eigenschaften zum Aus­druck.

Die Schweizer sind zwar stolz auf ihre Produkte, aber meist zu scheu und be­­­schei­­den, diese zur Schau zu tragen. Schweizer Software verbindet vor allem Innovation mit Qualität. Bildlich kann vom Schweizer Taschenmesser in Soft­wareform gesprochen werden. Bedingt durch die vier Landes­­sprachen und die 26 Kantone, die basisdemokratisch re­­giert werden, hat die Schweiz von Beginn weg grosse Herausforderungen bei der Soft­­ware-Architektur meistern müssen. Solide Erzeug­­nisse, die dennoch einen hohen Grad an Flexibilität und Anpass­bar­­keit bieten, findet man in der Schweiz des­­halb oft. So gibt es beispielsweise viele Schweizer ERP-Software-Produkte, die einen komplexen Funktionsumfang haben, aber dennoch einfach integriert werden können. Aus der Schweiz kommt unter anderem Software für kostenlosen sicheren Online-Speicher, standardisierte Bankensoftware, Co-­­Brow­­s­­ing Software, Frameworks für den Bau von Ultra-Light-Clients und Security Soft­­ware für den täglichen Gebrauch.

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Stand der Branche
Die Schweizer Softwarehersteller haben in der Vergangenheit mehrheitlich den Heimmarkt beliefert. Dies nicht zuletzt wegen der mangelnden Sichtbarkeit, gegen die in der Vergangenheit viel zu wenig un­­­ternommen wurde.

Die Software-Schaffenden haben ihre eigene Branche zu wenig wahrgenommen. Wenn eine einzelne Firma einmal international sichtbar wurde, so hat sie meist ein US-­Software-Kon­zern aufgekauft. Mitt­ler­­weile hat die Branche aber mehr Iden­ti­­tät und Selbst­bewusstsein. Durch die Mehr­­sprach­­­ig­­keit im Land ist es für viele Un­­ter­­nehmen ohne Über­­win­­dung einer Sprachgrenze möglich, Deutsch­land, Ös­­terreich, Frank­reich und Italien zu beliefern.

A_LucHaldimann_2565-KopieLuc Haldimann ist ein an der ETH Zürich diplomierte In­formatiker. Er hat die Soft­­ware-Firma Obtree mitgegründet und leitete diese als Verwaltungsrats­präsident bis 2001. Anschliessend wirkte er leitend für die kanadische Firma Open Text. Luc Haldi­mann bietet mit unblu inc. eine Co-­Browsing Standard-Software an und fördert den Technologie­stand­­ort Schweiz mit der Initiative „swiss made software“.