Karl Fischer: Lebensretter Telematik: wo jede Sekunde und jede Information zählt

Beim Rettungsdienst kann es auf Sekunden beim Transport und den entscheidenden Informationsvorsprung in der klinischen Notaufnahme ankommen. Das Innovationsprojekt Telematik II im bayerischen Rettungsdienst hebt dank digital erfasster Chronologie zu Rettungsmaßnahmen und physischer Verfassung die Überlebens- und Genesungschancen der Patienten.
Ob Herzinfarkt, Schlaganfall oder Verkehrsunfall: Wenn Menschen verletzt sind oder in Lebensgefahr schweben, ist schnelle Hilfe gefragt. Wählt man die 112, kommt der Notruf bei einer der 26 integrierten Leitstellen im Frei­staat Bayern an. Von dort aus werden die entsprechenden Rettungsmittel alarmiert und die Rettungskräfte mit den wichtigsten Informationen versorgt.

Beim Notfall-Rettungseinsatz oder Krankentransport selbst fallen dann eine Menge Daten an, die sowohl für die Einsatzdokumentation als auch für die Klinik wichtig sind, die den Patienten später aufnehmen wird. Dies sind z.B. die Daten des Patienten, die logistischen Da­ten und die medizinischen Maßnahmen, die bisher auf einem Papierprotokoll mit dreifachem Durchschlag dokumentiert wurden. Die Patientenübergabe im Krankenhaus erfolgte durch ein mündliches Gespräch und die Über­­gabe der Dokumentation. Die Abrechnungsdaten wurden auf verschiedenen Wegen zur Zentralen Abrech­nungsstelle gesandt, die in Bayern für den gesamten Rettungsdienst zuständig ist.

Um den gesamten Datenfluss zu vereinheitlichen und zu verbessern, Systembrüche und damit Fehleingaben und Missverständnisse zu vermeiden, ist es sinnvoll, alle Daten möglichst zeitnah elektronisch zu erfassen und auf diesem Wege weiterzugeben. Um dieses Ziel umzusetzen, hat das Bay­erische Rote Kreuz mit der ARGE der Durchführenden im Rettungs­dienst Bayern und in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Innen­minis­terium das Pro­­jekt Telematik II gestartet. Die LKZ Prien GmbH wurde mit dem Pro­jekt­­management beauftragt, die Firma medDV liefert das Erfassungssystem.

Die Idee, Papierdokumente in elek­tro­­nischer Form auf einem Computer bereitzustellen und damit die Infor­­ma­­tionen lesbar und möglichst fehlerfrei für alle zur Verfügung zu stellen, die damit weiter arbeiten müssen, ist so alt wie der Computer selbst. Lange Zeit war das nur in Bereichen möglich, die eine entsprechende „fest installierte“ Infrastruktur in einem Büro mit ge­­schütz­­tem Netz­werk und Internet-Zu­­gang zur Ver­fügung stellten.

IMG_9896-kopieren

Mit Notebooks und Tablet-PCs, die durch geeignete Betriebssysteme und die entsprechende Datenkom­mu­­nikation nun diese Voraussetzungen im mobilen Bereich zur Verfügung stellen, verschwinden auch „unterwegs“ immer mehr die Papierdokumente. Da Rettungsdienst-Einsätze oft unter schwierigen Bedingungen durchgeführt werden müssen, steht auch das mobile Daten­erfassungssystem vor besonderen Herausforderungen. So muss die Hardware nicht nur spritzwassergeschützt und robust sein, sie muss auch desinfektionsmittelfest sein. Die Software muss intuitiv und auch mit Hand­schuhen bedienbar sein. Eine hohe Ausfallsicherheit ist ebenso Voraussetzung wie eine gute Netzabdeckung (besonders in ländlichen Bereichen) und die Erfüllung der entsprechenden Datenschutzrichtlinien. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Daten aus der Medizin­­tech­nik direkt in das Protokoll eingelesen werden können. Das bedeutet nicht nur, dass Blutdruck und Puls übernommen werden, es können auch die EKG-Daten protokol­­liert und auf Wunsch direkt an die Klinik geschickt werden.

Für den Rettungsdienst Bayern bedeutete dies, dass alle rund 1.500 öffentlich-rechtlichen Rettungsfahrzeuge mit mobilen Tablet-PCs ausgestattet werden mussten. Hierzu gehörte neben der Hardware mit entsprechenden Ladestationen im Fahrzeug auch die Einweisung aller haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter im Rettungs­dienst in die Handhabung der Software auf dem Gerät. Durch die elektronisch erhobenen Daten wird es möglich, dem gesetzlichen Auftrag zu Statistik, Qualitäts­management und wissenschaftlicher Auswertung nachzukommen.

Nach intensiven Vorarbeiten der Projektgruppe und einer Pilotphase ist der Roll-out erfolgreich gestartet und wurde zum Großteil bereits abgeschlossen. Etwa Mitte 2015 werden alle Hilfsorganisationen für den öffentlich-rechtlichen Rettungsdienst im Echtbetrieb arbeiten.

Aufgrund des sehr positiven Verlaufs der System­ein­führung wurde das Projekt bereits als Leuchtturmprojekt bezeichnet und wurde letztes Jahr beim internationalen eGovernment-Wettbewerb unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums des Innern in der Kategorie eHealth mit dem 2. Platz ausgezeichnet.

Mit diesem Projekt bietet sich europaweit die einmalige Chance, mit einer sehr großen Datenmenge die Ver­sor­gungsforschung weiter auszubauen und einen hohen Qualitätsstandard des Rettungsdienstes neutral zu beur­­teilen und weiter zu verbessern. Nun wünschen sich die Projektbeteiligten, dass sich möglichst alle Kliniken in Bayern diesem Konzept anschließen, damit bei der Patientenübergabe die Daten sofort in elektronischer Form vorliegen.

Der Autor ist seit dem Jahr 2000 Geschäftsführer der LKZ Prien GmbH. Zuvor war er geschäftsführender Gesellschafter der Sims­­­see-Transport und der RO-Sped GmbH. Karl Fischer ist Träger des Deutschen Logistik- und Umweltpreises 2000 sowie weiterer Auszeichnungen.