Prof. Barbara Kisseler (Kultursenatorin der Hansestadt Hamburg): Kreativität Raum schaffen – Kulturförderung als Wirtschaftsförderung

Kultur und Kreativität spielen als gesellschaftlicher Faktor und auch als Wirtschaftsfaktor einer Stadt, eine immer ­größere Rolle, denn große Erfolge ­beginnen oft mit einer kleinen Idee.

Wirtschaft und Kultur – zwei un­vereinbare Welten, die aufeinander prallen? Einerseits, hält man es mit dem Journalisten Thomas Steinfeld, der in der Süddeutschen Zeitung schrieb:

„Die Unterwerfung unter das rein wirtschaftliche Denken egalisiert die Kultur, sie verwandelt jede einzelne kulturelle Leistung in einen Beitrag zu zukünftigem Mehr­wert. So wird die Kultur um ihr Bestes gebracht, nämlich um den Triumph über das Vorhandene, um die Erhebung über das Lebensnotwendige“.

Eine Sichtweise die durchaus – gerade für mich als ‚An­­wältin der Kultur‘, als Befürworterin der staatlichen Kul­­tur­­förderung – ihre Berechtigung hat. Andererseits, lässt es sich auch mit Kulturwissenschaftlerin Nina Johanna Haltern betrachten, welche avantgardistische Kultur als Ursprung von Kreativität mit wirtschaftlicher Verwert­barkeit beschreibt. Kurz: Wirtschaft und Kultur liegen gerne mal über Kreuz, sie sind aber aufeinander angewiesen, können sich gegenseitig nutzen und sie sind enger miteinander verzahnt als auf den ersten Blick sichtbar.

Kultur und Kreativität spielen als gesellschaftlicher Faktor und auch als Wirtschaftsfaktor einer Stadt, eine immer größere Rolle. Die Reputation von Regionen und Städten auf Grund eines kreativen Potenzials ist in einigen Fällen schon selbst zu einem Wirtschaftsfaktor geworden, weil dadurch kre­­a­­tive Industrie- und Gewerbeunternehmen angezogen werden, die in der Regel sehr wachstums- und beschäftigungsintensiv sind. Gleichzeitig schaffen kreative Milieus ein eigenes Umfeld, das für in- und ausländische Touristen sowie für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt attraktiv ist und die Stadt besonders lebenswert machen.

Die Kreativwirtschaft ist oftmals Innovationspionier, das bezieht sich nicht nur auf technologische Innovationen, sondern auch auf die sozialen, die prozessualen, die kulturellen Innovationen: Beobachtet man die aktuellen Entwicklungen insbesondere in urbanen Kontexten, so erkennt man, dass gerade im Kultur- und Kreativ­­bereich oft Modelle entwickelt und gelebt werden, die auch für andere gesellschaftliche Bereiche eine Relevanz haben. Die Branche der Kreativwirtschaft ist heterogen und kleinteilig und bringt Verschiedenstes hervor. Im Mittelpunkt stehen dabei oft hochmotivierte Personen, die sich an den Schnittstellen der Disziplinen bewegen. Dies spiegelt sich auch in den Zahlen, die Umsatz- und Beschäftigungszahlen sind beeindruckend: In der Ham­­burger Kreativwirtschaft arbeiten ca. 87.000 Erwerbs­tätige, die einen jährlichen Umsatz von ca. 11 Milliarden Euro erwirtschaften (Stand 2013). Der Großteil der hohen Umsätze ist dank der Software-/Games-In­dustrie zu ver­­zeichnen, die ein wichtiger Teilmarkt der Kreativ­­wirtschaft ist, aber auch ansonsten gilt: In Ham­burg lässt sich von der Kreativwirtschaft leben.

Nicht zuletzt haben kulturpolitische Anstöße zum Aus­bau einer kreativwirtschaftlichen Infrastruktur verholfen. Veränderte Rahmenbedingungen haben zur Folge, dass Kreative sich heute anders aufstellen können als noch vor ein paar Jahren. In Hamburg hat der Senat 2010 die städtische Gesellschaft‚ Hamburg Kreativ Gesell­schaft‘ aufgebaut, deren übergeordnetes Ziel es ist, die Rahmen­­bedingungen für die Kreativwirtschaft in Ham­burg zu verbessern und so dazu beizutragen, dass in dieser noch jungen, aber stetig wachsenden Wirt­schafts­­­­­branche Ar­­beitsplätze geschaffen und gesichert werden. Dies ge­schieht über Angebote für Studierende und Ab­­solventen, Beratung und Coaching, Weiterbildungs­an­­gebote zu Informationen zu Finanzierungs- und Förder­­möglich­keiten sowie Vernetzungsformate.

Außerdem unterstützt die Hamburg Kreativ Gesellschaft Kreative in einem weiteren Punkt, der insbesondere in Hamburg von Relevanz ist: bezahlbare Arbeits- und Atelier­­flächen zu finden und günstige Mietverträge auszuhandeln. Die Stadt ist nicht so groß und weitläufig wie zum Beispiel Berlin, die Quadratmeterpreise im innerstädtischen Bereich sind sehr hoch, größere Flächen für kreatives Arbeiten sind rar.

Einerseits die Kreativwirtschaft, andererseits die Ent­wicklung und Stärkung von kreativen Milieus und Frei­räumen ist das Ziel. Kunst braucht Raum. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft hat seit Aufnahme ihrer Tätigkeit vor sechs Jahren bereits über 80.000 qm an Künstler und Kreative vermitteln können. Derzeit gibt es in Hamburg ca. 500 Atelierplätze, die mit städ­­tischer Förderung entstanden sind. Der Senat hat zu­­dem ein Konzept für die künftige Entwicklung der Speicher­­stadt beschlossen, das vorsieht, 10.000 qm Fläche für künstle­­r­­ische und kreativwirtschaftliche Nutzungen zu günstigen Konditionen zu realisieren. Wichtig für die Szene ist dabei auch eine langfristige Nutzungsperspektive. All das stabilisiert die kulturelle Infrastruktur einer Stadt, ein überlebenswichtiger Aspekt für Kreativität und künstlerische Arbeit. Kulturförderung kann also auch als Wirtschafts­­förderung begriffen werden, das funktioniert aber nur, wenn die Kunst frei bleibt, sonst tritt die Befürchtung von Thomas Steinfeld ein. Oder, mit Adorno gesprochen: „Die Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen“. Hamburg bleibt gespannt.

ProfProf. Barbara Kisseler
Die Autorin leitete von 1982 bis 1986 das Kulturamt der Stadt Hilden und von 1986 bis 1993 das Kulturamt in Düsseldorf. Ab 1993 bis 2003 war Sie für die Abteilung Kultur des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur verantwortlich. Bis 2006 war Sie Staatssekretärin für Kultur bei der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin wurde. Ab 2006 bis 2011 übernahm Barbara Kisseler die Leitung der Senatskanzlei des Landes Berlin, bevor sie am 23. März 2011 zur Kultursenatorin der Hansestadt Hamburg berufen wurde.