Klaus Wurpts M.A.: Mitteldeutschland im Wettbewerb um neue Standortvorteile

Der internationale Wettstreit um Inves­titionen, Clusterentwicklung und Fach­kräfte wird in Deutschland, und so auch in Thüringen, sowohl von Unter­nehmern als auch von Wirtschafts­för­derern überwiegend noch in getrennten Kategorien von so genannten „harten“ und „weichen“ Standortfaktoren gedacht. In hoch entwickelten Wissensökonomien gleichen sich die materiellen Angebote wie Infrastruktur oder Kulturangebote jedoch zunehmend an. Zentren wie Er­­furt, Jena, Ilmenau und Weimar sind des­­halb auf eine strategische Positio­nierung ihrer Standortpotenziale in Form einer Verbin­­dung beider Faktoren angewiesen – wie sie auch die Wirtschafts­ini­tiative für Mitteldeutschland übergreifend für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen entwickelt hat.


Carl-Zeiss-Jena

Eine solche strategische Positionierung muss drei wesentliche Entwicklungen des in den letzten Jahren zunehmend professionalisierten Standortwettbe­werbs berücksichtigen. Dieses ist erstens der zunehmende Mangel an hoch qualifizier­­ten Fachkräften, insbesondere im In­­genieursbereich. Studien aus mehreren OECD-Ländern zeigen, dass sich junge Menschen mit Studien­ab­schlüssen bei der Wahl ihres Arbeits­platzes nicht mehr vorrangig an Gehältern oder dem Image von Marken internationaler Arbeitgeber orientieren. Seit einigen Jahren schon stehen die Attraktivität und die erwarte­te Lebens­qualität einer Region, genauer gesagt einer größeren Stadt, an ers­­­­ter Stelle der Auswahlkriterien. Hierun­ter sind vor allem ein weltoffenes, li­­be­­­rales gesellschaftliches Klima, ein breites Kul­­­turangebot mit ausgeprägtem „Sze­ne“-­Image, sowie ein familienfreundliches, naturnahes und attraktives Wohn­um­feld zu verstehen. Dabei gibt es den für die mitteldeutschen Ober­zentren güns­­tigen Trend, dass nicht mehr die großen Metropolen wie London oder Paris, sondern Städte mit wenigen Hundert­tausend Einwohnern bevorzugt werden.

Schröder-ZK

Die zweite zu berücksichtigende Ent­wicklung bei der strategischen Posi­tionierung eines Wirtschaftsstand­ortes besteht in der zunehmend erforderlichen Fokussierung auf spezifische, nicht übertragbare lokale oder regionale Wettbewerbsvorteile. Damit sind in der heutigen Wissensökonomie keine geographischen oder gar topographischen Vorteile gemeint, sondern besondere (traditionelle) Fertigkeiten oder Erfahrungen der Menschen, wie es bei der optischen Industrie in Jena oder dem Automobilbau in Eisenach der Fall ist. Idealerweise werden diese spezifischen regionalen Fertigkeiten durch Ausbildungs- und Forschungsein­rich­tun­­gen gefördert, so dass eine spezialisierte Clusterbildung auf Unter­neh­mens­­ebene entstehen kann. Ent­schei­dend für die strategische Positio­nierung der Region ist dabei die Ident­ifikation der tatsächlich vorhandenen Cluster, im Sinne spezialisierter Agglo­mer­atio­nen. Kennzeichnend dafür ist vor allem ein überdurchschnittlicher Kon­zentra­tions-Quotient bei der Anzahl der Be­­schäftig­ten, der Anzahl der Be­­triebe und dem regionalen Export­anteil. Solche Cluster orientieren sich nicht an administrativen Grenzen und sind gerade in Mittel­deutschland Bundes­länder-übergreifend zu finden. Ausnah­men bilden hier die Optik (Jena) und die Mikroelektronik (Dresden).

Die dritte, zu beachtende Entwick­­lung besteht schließlich in der strate­gischen Positionierung einer Region selbst, ge­­meint ist die interne und externe Ver­­marktung des Standortes. Beides muss kongruent sein. Die kommunizierten Vor­­teile müssen auch den tatsächlichen Stär­­ken entsprechen – und zugleich den Orien­tierungspunkt der Standortentwicklung bilden. Eine Ansiedlungsstrategie muss somit nicht nur die Erwartungen der Unternehmen an die Infrastruktur erfüllen, sondern muss auch die Förderung des spezifischen Kulturangebots bis hin zur Quartiers- und Wohnraumgestaltung umfassen. Die „weichen“ Standort­fak­to­­­ren werden somit zu „harten“ Fakto­ren und müssen den Erwartungen hoch qua­­lifizierter Fachkräfte an ihr Lebens- und Arbeitsumfeld entsprechen. Im Klar­­text heißt das, wer beispielsweise für einen Automotive-Stand­­ort wirbt, muss die An­­sprüche der entsprechenden Füh­­rungs-Inge­nieu­­­re an das Lebensumfeld erfüllen. Für einen IT-Standort kann es im Zu­­ge einer Anwerbungs- oder Inves­titons­­­kampagne wenig sinnvoll sein, mit einer großen Oper zu werben (und diese vorzuhalten), da IT-Experten mitunter eher ins Kino gehen.


wewillwin

Da sich in den drei Bundesländern Mittel­­deutschlands schon jetzt ein gravierender Mangel an hoch qualifizierten Fach­kräften abzeichnet, ist es dringend ge­­bo­ten, sich unter Berück­sichtigung der regionalen Cluster über die Vorausset­zungen des Wirtschafts­stand­ortes im Hinblick auf das Lebens- und Arbeits­um­­feld von Fachkräften Gedanken zu machen. – Eine gemeinsame Heraus­forderung für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Klaus_WurptsDer Autor ist seit 2005 Geschäftsführer der Wirtschaftsinitiative für Mittel­deutsch­­land GmbH. Der gebürtige Nie­der­sachse hat Politikwissenschaft in Paris und Leipzig studiert und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Instituten sowie als freier Publizist gearbeitet. Ab 2003 war er Projektleiter für den länderübergreifenden Cluster­prozess beim ehemaligen Regionen­mar­ke­ting Mitteldeutschland.