Klaus Haasis: Erfolgsfaktor Kreativität – neue Denkweisen für die Wirtschaft

Die Menschen in Baden-Württemberg sind von jeher für ihren Ideenreichtum sowie ihre Freude am Forschen und Ent­­wickeln bekannt. Doch technologischer Vorsprung alleine reicht längst nicht mehr aus, um im internationalen Wett­bewerb der Spitzenstandorte bestehen zu können. Die Ressource der Zukunft heißt Krea­­tivität. Ihr wachsender Ein­fluss in sämt­­­lichen Bereichen unserer Gesell­schaft erfordert von allen Akteuren eine neue Denkweise.

So auch im Arbeits- und Wirt­schafts­le­­ben: Hier hat sich die Kreativwirtschaft zu einer zunehmend wichtigen Branche ent­­wickelt. Denn erfolgreiche Wirt­schafts­­zentren entstehen in Zukunft vorwiegend dort, wo Unternehmen auf anspruchsvolle Dienstleistungen zurückgreifen kön­­nen. Wissen und Kreativität sind da­­für entscheidende Voraussetzungen.


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Renommiert, vielfältig, leistungsstark – die Kreativen im Südwesten. Baden-Württemberg bietet genau diese Voraus­setzungen: Die Kreativwirtschaft ist hierzulande ein bedeutender Wirt­schafts­­­­­zweig, in dem vielfältige Wissens­­dienst­leistungen erbracht werden. Und das schon seit vielen Jahren. Denn Baden-Württemberg verfügt im Kreativbereich über eine lange Tradition: So prägten bei­­spielsweise Designlegenden wie Otl Aicher und Anton Stankowski oder Typo­­grafie-Genies wie Kurt Weidemann mit visuellen Erscheinungsbildern für die Olym­­pischen Spiele, IBM, Lufthansa, Porsche oder die Deutsche Bank nicht nur die nationale, sondern auch die in­­ter­­nationale Designszene.

Aber auch heutzutage spielt die Krea­­tiv­­wirtschaft in der oberen Liga mit: Ob Design- und Musikwirtschaft, Software- und Gamesindustrie oder Presse- und Werbemarkt – diese und weitere Teil­­branchen der Kreativwirtschaft weisen im Südwesten deutliche Wachstums­im­­pulse auf. Seit 2000 ist die Beschäfti­gung im Kreativsektor jahresdurchschnitt­­lich mehr als doppelt so stark gestiegen wie in der Gesamtwirtschaft.

Zu diesem Erfolg tragen Kreativregionen aus dem ganzen Land bei. So beispiels­­weise Mannheim und Karlsruhe – be­­kannt für renommierte Einrichtungen wie die Popakademie Baden-Württemberg oder das Zentrum für Kunst und Medien­tech­­no­logie Karlsruhe (ZKM). Aber auch Pforz­­heim und Ulm mit ihren international anerkannten Designschulen, Baden-Ba­­den als Standort für den Südwest­rund­­funk sowie Freiburg und Offenburg, die traditionell stark im Druck- und Ver­­lags­­wesen aufgestellt sind, spielen eine ent­­scheidende Rolle. Und nicht zu­­letzt kommt auch der Region Stuttgart eine wichtige Rolle zu.
Diese trumpft mit bekannten Archi­tektur­­büros wie Beh­­nisch oder Schlaich, außer­­gewöhnlichen Bauten wie dem Kunst­museum, dem Mercedes-Benz Museum sowie dem Porsche-Museum und Medien­­unter­neh­­men wie Reclam, Klett oder der Motor Presse Stuttgart.

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Sehr vielfältig zeigt sich die regionale Werbe- und Designbranche. Aktuelles Beispiel: Der Deutsche Pavillon auf der Expo 2010 wurde von einer Agentur aus dem Land realisiert. Hier zeichnet sich eine ganz besondere Stärke von Baden-Württemberg ab – die Verbindung von Ingenieurskompetenz mit kreativem Den­­ken. Das ist in dieser Form in Deutsch­­land einzigartig.

In Baden-Würt­temberg führt der Kreativ­­sektor somit alles andere als ein Ni­­schen­­dasein. Der Beschäftigungsanteil im Land liegt mit 3,7 Prozent sogar über dem Bundesdurchschnitt von 3,2 Pro­­zent. In der überwiegend kleinbetrieb­­lich struk­­turierten Branche arbeiten mitt­­ler­­weile rund 155.000 Erwerbstätige in 28.000 Unternehmen, die einen Gesamt­­umsatz von rund 19 Milliarden Euro er­­wirt­­schaften. Vor allem die Soft­­ware­­branche erweist sich dabei als regelrechter Job­­motor: Der Beschäftig­ten­an­­teil der Soft­­ware- und Games­industrie lag in Baden-Württem­berg zuletzt bei 44 Pro­­zent, bundesweit waren es nur 33 Prozent.


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Diese Zahlen belegen, dass sich die hei­­mi­­sche Software­bran­­che in den ver­­gan­genen Jahren be­­son­ders dy­­namisch entwickelt hat. Ba­­den-Würt­­­­temberg be­­her­­bergt in diesen Be­­rei­­chen Global Player wie Alcatel-Lucent, IBM, Hewlett Packard und SAP, aber auch zahlreiche mittel­ständi­­sche Hidden Cham­­pions sor­­gen für be­­acht­liche Wachs­­tums­­raten. Hier­­zu ge­­hören gerade auch Unter­­nehmen wie Game­forge aus Karls­­ruhe, das zu den weltweiten Markt­füh­­rern für inter­net­ba­­sierte Browser-Spiele zählt, so­­wie Ent­­wicklungs­studios wie Acony aus Villingen-Schwenningen oder TriCAT aus Ulm mit seinen virtuellen Lern- und Train­­ings­­lösungen.

Zukünftige Herausforderun­gen: Talente fördern, Branchen vernetzen, Innova­tionen vorantreiben. Damit die Kreativ­wirtschaft weiter an Fahrt gewinnen kann, kommt es nun da­­rauf an, die richtigen Weichen zu stellen. Die Förderung von kreativen, inno­va­tions­­freudigen Talenten gehört dabei zu den wesentlichen Aufgaben. Aus die­­sem Grund unterstützt die MFG Stif­­tung Baden-Württemberg mit dem Karl-Stein­­buch-Stipendium Stu­die­ren­de bei der Um­­set­­zung herausragender, inter­­dis­zi­­plinärer IT- und Medien­pro­jek­te. Ein ak­­tu­­elles Beispiel ist das Projekt PATRONUS von Alexander Schwende, einem Stu­­den­­­­ten am Karlsruher Institute of Tech­no­logy (KIT). Mithilfe seines Systems kann De­­menzpatienten eine gefahrlose Um­ge­­bung in ihrer eigenen Wohnung er­­mög­­licht werden.

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Neben einer nachhaltigen Talent­för­de­­rung ist auch die gezielte Unterstüt­zung von Start-ups für einen erfolgreichen Kreativ­­standort besonders wichtig. Von der Idee zum Geschäftsmodell – auf die­­­­­­sem langen und oft steinigen Weg un­­ter­­stützt die Wirtschafts­initiative Ba­­den-Württemberg: Connected – bwcon – jun­­ge, expandierende High­tech-Un­­ter­­nehmen und innovative Grün­­der mit einem umfangreichen, netz­werk­­basier­­­­ten Service-Angebot. Nicht zu­­letzt kommt es heutzutage im­­mer mehr darauf an, Menschen zusammen­zu­führen und zu vernetzen – im besten Falle über Landes- und Bran­­chen­­grenzen hinweg.
Gemeinsam mit dem Wirtschafts­­minis­te­­rium Baden-Württemberg hat die Inno­­vationsagentur MFG Baden-Württemberg unter dem Leitgedanken „where Creativity meets Technology“ ein Forum für neue Ideen ge­­schaffen: Beim Creativity World Forum haben wir über 2.000 kreative Vor­­den­­ker aus 29 unterschiedlichen Branchen und 28 Ländern vernetzt und zum ge­­mein­samen Lernen angeregt. Wie er­­giebig der Austausch über Länder- und Branchen­­grenzen hinweg ist, zeigte sich beispiels­­weise im „Crea­tivity Think Tank“. In diesem interaktiven Workshop sollten in 100 Minuten 100 Ideen entwickelt werden. Nach Ablauf der Zeit waren so­­gar 130 konkrete Vorschläge und Lö­­sungs­ansätze vorhanden.

Von diesem beeindruckenden In­­no­­va­­tions­­potenzial beflügelt, kann sich die Kreativ­­wirtschaft in Baden-Württem­berg zuversichtlich den zukünftigen Heraus­forderungen stellen. Weitere Infor­ma­tio­­nen finden Sie unter: www.mfg-innovation.de.

Klaus-Haasis-MFG-Hintergrund-orange_kleiner-(2)Der Autor ist seit der Gründung 1995 Ge­­­schäftsführer der MFG Baden-Württem­berg – der Innovationsagentur des Landes für IT und Medien –, die heu­te zu den führen­­den europäischen In­­no­­vations­agenturen zählt. Er hat über 30 Jahre Erfahrung in der Kreativwirtschaft und im ITK-Sektor gesammelt. Er ist ge­­fragter Referent, Dozent, Autor und Bera­ter in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft.