Kurt Konrad Posselt: Gibt es den soliden Banker? – Ein Plädoyer für mehr Qualifizierung

Wer, wie der Autor, seine bankkaufmännische Ausbildung im August 1967 begonnen hat, gerne Banker ist und dem Begriff vom „Ehrbaren Kaufmann“ einen besonderen Eigenwert beimisst, dem fällt es nicht schwer, den Aufruf zu unterstützen, dass die Finanzmärkte sicherer werden sollen. Nach den katastrophalen und vor allem auch globalen Auswirkungen der Banken- und Finanzkrisen seit dem Jahr 2008 kann einem solchen Aufruf schlichtweg nicht widersprochen werden.

Es ist allerdings gleichfalls festzuhalten, dass die Notwendigkeit verbesserter Kontrollmechanismen schon seit 50 Jahren besteht und die globale Krisensituation nicht aus heiterem Himmel gefallen ist.

In diesem Kontext ist es sinnvoll, ein Augenmerk auf die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg zu richten. Auffällig war beispielsweise der Zusammenbruch verschiedener lateinamerikanischer Staaten, die sich nicht nur kurzfristig, sondern auch noch in der harten Dollar-Währung verschuldet hatten und in der Folge unter anderem wegen der exorbitant hohen Primerate in den Vereinigten Staaten von Amerika im Sommer 1982 zusammenbrachen.

Doch auch ein Blick in die Berichte der Wirtschaftsprüfer deutscher Bankhäuser gibt einigen Aufschluss. Eine Analyse der Berichte verdeutlicht, welche Verluste im Firmenkundengeschäft in den vergangenen 50 Jahren gemacht worden sind. Auch im Auslandsfinanzierungsgeschäft gibt es Auffälligkeiten. So wurden seit den 70er Jahren von Landesbanken, nur um Wachstum verzeichnen zu können, erhebliche Kreditrisiken im Ausland eingegangen, obwohl das nicht deren core-business war.

Bankenaufsicht muss harmonisiert und verschärft werden
Ein Ansatz zur Lösung der Krise auf den Finanzmärkten ist sicherlich die globale Harmonisierung und Verschärfung aufsichtsrechtlicher Anforderungen. Doch auch dann noch besteht die Gefahr, dass Finanzjongleure versuchen werden, diese Anforderungen zu umgehen, was zu neuen Anforderungen führen würde, die dann erneut umgangen werden können. Die Gefahr einer Spirale des gewollten Umgehens von Regularien ist nicht von der Hand zu weisen. Ganz abgesehen davon treffen solche Anforderungen unter Umständen auch jene Banken, die sich gar nichts zuschulden haben kommen lassen. Bis dato ist kaum nach der Größe der Institute differenziert worden, was für kleine und mittelgroße Banken aufgrund der verschärften Anforderungen zu steigenden Personalkosten und entsprechend zu Wettbewerbsnachteilen führen muß.

Ein zusätzlicher Ansatz muss daher sein, dass alle Staaten „Maastricht-ähnliche“ Regularien einführen, so dass sich zukünftig die Menschen in allen Ländern darauf verlassen können, daß sie in einem wirtschaftlich gesunden Umfeld leben.

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Der solide Banker ist von zentraler Bedeutung
Wir brauchen darüber hinaus auch besser qualifizierte und vor allen Dingen solide Banker und auch Privatkunden mit mehr Grundkenntnissen zur Finanzwirtschaft. Noch in der 80er Jahren sind Privatkunden mit konservativ sortierten Wertpapierdepots von ihren Kundenbetreuern angerufen worden, die riskantere Anlageformen auch in anderen Währungen propagierten. Dies führte stets zu einem Provisionsertrag für die Banken, dies aber nicht ausnahmslos zum Nutzen der Kunden. Erst vor wenigen Jahren ist dieses Prozedere in Frage gestellt worden. Der Kunde erhält nun ein Protokoll über das Beratungsgespräch und wird bezüglich seines Fachwissens eingestuft. Dadurch wird hoffentlich sichergestellt, dass der Kunde zumindest den Nutzen dessen, was ihm angeboten worden ist, nachzuvollziehen in der Lage ist. Das ist nicht nur ein Fortschritt, sondern erhält auch das Vermögen derjenigen Menschen, die ihr Vermögen für die Altersvorsorge benötigen – ein Aspekt, der in Zukunft angesichts der demographischen Entwicklung und der zunehmenden privaten Altersvorsorge immer mehr an Bedeutung gewinnen wird.

Aber ist der Kreis derjenigen, deren Be­­ra­­tungsgespräche protokolliert werden, nicht zu klein? Ableitungen von De­­ri­­vaten werden seit Jahrzehnten von den Banken für Firmenkunden und de­­ren Bedürfnisse „maßgeschneidert“. Auch wenn es sich bei diesen Vertrags­­par­teien um Vollkaufleute nach HGB handelt, ist anzuregen, dass über Ge­­schäfts­­abschlüsse in bisher noch nicht getätig­­ten derivativen Produkten ein Proto­­koll angefertigt wird. Ein Protokoll, in dem auch auf den nachhaltigen Nutzen für das zugrunde liegende Geschäft ein­­gegangen wird. Die Bank verdient an jeder Dienstleistung, also darf der Kunde einen Nutzen erwarten.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass in Indien der Um­­fang von Geschäften, die über Derivate abgesichert werden, erheblich geringer ist als in der westlichen Welt. Das hat den Erfolg indischer Firmen bislang keineswegs beeinträchtigt.

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Aus- und Fortbildung durch Fallstudien ist hilfreich. Man könnte Banker im Kundengeschäft natürlich nach ihrem Charakter beurteilen, doch ist dies allein kaum objektiv messbar. Deshalb muss er nach seiner Ausbildung beurteilt und gegebenenfalls auch zur Rechenschaft gezogen werden. 

Seit den 70er Jahren führten insbesondere die Auslandsbanken aus den west­­lichen Industrieländern für ihren Füh­rungs­­­nachwuchs umfangreiche Fort­bil­dungskurse durch. Im diesem Rahmen wurden den angehenden Bankern Fall­­studien etwa aus dem Kreditgeschäft vorgelegt, die diese zu analysieren und zu bearbeiten hatten. Anschließend wurde dann berichtet, wie sich der Fall weiter entwickelte, so dass der Kurs­­teil­­nehmer schwarz auf weiß nachvollziehen konnte, ob die eigenen Stra­­te­gien zu einem Erfolg geführt hätten. Der Auslandsbankenverband bietet schon seit Jahren – mit wachsender Nach­­frage – entsprechende Fortbildungs­­­se­mi­nare an. Es gibt also bereits die Qualifizierungsangebote, die nun auch europaweit von den Aufsehern ein­­ge­­fordert werden.

Warum macht man für diejenigen, die viel verdienen wollen, nicht den erfolgreichen Besuch von Fortbildungs­­semi­naren zur Auflage? Das erleichtert nicht nur bei fehlerhaftem Handeln das Auf­­finden von Verantwortlichen. Auf diese Weise ließe sich auch die vor allem in der Öffentlichkeit kritisch diskutierte Frage nach dem Einkommen der Banker beantworten. Hervorragend qualifizierte Mitarbeiter verdienen in allen Branchen mehr als weniger Qualifizierte. Dabei erscheint die Konkretisierung von Ein­­kommensgrenzen sinnvoll, die dann frei­­lich auch einzuhalten wären.

Allein die vergangenen fünf Jahre haben insbesondere in der westlichen Welt hin­­reichend viele Fallstudien kreiert, mit denen man zukünftige Banker­gene­ra­tionen vernünftig ausbilden und sie vor Fehlentscheidungen bewahren kann. Von derart ausgebildeten Managern kann man erwarten, dass sie mit der Ver­­antwortung, die sie übernehmen, auch solide umgehen und über ihr Handeln Rechenschaft abzulegen im Stande sind.

Eigenverantwortung der Kunden muss gestärkt werden. Die Fallstudien kann man nicht nur dem Führungsnachwuchs in den Banken vorlegen. Auch Stu­den­ten sollten neben der reinen Lehre mehr mit den praktischen Entwicklungen über Fallstudien konfrontiert werden. Eine mo­­di­­fizierte Form der Fallstudien könnte bereits mit Schülern erörtert werden, die Interesse an der Finanzwirtschaft offen­­baren und im schulischen oder außerschulischen Bildungsbereich etwa an so genannten Börsenspielen teilnehmen. 

Gerade vor dem Hintergrund des wach­­senden Bedarfs unserer Gesellschaft an privater Alters­vor­sorge ist der Aus­­bau des Allgemeinwissens im Bereich Finanzwirtschaft überaus sinnvoll, wenn nicht sogar notwendig. Das Grund­­ver­ständnis der Bürger für mögliche Ent­­wicklungen des eigenen Wertpapier­de­pots und des eigenen Vermögens muss langfristig ausgebaut werden. Das ab­­so­­lut blinde Vertrauen gegenüber dem be­­­auftragten Banker sollte der Ge­­schichte überantwortet werden. Die Grundlagen für mehr Eigenverantwortung der Kun­­den müssen ausgebaut werden. Neben der Finanzpolitik ist an dieser Stelle aller­dings auch die Kultur- und Bildungs­­­politik gefragt.

Hintergrund_ErgänztDer 1949 geborene Autor hat bei der Bremer Landesbank Bankkaufmann gelernt und in Hannover und Hamburg Wirtschaftswissenschaften studiert. 1974 stieg Posselt bei der Commerzbank AG ein und wurde 1989 zum Geschäftsleiter der Banco di Sicillia bestellt. Nach weiteren Stationen ist er seit Oktober 2000 Geschäftsleiter der State Bank of India in Frankfurt. Er gehört dem Vorstand des Auslandsbankenverbands an.