Karl-Heinz Streibich: Mit Clustern Deutschlands Innovationskraft sichern

Innovationskraft wird immer mehr zum Wettbewerbsfaktor. Innovationen lassen sich nur in offener Zusammenarbeit mit starken Partnern erzielen. Hohe Effizienz ist der Preis, um im globalen Wettbewerbsdruck bestehen zu können. Effizienz erreicht man nur durch Ska­len­erträge und Prozess­optimierungen. Skalenerträge lassen sich nur durch Größe oder Kooperation erzielen. Globale Partnerschaften sind daher notwendig, aber nur lokale Partner­schaften, eben Cluster, schaffen langfristige Wett­bewerbs­­­­vorteile und generieren somit Wirtschafts­­­­wachstum.

Aber was sind Cluster überhaupt? Geografische Anhäufungen von Unter­nehmen einer bestimmten Branche? Nein! Cluster fokussieren sich auf die Stärkung eines bestimmten Profils innerhalb einer Region. Cluster sind spezialisiert auf eine Branche oder ein Thema. So beispielsweise der Luft­­fahrt­­cluster der Metropolregion Hamburg oder der Softwarecluster. Cluster sind mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Cluster werden erst real, wenn man konkrete gemeinsame Projekte hat. Cluster werden real, wenn man sich vernetzt, miteinander kommuniziert, miteinander agiert. Es müssen intensive Kontakte gepflegt werden und es muss ein Grund­­ver­­trauen unter den Schlüssel­­­partnern bestehen. Ohne das Wissen übereinander können keine Geschäfte ent­stehen und ohne ein grundlegendes Vertrauen­s­verhältnis keine Partner­schaften. Clus­ter bedeuten kurze Wege, intensive Kommuni­kation, Schnellig­­­keit und Effizienz.

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So können neue Trends erkannt und Forschungsergebnisse entsprechend leichter in Geschäft umgesetzt werden. Doppelforschungen werden so vermieden. Es entsteht eine gemeinsame Wert­schöpfung. Denn eines ist klar: Wer schneller Forschungsergebnisse erfolgreich am Markt etablieren kann, wird Wachstum und Beschäftigung sichern. Da besteht in Deutschland grundsätzlich noch Potenzial. Wir wissen zwar, wie man aus Geld Wissen macht, wir müssen das Wissen aber auch wieder zu Geld machen. Erfolg­reiche Cluster schaffen das. Sie bilden einen Brücken­schlag zwischen Wissen­schaft und Wirtschaft, auch in Deutsch­land. Cluster sind das richtige Instru­ment, um gezielt Innovationen und Produk­tivität zu fördern. Cluster sind industrielle Kristal­lisations­­zentren und Innovations­­mo­­toren.

Erfolgreiche Cluster sind mehr als Mittelstand und Start-ups. Die Netz­werke brauchen Mittelständler und Start-ups, aber sie brauchen auch Global Player als „Lokomotiven“.
Ohne Global Player können die kleineren Partner im Cluster nicht wachsen. Sie können For­schung­s­ergebnisse nur schwer in Markterfolg umwandeln. Alle Zahlen im Innovationsindex weisen darauf hin. Insbesondere bei der Inter­nationali­sie­rung tun sich kleine Mittel­ständler oft schwer, neue Märkte zu erobern. Heute reicht ein Berufs­leben nicht mehr aus, damit sich ein Mittel­ständler internatio­nale Sicht­barkeit verschaffen kann. Im Verbund mit größeren Unternehmen ist das leichter. Mittelständler profitieren durch die Wirkkraft der „Großen“. Und die „Großen“ profitieren durch die Flexi­bilität der „Kleinen“. Nehmen wir das Beispiel der finnischen Stadt Oulu, deren Wirt­schafts­region gemeinhin als eines der erfolgreichsten Cluster in Europa gilt. Ohne die Rolle von Nokia hätte sich Oulu wahrscheinlich nicht so entwickelt, wie es in den letzten 20 Jahren der Fall war.

Cluster schaffen auch Raum für Neues. Die Mobilität und die Gründungs­­­aktivitäten sind in Clustern enorm hoch. Auch die Anzahl von Patenten steigt. Nehmen wir als Beispiel das Silicon Valley. Dort gibt es Ideen, For­schung, Fachkräfte, Dienst­leist­ungen sowie Venture Capital, speziell für den IT- und Softwarebereich auf engstem Raum. Einem Investor, der in Silicon Valley sitzt, muss man die Bedeutung von IT nicht erst erklären. Mit einer guten Idee und dem entsprechenden Businessplan kommt man so an das notwendige Venture Capital heran, das einem woanders möglicherweise verwehrt bleibt. Google, Yahoo oder Facebook sind nicht zufällig dort entstanden. Unternehmen bekommen so schnell und nachhaltig eine kritische Größe. Gerade für KMU sind Investoren ein wichtiger Bestandteil, um Wachs­tum generieren zu können.

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Das alles zeigt: Clusterförderung ist als Organisationsprinzip die richtige Methode, eine zielgerichtete und er­folg­­reiche Inno­­vations-, Forschungs- und Wirtschafts­politik zu betreiben. Der Spitzen­­cluster­­wettbewerb von Forsch­ungs­­­­­­­­­­­ministerin Annette Schavan ist ein wichtiger Schritt für die Stärkung der bereits bestehenden Cluster in Deutsch­­­land. Das For­schungs­­mini­s­­te­r­­ium in­ves­­tiert im Rahmen der High­techstrategie die richtige Summe zum richtigen Zweck. Analog zur Exzel­lenz­initiative werden vorhandene Stär­ken gestärkt. Das Gießkannen­prinzip gehört endgültig der Vergangen­heit an. Das ist der Weg, den Deutsch­land gehen muss. Auch der Koalitionsvertrag der Regier­ungs­koalition weist in diese Richtung. Nur wenn wir die Wachstums­in­dustrien stärken, also die forschungs- und technologieintensiven Branchen mit einer hohen Wertschöpfung, können wir unsere Wettbewerbsposition als Export­­nation halten. Alleine die Soft­wareindustrie, die als Querschnitts­technologie für die Wettbewerbs­­fähigkeit unserer Volks­wirtschaft von essen­­zieller Bedeutung ist, soll nach Schät­z­ungen des Prognos-Instituts bis 2030 über 400.000 Arbeitsplätze in Deutsch­land schaffen. Andere Zukunfts­­bran­chen wie die Bio­techno­logie, die Logistik­­branche oder die Medizin­technik haben ebenfalls positive Prognosen. Denn wir sind noch nicht am Ziel. Unsere Cluster sind im internationalen Vergleich immer noch zu klein. Die Potenziale sind da, wir müssen sie jetzt nutzen.

Karl-Heinz_Streibich_tcm16-41395Der 1952 geborene Autor studierte Nach­­richtentechnik an der Fach­hoch­schule Offenbach. 1981 begann er seine beruf­­liche Laufbahn bei der Dow Chemical Company. 1996 wurde er in die Geschäfts­­führung der debis Systemhaus GmbH berufen, deren Fusion mit T-Systems GmbH er verantwortete. Karl-Heinz Streibich ist seit 2003 Vor­­standsvorsitzender der Software AG.