Jürgen Fitschen: Unternehmensfinanzierung vor neuen Herausforderungen

Die deutschen Unternehmen haben in den vergangenen Jahren eine schwere Re­zession im Großen und Ganzen gut bestanden und konnten im Anschluss von einer raschen Nachfrageerholung profi­­tier­en. Hierzu beigetragen haben solide Finanzierungs- und Liquiditätsstrukturen der Unternehmen, aber auch Finanz­in­sti­­tute, die sich den Anforderungen der Wirt­­schaft gestellt haben. Die Struktur des Bankgeschäfts hat sich, parallel zu den Veränderungen bei den Kunden der Banken, in den vergangenen Jahren gewandelt.

Die traditionelle Finanzierung über Bank­­kredite ist ergänzt worden durch Kredit­­verbriefungen, Schuldscheine und Unter­­nehmensanleihen. Hinzugekommen sind Derivate zum Management von Zins- und Wechselkursänderungsrisiken. Zwar hat sich nicht jedes neue Produkt der vergangenen Jahre bewährt, aber die viel­fältigen und umfangreichen Finanzierungs­­herausforderungen der Wirtschaft lassen sich längst nicht mehr nur über Bank­kredite darstellen.

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Die traditionelle Praxis der Kredit­ver­gabe wird im Englischen als „Buy-and-Hold“ bezeichnet. Das bedeutet, dass eine Bank einen Kredit vergibt und diesen so lange in ihrer Bilanz behält, bis er vollständig zurückbezahlt worden ist. Dieses Vorgehen sorgt bei der kreditvergebenden Bank für großes Interesse daran, dass der Gläubiger zuverlässig seinen Kredit zurückbezahlt. Dementsprechend ist zu erwarten, dass sie mit großer Sorgfalt bei der Kredit­vergabe vorgehen wird. Diese Praxis wurde im vergangenen Jahrzehnt zunehmend abgelöst durch das Geschäftsmodell „Originate-to-Distribute“. Hierbei vergibt eine Bank einen Kredit mit dem Wissen, dass dieser schon nach kurzer Zeit nicht mehr in den eigenen Büchern enthalten sein wird. Die Kredite werden dann an Invest­­mentbanken verkauft; diese bündeln die Kredite wiederum zu Paketen. Man spricht von der Verbriefung von Kredit­rechten. Es ist unschwer zu erkennen, dass bei dieser Weitergabe von Kredit­risiken besonders darauf zu achten ist, dass die Sorgfalt bei der Prüfung der Kredit­würdigkeit nicht beeinträchtigt wird.

Die Kreditgewährung und anschließende Verbriefung hat entscheidend zu unserem Wohlstand und dem globalen Wirtschafts­­wachstum beigetragen. Die neuen Finanz­­produkte haben die Kosten der Kredit­vergabe maßgeblich gesenkt – auch für deutsche mittelständische Unternehmen. Gäbe es Verbriefungen in Zukunft nicht mehr, dann würde die Kreditaufnahme für den Schuldner in Zukunft tendenziell teurer werden.

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Die Bundesrepublik Deutschland hat noch in anderer Weise von der Ent­wick­lung der Kreditverbriefung profitiert.
So hat die Zunahme von Krediten in den Schwellen- und Entwicklungsländern das Wachstum entscheidend beschleunigt – Länder, deren Nachfrage ganz entschei­dend zu Deutschlands Status als Export­welt­meis­ter beigetragen hat. Für Unter­­nehmen aus dem gehobenen Mittelstand sind Anleihe­­märkte verstärkt ins Interesse gerückt. Die Emissions­­tät­igkeit von Unterneh­mens­­anleihen ist weiterhin ungebrochen. Laut Thomson Reuters wurden in Europa in den ersten fünf Monaten des Jahres 2011 Unter­nehmensanleihen im Volumen von rund 108 Milliarden Euro vergeben – achtmal so viel wie im Ver­gleichs­zeit­raum 2010. Zum Teil können sich Unter­nehmen über den Kapitalmarkt und Anleihen günstiger finanzieren als über einen Kredit. Neben Euro-Anleihen nutzen immer mehr Unternehmen zum Funding ihrer lokalen Aktivitäten auch die Mög­lich­keit einer Finanzierung außerhalb des Euro- und US-Dollar-Währungs­raums. Ne­­­ben chine­sischen Renminbi-Anleihen se­­­­hen wir verstärkte Emissionstätigkeit zum Bei­spiel im brasilianischen Real. Ein veränderter Finanzierungsmix verschafft Unternehmen mehr Spielraum und damit gegebenenfalls Kostenvor­teile. Zusätz­lich zur Finanzierung im engeren Sinne erwarten Unternehmen vor dem Hinter­grund einer stärker zuneh­menden internationalen Arbeitsteilung, dass sie durch ihre Bank Zugang zur kom­pletten Pro­duktpalette von Finanz­dienstleistungen in den unterschiedlichen Märkten haben. Im Zentrum steht dabei nicht der Produktgedanke, sondern das Schaffen von Marktzugängen für den Kunden. So stellen zum Beispiel die Inter­nationalisierung und die Auslands­aktivi­­täten des deutschen Mittelstands, des Rückgrats der deutschen Volkswirtschaft, spezielle Anforderungen an die Finanz­ierung ­– Exportfinanzierung und die internationale Zahlungsabwicklung stehen im Vordergrund. Auch Instrumente zur Exportrisikoabsicherung gewinnen an Bedeutung. Akkreditive und Aus­lands­ga­rantien helfen beispielsweise weltweit Ausfallrisiken zu beherrschen. Aber auch für Kunden außerhalb Deut­sch­lands, die Zugang zum deutschen Markt suchen, ist es erfolgskritisch, mit einer Bank zu­­sammenzuarbeiten, die in Deutschland fest verankert ist und den lokalen deut­­schen Markt kennt.

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Neben der Unternehmensfinanzierung über Kredite und Wertpapiere sowie der Begleitung auf Auslandsmärkten sind Banken gefordert, ihren Kunden Unter­stützung beim Risikomanagement zu bieten. Denn viele Unternehmen sind auf der Suche nach Stabilität. Stark schwankende Preise an den Rohstoff-, Zins- und Währungsmärkten können Kalkulationen schnell hinfällig werden lassen. Für die Mehrheit der mittelständischen Unter­nehmen in Deutschland sind schwankende Rohstoffpreise das Risiko Nummer eins, gefolgt von Ausfallrisiken bei Lieferanten sowie Währungsrisiken durch volatile Wechselkurse und Zinsschwankungen. Hier bieten Banken inzwischen Optionen und Termingeschäfte an, mit denen solche Risiken begrenzt werden können. Voraus­­setzung für einen erfolgreichen Einsatz von Derivativen ist dabei stets, dass Risiken genau identifiziert werden sowie das richtige Instrument gewählt wird.

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Waren-, Dienstleistungs- und Finanzmärkte sind eng verflochten. Dies zeigt sich beson­­ders bei den internationalen Wirt­­schafts- undFinanzbeziehungen, die gemessen am Volumen in den letzten Jahren sehr stark gestiegen sind. Die Rolle der Banken als Transmissions­riemen zwischen diesen einzelnen Märkten wird immer wichtiger in dem Maße, wie die internationale Arbeitsteilung zunimmt. Banken sind integrierter Teil dieser Wert­­­­schöpfung und helfen ihren Kunden, in Deutschland und auch international Ri­­­siken zu transformieren. Stabile und funk­­tions­fähige Finanzmärkte sind daher unver­­zichtbar für Unternehmen, für die Sich­­e­­rung des Wohlstands sowie für die Schaf­­­­­f­­ung von Arbeitsplätzen.

 

Juergen-Fitschen-KopieDer Autor ist seit 2012 Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank. Er begann seine Karriere im Firmenkunden­geschäft der Citibank. Nach dem Wechsel zur Deutschen Bank im Jahr 1987 war er zunächst in diversen Führungs­positionen in Thailand, Japan und Singapur tätig. Seit 2002 ist Fitschen Mitglied des Group Executive Committees der Deutschen Bank. Im Jahr 2005 wurde er zum CEO der Deut­schen Bank für Deutschland ernannt.