Klaus Krumme: Nachhaltiges Wirtschaften – Logistik im Wandel, Wandel durch Logistik?

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Verantwortung für nachfolgende Generationen ist in Europa ein elementarer Baustein industrieller Prozessabläufe. An der Universität Duisburg-Essen nehmen sich Wissenschaftler der Nachhaltigkeit auch in der Logistik an.

Logistik als Problem und Chance zugleich. Logistik hat sich zu einer Determinante der globalisierten Wirtschaft entwickelt und nimmt vielfältige querschnittorientierte Aufgaben in der industriellen Leistungserstellung wahr: von ganzheitlicher Planung über Beschaffung, Produktion, Transport/Distribution, Lagerung, bis hin zu Assemblierung/ Veredelung, After Sales Services sowie Re-Use und Recycling. Die Logistik ist dabei zugleich Treiber und Getriebener der Globalisierung. Noch sind Material- und Güterströme global genauso wirksam wie der Klimawandel, den sie mit verursachen. Der Klimawandel, in teils nicht mehr abwendbaren, teils noch vermeidbaren Folgen, steht stellvertretend für viele Symptome eines unnachhaltigen Wirtschaftssystems als eine Wurzel globaler Umweltveränderungen sowie damit zusammenhängender sozialer und demographischer Entwicklungen.

Bleiben wir beim Klimawandel: Je nach zugrundegelegter Studie rangieren die Treibhausgasemissionen des Transport- und Logistiksektors global zwischen 25 und 32 %. Davon entfallen etwa 35 bis 40% auf den direkten Waren- und Güterfluss, allerdings mit stark steigender Tendenz durch die globalen Zunahmen der Gütertransportleistungen, die Effizienzgewinne bisher überkompensieren. Im Sinne möglicher Verbesserungen dürfte der hier wirksame Hebel allerdings größer sein: Moderne logistische Dienstleistungen konfigurieren heute vielfältige Bereiche über den Transport hinaus und integrieren ausdifferenzierte, sehr komplexe, weltumspannende Wertschöpfungsnetze. Sie sind damit – positiv wie negativ betrachtet- Schlüsselelemente in Strategien des nachhaltigen Wirtschaftens.

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Logistik im Wandel. Alle durch die Logistik verantworteten Prozesse werden in immer stärkerem Maße Gegenstand notwendiger Transformation werden. Wie kann oder muss die Logistik sich verändern, wenn Kosten- und Preisbedingungen sich korrigieren, weil soziale sowie ökologische Vorsorge zu einem notwendigen Element moderner Businessaktivitäten werden? Welche gestaltende Kraft hat die Logistik selbst dabei, oder reagiert sie nur? Über die „Grüne Logistik“ reden heute viele und einige Antworten, wie wir logistische Systeme, wie wir den Transport oder Produktion umwelt- und sozialverträglicher modifizieren können, sind bereits gegeben. Ganz wenige reden über die Kompetenz der Logistiker, einen wertvollen Beitrag für den grundlegenden Wandlungsprozess zu leisten. Ist ein Wandlungsprozess über Grüne Logistik hinaus, zum „Dienstleister nachhaltiger Wirtschaftssysteme“ romantisches Wunschdenken, tatsächlich möglich, oder vielleicht sogar unabwendbar um Fortschritt für das Gesamtsystem zu erzielen?

Wenn selbst einfachste Produkte auf ihrem Weg zum industriellen oder privaten Verbraucher ihren CO2-Fußabdruck auf tausenden von Kilometern zusammen sammeln, dabei komplexe Gefüge von Einzelstationen unter sozial wie ökologisch fragwürdigen Bedingungen durchlaufen und durch den bislang nur unzureichend bilanzierten Schaden ihren Nutzen aufwiegen, wird immer deutlicher, dass die Prinzipien wirtschaftlichen Handelns selbst infrage stehen. Transformationen werden selbstverständlich nicht vor Rohstoffbeschaffung, Produktion, Transport, Handel sowie Konsumptionsmustern halt machen. Ihr systemischer Zusammenhang, die Supply Chain, wird damit aber zu einem Schlüssel einer industriellen Revolution, wie der amerikanische Wirtschafts- und Politikberater Jeremy Rifkin sie sieht und dabei der Logistik bereits eine zentrale Stellung zuweist.

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Transformative Logistik. Viele dieser Herausforderungen betreffen schon jetzt Kompetenzdomänen der modernen Logistik, beinhalten aber neben schwierigen Anpassungen vor allem Potentiale, Geschäftsmodelle entsprechend zu erweitern, Services am „nachhaltigen Wirtschaftssystem“ zu operationalisieren, essentiellen integrierten Daten- und Informationsströmen eine -strategisch gedacht- „nachhaltige“ Richtung zu verleihen und entsprechende Infrastrukturzusammenhänge zu ertüchtigen. Selbstverständlich ökonomisch effizient und profitabel, aber auch sozial verantwortlich und ökologisch innerhalb der Systemgrenzen. Entlang der Supply Chain werden dabei unternehmensexterne, rechtliche, soziale, ökologische Parameter einbezogen und damit langfristige Kostenfallen und Treiber sozioökonomischer wie ökologischer Risiken abgebildet (Supply Chain Integrity).

Das „Nachhaltige System“ in Wirtschaft und Gesellschaft ist noch vor neuen Technologien der wichtigste Innovationstreiber der Logistik, weil es langfristige Entwicklungsperspektiven aufzeigt. Dieses System muss mehr sein als nur effizient. Es sollte anpassungsfähig und auf diese Weise langfristig stabil sein. Die Wissenschaft hat dafür den Begriff der „Resilienz“ gefunden. Wenn die Logistik ihre Servicemodelle konsequent weiterentwickelt, hat sie die Kapazität resiliente Systeme zu betreiben, zukünftige Handlungsroutinen in Wertschöpfungsnetzen in der Operative zu befähigen und unter Nutzung neuer Infrastrukturlösungen und Handlungsleitbilder anpassungsfähig und damit langfristig stabil zu gestalten. Sie kann damit ihre Rückgradfunktion für die Wirtschaft festigen, erweitern und vor allem langfristig verstetigen.

Logistik im Sinne des nachhaltigen Wirtschaftens akquiriert und konfiguriert alle nötigen Ressourcen und Services für „nachhaltige“ operationale Systeme in Wirtschaft und Gesellschaft. Die sogenannte Transformative Logistik sollte dafür Kernelement sowohl der Logistik-Praxis als auch der Logistik-Ausbildung sein. Sie bildet daneben Perspektiven für eine angewandte Systemwissenschaft ab, sich im gleichen Maße öffnen und mit einer Vielzahl von Disziplinen zu vernetzen: neben den in ihr bereits vereinten technischen, informationellen und wirtschaftswissenschaftlichen Kompetenzen wird sie in immer stärkerem Maße umwelt- und gesellschaftswissenschaftliche Expertisen einbeziehen und so wegweisende Entwicklungschancen erarbeiten können.

mgtb-ssc2013-krumme-02-kopierenKlaus Krumme
Der Autor hat an den Universitäten Bochum und Duisburg-Essen Umwelt­­­wissen­schaften, Geografie und Biologie studiert. Neben weiteren Aktivitäten ist Klaus Krumme Ge­­schäftsführer des Zentrums für Logistiks & Verkehr (ZLV) an der Universität Duisburg-Essen.