Karl-Heinz Streibich: Mit Clusterpolitik Innovationskraft sichern

Die Globalisierung ist gekennzeichnet durch offene Marktzugänge für praktisch jeden Anbieter. Das erhöht den Wett­be­werbsdruck in allen Märkten. Das Inter­net ermöglicht den Zugang zu Infor­ma­tionen im privaten sowie im Geschäfts­bereich, und zwar in Echtzeit. Damit steigt die Geschwindigkeit, mit der sich Kunden dem bunten Angebot zuwenden können, dramatisch. Die Kombination beider Effekte – Globalisierung und Internet – potenziert somit den Druck auf Unter­nehmen, das beste und innovativste Angebot zu haben, um im Markt bestehen zu können. Deshalb wird Innovations­kraft zum entscheidenden Wettbewerbs­faktor. Großunternehmen haben die Mittel, eigen­­ständig Innovationen zu finanzieren. Mittel­ständler dagegen benötigen Partner. Groß­unternehmen sind in der Regel mögliche Partner für den Mittelstand, um Innova­tionen im Verbund erzielen zu können. Deshalb ist gerade für den Mittelstand die Cluster­bildung eine exzellente Initiative.

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Aber was sind Cluster überhaupt? Nur eine geografische Anhäufung von Unter­nehmen einer bestimmten Branche? Cluster sind mehr als das. Als Cluster bezeichnet man die regionale Konzen­tration von Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette einer oder sich ergänzender Branchen. Dazu zählen nicht nur Unternehmen, sondern auch Aus- und Weiterbildungsinstitutionen, Forschungseinrichtungen, Behörden, Verbände und Kammern. Cluster fokussieren sich auf die Stärkung eines be­­stimmten Profils innerhalb einer Region. Sie sind spezialisiert auf eine Branche oder einen Marktbereich. Sie sind mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Cluster werden entwickelt, wenn man konkrete gemeinsame Projekte hat. Cluster bilden sich, wenn man sich vernetzt, miteinander redet und miteinander agiert. Es müssen intensive Kontakte gepflegt werden und es muss ein Grundvertrauen unter den Schlüsselpartnern bestehen. Ohne das Wissen übereinander können keine Geschäfte entstehen und ohne ein grundlegendes Vertrauensverhältnis keine Partnerschaften. Cluster bedeuten also kurze Wege, intensive Kommuni­kation, Schnelligkeit und Effizienz. Durch den Austausch können neue Trends erkannt und Forschungsergebnisse ent­sprechend leichter umgesetzt werden. Doppelforschungen können vermieden werden. Es entsteht eine gemeinsame Wertschöpfung. Denn wer schnell For­­schungsergebnisse erfolgreich am Markt etablieren kann, wird Wachs­tum und Beschäftigung sichern. Da be­­steht in Deutschland grundsätzlich noch Potenzial. Wir wissen zwar, wie man aus Geld Wissen macht, wir müssen das Wissen aber auch wieder zu Geld machen.
Erfolgreiche Cluster schaffen das. Sie bilden einen Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Wirt­schaft, auch in Deutsch­land. Cluster sind die richtigen Instrumente, um gezielt Innova­tionen und Produktivität zu fördern. Cluster sind industrielle Kristallisationszentren und Innova­tionsmotoren, wie man am Silicon Valley in Kalifornien sehen kann. Laut Software-Atlas Deutschland 2010, herausgebracht von dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovations­­for­schung ISI, führt der Rhein-Neckar-Kreis die Top 25 aller Standorte der Software- und IT-Dienstleistungs­branche in Deutsch­­land an. Die Stadt Darmstadt belegt den dritten Platz. Die Engineering Region Darmstadt Rhein Main Neckar ist die Geburtsstätte der Unternehmens­soft­ware, die sich seit den 1970er Jahren mit Innovationen auf dem Weltmarkt etabliert hat. Diese ist inzwischen eine der wichtigsten IKT-Branchen (IKT: Informations- und Kommunikations­tech­nologie). Diese Softwarelösungen machen Unternehmen aus allen Branchen leistungsfähig, zum Beispiel in den Bereichen Material-, Personal-, Finanz- und Absatzwirtschaft, Produktions­planung und -steuerung, Logistik sowie Management von Produkt­lebenszyklen, Lieferanten- und Kunden­beziehungen. Die Software-Region Rhein-Main-Neckar ist in diesem Bereich das weltweit leistungs­­­stärkste Netzwerk von Her­stel­lern, Dienstleistern, Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen und An­­­­wen­dern. Alleine in Darmstadt gehören wichtige, internationale Forschungs- und Ausbildungs­einrichtungen zum Cluster: die Tech­nische Universität Darmstadt, die Hoch­­schule Darmstadt sowie die Fraunhofer-Institute für Sichere Infor­ma­tions­tech­nologie (SIT) und Graphische Daten­verarbeitung (IGD).
Mit der Software AG ist das zweitgrößte Soft­ware­­haus Deutsch­lands im Cluster vertreten, genauso wie viele kleine und mittlere Unternehmen der hess­ischen Unter­­­nehmens­soft­ware­­­branche. Außerdem ist das SAP Research CEC Darmstadt Mitglied im Software-Cluster Rhein-­Main-Neckar.

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Erfolgreiche Cluster brauchen sowohl Mittelständler und Start-ups (sogenannte KMUs: kleine und mittlere Unternehmen) als auch Global Player als „Lokomotiven“. Insbesondere bei der Internationalisierung tun sich Mittelständler allein oft schwer. Im Verbund mit größeren Unternehmen ist es leichter, sich internationale Sicht­barkeit zu verschaffen. Mittelständler profitieren von der Sogkraft der „Großen“. Und diese profitieren wiederum von der Flexibilität der „Kleinen“.
Cluster schaffen Raum für Neues. Die Mobilität und die Gründungsaktivitäten innerhalb der Netzwerke sind enorm hoch, was auch zu einer steigenden Anzahl von Patenten führen kann. Nehmen wir als Beispiel das Silicon Valley, das durch seine Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft als international beachtetes Vorbild für Cluster gilt. Dort finden sich Ideen, Forschung, Fachkräfte, Dienst­leis­tungen speziell für den IT- und Softwarebereich auf engstem Raum. Einem Investor, der im Silicon Valley sitzt, muss man die Bedeutung von IT nicht erst erklären. Mit einer guten Idee und dem entsprechenden Businessplan kommen Start-ups an das notwendige Kapital, das einem woanders möglicherweise verwehrt bleibt. Die besten Beispiele dafür sind unter anderem Google, Yahoo oder Facebook. Gerade für KMUs sind daher Investoren ein wichtiger Bestandteil, um Wachstum generieren zu können.
Das alles zeigt: Clusterförderung ist als Organisationsprinzip die richtige Methode, eine zielgerichtete und erfolg­reiche Innovations-, Forschungs- und Wirtschaftspolitik zu betreiben. Der Spitzenclusterwettbewerb ist ein wich­tiger Schritt für die Stärkung der bereits bestehenden Cluster in Deutsch­land. Die IT-Industrie in Deutschland eignet sich hervorragend zur Cluster­bildung, und der Software-Cluster ist ein positives Beispiel. Allein die Soft­ware­­industrie, die als Quer­schnitts­tech­nologie für die Wettbewerbs­fähig­­keit unserer Volks­wirtschaft von essen­zieller Bedeutung ist, soll nach Schätz­ungen des Prognos-­Instituts bis 2030 über 400.000 Arbeitsplätze in Deutsch­land schaffen. Wir sind auf einem guten Weg, aber erst am Anfang. Die Potenziale sind da, und wir müssen diese jetzt nutzen.

Karl-Heinz_Streibich_tcm16-41395Der 1952 geborene Autor studierte Nach­­richtentechnik an der Hochschule für Technik Offenbach. 1981 begann er seine berufliche Laufbahn bei der Dow Chemical Company. Im Jahr 1996 wurde Streibich in die Geschäftsführung der debis System­haus GmbH berufen, deren Fusion mit T-Systems GmbH er verantwortete. Karl-Heinz Streibich ist seit 2003 Vorstands­vorsitzender der Software AG.