Junge Tunesier vertun Ausbildungs-Chancen in Deutschland / Kritik an TAPiG-Programm

Wenn ein Land in Schwierigkeiten ist, dann ist Deutschland grundsätzlich zur Hilfestellung bereit. Diese im Grunde wunderbare Einstellung der verhältnismäßig reichen  Bundesrepublik zeigt bisweilen auch seine Schattenseiten.

Um diese Hilfe strukturell schwachen Ländern gegenüber zu leisten, stehen dem Bundesministerium für Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ allein schon im Haushaltsjahr 2013 satte 6,3 Milliarden Euro zur Verfügung. Mit 3 Mrd. Euro steht knapp die Hälfte des Haushalts für bilaterale staatliche Zusammenarbeit bereit.

Tunesien ist ein Chancenland

(c): Deutsche Bundespost

Sowohl die Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW als auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ unterstützen die Entwicklung des aufstrebenden Landes. Auch aus Europa kommt Hilfe. So hat die vom ehemaligen Bundesminister Dr. Werner Hoyer geführte Europäische Investitionsbank  EIB allein für Tunesien Darlehen im Umfang von 1,7 Mrd. Euro ausgeschüttet.

Die Tunesier gelten als fleißig und loyal ihren Arbeitsgebern gegenüber. So hatten während der Jasmin-Revolution die Mitarbeiter des Spielzeugherstellers Schlaich ohne Auftrag der Geschäftsführung “ihr” Werk vor Plünderungen geschützt und die Fabrik Tag und Nacht bewacht.

Wunschträume tunesischer Auszubildender gefährden TAPiG-Projekt

Eine Eigenschaft der Menschen, die auch die unter Personalmangel leidende Asklepios-Klinik in Hamburg nutzen wollte. Das Auswärtige Amt, das Goethe-Institut und weitere Organisationen hatten das Programm TAPiG (Transformationspartnerschaft im Gesundheitswesen) aufgelegt, durch welches jungen Tunesiern in Deutschland eine Ausbildung ermöglicht werden sollte. Allein die Asklepios-Klinik wollte 150 Ausbildungsverträge mit anschließender Übernahmegarantie übernehmen – zu Tarifgehältern von wenigstens 2.192,64 Euro für die ausgebildeten Krankenpfleger. Sechs Monate sollte vorneweg Kultur und Sprache vermittelt werden. Die Auszubildenden sollten in City-Apartments untergebracht werden.

Tunesier für Tunesien ausbilden – EU-Jugendarbeitslosigkeit konstruktiv nutzen

Asklepios hat inzwischen reagiert und 13 der ersten 25 Verträge wegen Unzuverlässigkeit gekündigt. Nur wenige Einwanderer sehen in der konsequenten Ausbildung auf hohem Niveau eine Chance fürs Leben. Mit der Ausbildung in deutschen Kliniken hätten die jungen Tunesier in ihrer Heimat später die besten Aussichten und trügen zur Verbesserung der Arbeitsprozesse in tunesischen Klinken bei.

Die Erfahrung zeigt, dass eine Förderung der nachwachsenden Generationen sinnvoller in dem Heimatland sein kann. Partnerschaften mit tunesischen Kliniken bzw. Unternehmen sind denkbar, bei dem ein Teil der Ausbildung ohne Übernahmegarantien in Deutschland absolviert werden kann. Kehrt der Auszubildende in sein Heimatland zurück, so ist er Kollegen ggb. fachlich im Zweifel voraus und trägt zur Verbesserung der Ausbildung in seinem Heimatland bei. Arbeitswilige Kräfte könnten deutsche Unternehmen nach Abschluss der Ausbildung abwerben und nach Deutschland holen, sofern Fachkräfte aus Deutschland und der EU nicht anzuwerben sind. Da Deutschland unter Fachkräftemangel  leidet, muss mit den außerhalb der EU stammenden Praktikanten und Auszubildenden über die zwar guten Ausbildungsmöglichkeiten, aber eben auch offen über tatsächlichen Lebensverhältnisse und vor allem über die Erwartungen deutscher Arbeitgeber hinsichtlich Arbeitsbereitschaft und -qualität in der Dienstausführung  gesprochen werden. Falsche Hoffnungen kosten im Zweifel schlichtweg Geld und langfristig auch Sympathiepunkte in den bilateralen Beziehungen.

Djerba-Medina-1024x685Djerba Medina (c) Öger Tours

Das Projekt TAPiG zeigt, dass auch die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland mit Augenmaß und Realitätssinn erfolgen muss. Es zeigt auch, dass es im Zweifel besser ist, deutschen Schülern mit minderem Schulabschluss während der Berufsausbildung durch Fördermaßnahmen den höheren Abschluss in einem neu zu entwickelnden dualen System bei verlängerter Ausbildungszeit und damit auch den sozialen Aufstieg anzubieten.

Zusätzliche Leistungen wie übertarifliche Ausbildungsgehälter oder durch den Ausbau von sozial-kulturellen oder sportlichen Angeboten für Mitarbeiter könnten weitere Motivations-Anreize darstellen. Wo das deutsche Bildungssystem nicht weiterkommt, da kann durch eine aufgewertete berufsschulische Förderung Ausgleich geschaffen werden. Hier sind auch die Unternehmen selbst gefragt, neue Wege zu entwickeln und etwa durch eigene Pädagogen die Ausbildung auch für Schulabsolventen weiter aufzuwerten. Der Staat stößt durch immer fragwürdigere Schulmethoden  – so kann man als Schüler in Niedersachsen beispielsweise demnächst nicht mehr “sitzenbleiben” – an seine Grenzen, weil das Problem Demographischer Wandel und Fachkräftemangel durch die Beschleunigung der Schulausbildung auch zur schlechteren Bildung führt. Dies durch wohlwollende Programme im Ausland kompensieren zu wollen, ist durchaus kritikwürdig.

TAPiG-Erfahrungen nutzen und Programm anpassen

Entwicklungshilfe sollte sich auf das Entwicklungsland konzentrieren und der Fachkräftemangel zunächst in Deutschland und Europa gelöst werden. Eine Neuausrichtung des gut gemeinten TAPiG-Projektes auf die Förderung der Ausbildung in Tunesien selbst – mit entsprechenden längeren Praktika in der Bundesrepublik – erscheint sinnvoll, sollte dann aber nicht vom Auswärtigen Amt, sondern eher vom BMZ koordiniert werden. Der Fachkräftemangel kann zunächst innerhalb der EU gelöst werden. 25 bis 50 % Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Griechenland oder Portugal bietet – sollte man meinen – genügend Potenzial für die Anwerbung von Fachkräften bzw. Auszubildenden in allen Bereichen und Ausbildungsberufen zwischen Gesundheitswirtschaft, Handwerk und anderen Industrieberufsausbildungen.