Klaus Wurpts M.A.: Dresden, Sachsen, Mitteldeutschland – Regionale Kooperation als Wettbewerbs­­vor­­teil

Regionale Kooperation gilt bei Wirt­­schafts­­experten als ein wichtiger Stand­­ortvorteil. Wenn Unternehmen „über den eigenen Tellerrand hinausschauen“ und mit anderen Unternehmen oder For­­schungs­­einrichtungen in der Um­­ge­­bung zusammenarbeiten, können sie durch Kostensenkung und Spezialisierung besondere Wettbewerbsvorteile am Markt erzielen.
Für viele Unternehmen in Dresden er­­streckt sich diese Kooperation nicht nur auf die eigene Stadt. In zahlreichen Zu­­lieferer- und Koo­­per­­a­­tions­­ver­­hält­­nis­­sen profitieren sie von einer regionalen Ein­­bin­­dung über die sächsischen Län­­der­­grenzen hinaus bis weit hinein nach Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die re­­gi­­onale Vernetzung in Mittel­­deut­sch­­land trägt dabei nicht nur zu einem verstärkten wirtschaftlichen Wachstum „aus eigener Kraft“ bei, sondern bietet auch neu­­en Investoren ein attraktives Umfeld und strahlt entsprechend aus. Deshalb wird dieser Prozess sowohl durch die Politik mit der „Initiative Mittel­­deutsch­­land“ der Minister­­prä­­si­­den­­ten als auch durch die von Unternehmen getragene, bundesweit einmalige Wirt­­schafts­­ini­­ti­­a­­tive für Mittel­­deutschland aktiv gefördert. Denn, so lautet das Motto der Wirt­­schafts­­initiative: Wenn es den Unternehmen gut geht, geht es auch der Region gut, und umgekehrt. Dabei kennt Wirtschaft keine Ländergrenzen.
Die wohl prominentesten Beispiele für länderübergreifende Kooperationen sind die Automobil- und die Photo­­vol­­taik­­ In­­dustrie. Daneben gibt es auch in Be­­reichen wie der Infor­­ma­­tions­­tech­­no­­lo­­gie oder der Biotechnologie zahlreiche Ver­­bin­­dun­­gen Dresdner Unte­r­­neh­­men und For­­schungs­­einrichtungen mit Part­­nern bis hin zu den gut an­­ge­­bundenen mitteldeutschen Zen­­tren in Leipzig, Erfurt und Magdeburg.

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Der Automobilstandort Dresden ist ge­­meinhin durch die Gläserne Manu­­faktur von Volkswagen bekannt. Außer einigen Zulieferern und Automotive-nahen Ma­­schinenbauern konnte sich hier zu­dem die Technische Universität (TU) Dres­­den, insbesondere mit den Instituten für Auto­­mobiltechnik, für Fahr­­zeug­­tech­­nik sowie für Leichtbau und Kunst­­stoff­­technik, be­­sonders profilieren. Die regionale Inte­­gration erstreckt sich über das sächsische Auto­­mobil­­zu­­liefer­­er­­netz­­werk AMZ in alle Teile Ostdeutschlands. Auf Be­­stre­­ben der Unternehmen hat sich entsprechend das „Automotive Cluster Ost­­deutsch­­land“ (ACOD) ge­­grün­­det. Dieses verbindet den Auto­­mo­­bilstandort Dres­­den auch mit den OEM-­­Werken von Daimler in Ludwigsfelde oder Opel in Eisenach. Das Spektrum der Aktivitäten umfasst gemeinsame For­­schungs- und Entwicklungsleistungen, gemeinsame themenzentrierte Workshops wie auch vielfältige Marketingaktivitäten.
Ähnlich ist es in der Photo­­vol­­tai­k­­in­­dus­­trie, die nicht nur für Dresden und Um­­ge­­bung eine wichtige Zu­­kunfts­­tech­­no­­lo­­gie darstellt. Hier hat sich ganz Mittel­­deutsch­­land zu einer der weltweit führenden Pho­­to­­voltaik-Re­­gionen entwickelt. 90 Prozent der in Deutschland produzierten Solar­­zellen kommen von hier, das macht fast 20 Prozent Weltmarktanteil. In ei­­ni­­gen Se­­g­­menten zählen Unternehmen aus Mittel­­deutschland zu den Marktführern. Wie viele Standorte in Mitteldeutschland, hat die Wirtschaftsregion Dresden hier einen ganz besonderen Wett­­bewerbs­­vor­­teil. Neben der hervorragenden Infra­­struk­­tur und den hohen Förder­­mög­­lich­­keiten stehen vor allem zahlreiche hoch qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung. Grund dafür ist die zunehmende Ver­­zahnung der Solarbranche mit der seit Jahr­­zehn­­ten aufgebauten Mikro­­elek­­tro­­nik. Das von 30 Firmen, zehn For­­schungs­­ein­­rich­­tun­­gen und vier Hochschulen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen initiierte „Solarvalley Mittel­­deutsch­­land“ wurde vom Bundes­­for­­schungs­­minis­ter­­ium als na­­tionales „Spitzencluster“ ausge­­zeich­­net und arbeitet mit umfangreichen Forschungsgeldern nun daran, bis zum Jahr 2015 die Kosten für die Her­­stellung von Solarstrom auf den Preis herkömmlicher Energieträger zu senken.
Beispielhaft wurden die länderübergrei­­fenden Clusterbildungsprozesse von den
drei Landesverwaltungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterstützt. Die förderseitige Abstimmung umfasste sogar die Ausreichung von Mitteln für Aktivitäten über das jeweils eigene Bundesland hinaus – eine bemerkenswerte Seltenheit im deutschen Wett­­bewerbsföderalismus, die jedoch den erreichten regionalen Koo­­per­­a­­tions­­sta­­tus verdeutlicht. „Wachstumsbranchen stärken“ lautet entsprechend eines der Ziele der auch maßgeblich aus Dres­­den angeschobenen politischen „Initiative Mitteldeutschland“. Neben zahlreichen Kooperationsvorhaben auf Ver­­waltungs­­­­ebene hat sich die Politik der drei Län­­der weitere ambitionierte Ziele für die Zu­­sam­menarbeit gegeben: So sollen „optimale Bedingungen für Investitionen und unternehmerische Initiativen“ ge­­schaf­­fen sowie Forschungs- und Inno­­va­­tionspotenziale gemeinsam ausgebaut und vernetzt werden.

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Den länderübergreifenden „mitteldeutschen Gedanken“ unterstützen auch zahlreiche Unternehmen aus den drei Bundesländern mit dem Verein „Wirt­­schaftsinitiative für Mittel­­deutsch­­land“, der sich im Zu­­sammenspiel mit Städten und Kammern als „Aktions­­platt­­­­form struk­­turbestimmender Unter­­neh­­men“ zur „Ent­­wicklung und Ver­­marktung der traditionsreichen Wirt­­schafts­­re­­gion Mittel­­deutschland“ versteht. Die be­­reits über 60 Mitglieder der im Jahr 2000 gegründeten Initiative fördern die länderübergreifende Cluster- und Netz­werk­­­­bildung mit eigenen Finanzmitteln und Managementkapazitäten, sie unterstützen zukunftsträchtige Innovations­­pro­­jekte und tragen mit der als regionale Leit­­messe konzipierten „Absolventen­­mes­­se Mittel­­deutschland“ zur Sicher­­ung des regionalen Fachkräftebedarfs bei.

Neben der bereits erreichten wirtschaft­­lichen Integration in Mittel­­deutsch­­land bahnt sich derzeit auch eine mitteldeutsche Zusammenarbeit auf kommu­­naler Ebene an. Die Perspektive einer künftig an so genannten „Metro­­pol­­re­­gi­­onen“ ausgerichteten Förderpolitik der Europäische Union (EU) lässt – analog zu den Unternehmen und For­­schungs­­ein­­richtungen – auch die größten Kommunen aus Mitteldeutschland en­­ger kooperieren. Für viele stellt dieses gar eine der wichtigen Weichen­­stell­­un­­gen für die Zukunft des Wirt­­schafts­­stand­­orts dar.

Klaus_WurptsDer Autor ist seit 2005 Geschäftsführer der Wirtschaftsinitiative für Mittel­deutsch­­land GmbH. Der gebürtige Nie­der­sachse hat Politikwissenschaft in Paris und Lei­­p­­zig studiert und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Instituten sowie als freier Publizist gearbeitet. Ab 2003 war er Projektleiter für den län­­der­­­­übergreifenden Cluster­prozess beim ehe­­maligen Regionen­mar­ke­ting Mittel­­deut­­sch­­­­land.