Jürgen Engel und Insa Lüdtke: Der Ort. Die Stadt. Und die Menschen. Zukunftsweisende Bauten für die Gesundheitsgesellschaft.

Wir betrachten Krankenhäuser immer noch als eigenständige, von ihrer  Umgebung getrennte Einheiten. Dies ist nicht mehr zeitgemäß. Anstelle von  isolierten Parzellen oder einzelnen Projekten benötigen wir heute eine ganzheitliche Planung der Infrastruktur der Klinik und ihrer zugehörigen Umgebung.

Wir befinden uns am Beginn eines umfassenden Para­digmenwechsels – statt Krankheiten zu heilen, geht es heute vielmehr darum, Gesundheit – als universelles und unteilbares Gut – zu erhalten. Im Zuge der wachsenden Lebenserwartungstellt Gesundheit für die meisten Gesellschaften das wichtigste Gut dar. Der rasante Fortschritt der Medizintechnik gilt als wichtigster Trei­ber des Gesundheitsmarktes. Hohe Funktionalität und die Erfordernisse der Apparatemedizin lassen Gesund­heitsimmobilienhäufig häufig als kalt und anonym er­scheinen. In welcher Weise Architektur und Gestaltung einen wichtigen Beitrag im Hinblick auf Aspekte wie Aufenthaltsqualität aber auch Effizienz leisten können, sollen im Folgenden fünf Projekte veranschaulichen.

Neue Gestaltungswege in der Krankenhausarchitektur zu wagen, war der Anspruch an den Entwurf für den Neu­bau der Chirurgie des Universitätsklinikums Ulm. 2001 ging das Büro KSP Jürgen Engel Architekten mit Hauptsitz in Frankfurt am Main aus 29 eingereichten Arbeiten als erster Preisträger hervor: Raumerlebnisse wie ein be­­lebtes Foyer, das als Piazza gestaltet zum Verweilen einlädt oder reizvolle Lichtspiele durch farbige Glas­scheiben erzeugt, schaffen unverwechselbare Orte, an denen sich Menschen wohlfühlen sollen. Trotz der Größe des Klinikkomplexes, der 235 Allgemein­pflege- und 80 Intensivpflegebetten sowie 15 OP-Säle umfasst, sollten die Menschen ein überschaubares Gebäude vorfinden, mit dem sie sich identifizieren können. Archi­tektonische Lösung des Entwurfskonzepts war die klare räumliche Trennung in medizinische Behandlung und Aufenthaltsbereich. Der funktionale Teil mit Opera­ti­ons­sälen, Intensivstation, Notaufnahme, Radiologie, Facham­­­bulanzen und Dermatologischer Klinik fügt sich als Sockelbau in die Landschaft ein. Blickfang ist das drei­geschossige Bettenhaus, das sich quer über die Basis und Umgebung erhebt und weite Ausblicke gewährt.

Stadt zum Gesundwerden. Die Verzahnung von Innen– und Außenräumen schafft differenzierte Raumgefüge und Analogien zur Stadt. So wird das Krankenhaus statt einem hochtechnisierten Artefakt zu einem vertrauten Ort, und lässt Schwellen­ängste überwinden. Der helle lichtdurchflutete Ein­gangs­­bereich ist offen als Piazza (‚Marktplatz’) gestaltet, von hier aus führt die Magistrale­ (‚Boulevard’) zu den verschiedenen medizinischen Be­­reichen (‚Stadtquar­tieren’) und Patientenzimmern (‚Woh­nungen’). Begrün­te Außenhöfe (‚Parks’) gliedern den Sockel­­bau in schma­­le, lichte Gebäudeflügel. Ein Jahr nach Eröffnung wurde das Projekt mit der „Auszeichnung herausragender Ge­­sundheitsbauten 2013“ gewürdigt, erstmals ausgelobt vom AKG (Architekten für Kranken­hausbau und Ge­­sundheitswesen im Bund Deutscher Architekten).

Neben Atmosphäre und Gestaltung als weicher Fakto­ren zählen eine hohe Flexibilität und Anpassbarkeit zu den entscheidenden Kriterien für ein modernes Kran­kenhaus – auch mit Altbestand. Um Funktionsabläufe zu optimieren, nimmt beim dreigeschossigen Erwei­terungsbau der Medizinischen Universitätsklinik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eine neue Magis­trale als zentrale Erschließungsachse das bestehende Wegesystem des Altbaus aus dem 19. Jahrhundert auf. Im Rahmen eines Masterplans als strategischem Ins­trument erweist sich eine modulare Planung in Form von mehreren Bauabschnitten als sinnvoll.

Ergänzungen neuer Funktionsbereiche ermöglichen eine interdisziplinäre Notfallversorgung „unter einem Dach“ – im wörtlichen Sinne: Im Geschoss direkt unter dem Hubschrauberlandeplatz, der sich auf dem Dach des Neubaus befindet, sind die neuen OP-Bereiche angeordnet. Der Neubau hält insgesamt 56 Betten vor – zehn Betten auf der Aufnahmestation und 46 Inten­sivbetten. In fünf Jahren Bauzeit wurde im Sommer 2012 der Neu­bau mit einer Brutto­ge­schoss­­fläche von 20.400 qm im Zeit – und Kostenplan fertiggestellt. Ein flexibler Ausbau des Stahl­betonbaus mit einem quadratischen Stützen­­­raster erlaubt auch zukünftig die Nach­rüstung mit sämtlichen Medien und Installationen. Eine hohe Flexibilität von ­Pri­­mär­­­­­­­­­­struktur deren Ausbaumöglichkeiten schaffen ide­­ale Vor­­­aus­­­setzungen für künftige Anpassungen, die durch kurze Innovationszyklen des medizinischen Fort­schritts­­er­for­derlich werden.

Selbstbestimmt leben im Quartier. Die wachsenden medizinischen Möglichkeiten und eine gesündere Lebens­weise spiegeln sich in der steigenden Lebens­erwartung wider und gehen einher mit der wachsenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Ange­bote der Prävention gewinnen an Bedeutung. Ganz nach der politischen Parole „ambulant vor stationär“ er­­ken­­nen Kommunen und Woh­­nungsgesellschaften, dass das Quartier in Zeiten des demo­­grafischen Wandels nicht nur zum Lebens­raum sondern auch aus volkswirtschaftlicher Sicht zum Gesund­­heitsstandort werden muss.

Hier können ältere Menschen im nachbarschaftlichen und generationenübergreifenden Kontext ein selbstbestimmtes Leben führen. Unterstützung gibt ihnen eine vernetzte, dezentrale Infrastruktur: Geschäfte, Cafés, kulturelle Angebote, Apotheken und Ärzte bis hin zur Ta­­gespflege und einem kleinen Pflegeheim. Auch alternative Lösungen wie Wohngemeinschaften und ehrenamtliches Engagement haben Potential. Letztlich geht es um eine wachsende Vielfalt an Angeboten und individuellen Lösungen, die durch die Architektur verortet sind.

Als Wohnbebauung für den dritten Lebensabschnitt liegt die „DKV-Residenz in der Contrescarpe” unmittelbar an den historischen Wallanlagen Bremens, nur wenige Gehminuten von der Altstadtentfernt. Verschieb­bare Fensterläden bieten Sonnen– und Sichtschutz für die Wohnungen und verleihen der für Bremen typischen Klinkerfassade des sechsgeschossigen Ge­­bäu­des ein spielerisches Element von Leichtigkeit mit wech­­­selndem Gesicht. Die insgesamt 138 Zwei- bis Drei­zimmer­woh­nungen und 28 Pflegeplätze sind für gehobene Ansprüche ausgestattet.

Service- und Dienstleistungsbereiche sowie Gemein­schaftseinrichtungen stehen im Erdgeschoss zur Ver­­­­­­­­­­­­­­fu­̈­gung. Ein Restaurant mit Terrasse, Clubräumen, ein­ Wellness- und Fitnessbereich mit Schwimmbad und Sau­­na im Untergeschoss, sowie ein kleiner Lebens­­mittel­laden, ein Friseur und ein Café mit Terrasse ge­­hören zur Gesamtanlage. Eine Arztpraxis und Praxis für Physio­therapie sowie der ambulante Pflegedienst der DKV bieten im Hinblick auf Sicherheit medizinische Versor­gung und Betreuung.

Altersgerechtes Wohnen im Bestand. Als typisches ­Bei­­spiel für die großen Stadter­wei­ter­ungsprojekte der 1960er/70er Jahre war die als autarke Wohnsiedlung angelegte „Neue Burg“ im Wolfsburger Stadtteil Det­merode mit den Jahren geprägt von Anony­mität, Un­sicherheit und einem hohen Wohnungs­leer­stand. Um diese komplexe Ausgangssituation und da­­mit das Image zu drehen, entwickelten die Neuland Wohnungs­bau­gesellschaft als Bauherr und KSP Jürgen Engel Archi­tekten in enger Zusammenarbeit verschiedene Lösungs­­strategien. Zunächst wurden die bis zu 14-geschossigen Bestandsge­bäude in der Höhe auf vier Geschosse zurückgebaut und die Anzahl der Woh­nun­gen auf 116 Woh­neinheiten reduziert und teilweise um ein Staffel­geschoss ergänzt. Den zentralen Stand­ort­vorteil mit der Lage am Waldrand nehmen jetzt Bal­kone, Loggien und Staffelge­schosse auf. Durch die Dif­­ferenzierung der Fassa­­dengestaltung setzen sich die Wohnhäuser voneinander ab und bekommen eine eigene Adresse. Ein hoher Grad an Bar­­rierefreiheit unterstützt ge­­rade ältere Be­­wohner dabei, auch weiterhin in ihrer vertrauten Umgebung selbstbestimmt zu wohnen. Mit dem Um- und Rückbau sowie zahl­­reichen Maßnahmen der ener­­getischen Sanierung sind at­traktive und energieeffiziente Wohnungen entstanden, die eine hohe Lebens­qualität bie­­­ten und den Standard von Neu­bauten erreichen. In der Ka­­tegorie „Wohnen im Be­stand“ erhielt das Projekt 2012 den Architekturpreis „Zu­­kunft Wohnen“.

Neben der Entwicklung von lokalen Lösungen zählt der Gesundheitsmarkt zu einem der bedeutenden internationalen Wirtschafts­faktoren. Gesundheitsanbieter treten in einen globalen Wettbewerb um Patienten („Ge­­sund­heitstourismus“) und Personal. Gerade in Asia­­­­ti­schen­­ und Arabischen Ländern entstehen hochqualifizierte Ge­­sund­heits­stand­orte wie z. B. der Al-Imam Academic Medical Campus in Riyadh. Nach dem Mas­­terplan entwickelt von KSP Jürgen Engel Architekten sollen auf 600 Hektar­ (1 Mio. qm Bruttogeschoßfläche) ein 1.000-Betten Uni­­versitätsklinikum mit angeschlos­­sener Polyklinik und ein Uni-Campus für 3.000 Stu­denten mit sieben Fakul­täten und zahlreichen For­schungs­­­ein­richtungen entstehen.

Interkulturelles Arbeiten. Gerade bei Bauaufgaben im globalen Kontext ist ein interdisziplinärer Austausch und interkulturelles Ver­ständnis unverzichtbar, sowohl über Länder – als auch über kulturelle Grenzen hinweg. KSP Jürgen Engel Ar­­chitekten mit Hauptsitz in Frank­furt am Main verfügt mittlerweile über sechs Depen­dancen u. a. in Peking und Hanoi. Der Standort Frank­furt und seine Inter­na­tionalität spiegeln sich im wachsenden 200-köpfigen Team aus rund 20 Nationen wider und prägen maßgeb­lich die Unternehmenskultur. Die interkulturelle Exper­tise und Vernetzung auch je­­weils mit lokalen Koope­rationspartnern vor Ort bereichert Arbeitsprozesse und Architektur – jenseits einer inhaltlichen Beschränkung auf einzelne Bauaufgaben.

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Im Gegensatz zu manchem spezialisierten Wett­be­wer­ber ist das Selbstverständnis von KSP Jürgen Engel Architekten geprägt von seinem vielfältigen Aufgabens­pektrum als Generalist mit Spezialwissen auf unterschiedlichen Gebieten. Wie ein „Regisseur“ muss der Architekt über den gesamten Planungsprozess hinweg die unterschiedlichen Beteiligten koordinieren und die verschiedenen Anforderungen zu einem schlüssigen Gebäudeentwurf integrieren. Seine Aufgabe ist es, funktionale und gestalterische Aspekte zu verbinden. Gerade durch die wachsenden Anforderungen an Ge­­sundheitsimmobilien wie Effizienz, Flexibilität und Aufenthaltsqualität können sie von Lösungen anderer Planungsaufgaben im Bereich Hotel, Wohnen, Gewerbe, Büro bis hin zur Stadtplanung nur profitieren.

KSP-JÅrgen-Engel_Foto-Kirsten-Bucher_4559_F-kopierenJürgen Engel (Jg. 1954), Architekt S.M. Arch./MIT und Geschäftsführender Ge­­sellschafter von KSP Jürgen Engel Architekten GmbH. Er studierte Architektur an der TU Braunschweig, der ETH Zürich, der RWTH Aachen und dem MIT-Massa­chusetts Institute of Technology, Cambridge, USA. Seit 1990 ist er Geschäfts­führender Gesellschafter bei KSP Architekten. Seit 2009 ist Jürgen Engel Allein­inhaber und verantwortlich für rund 200 Mitarbeiter des Büros. Er lebt in Frank­furt am Main und engagiert sich in Verbänden sowie als Gutachter und Preisrichter. Die Projekte seines Architekturbüros wurden durch zahlreiche Architekturpreise gewürdigt, darunter die AKG-Auszeichnung „Herausragende Gesundheitsbauten 2013“.
Insa Lüdtke (Jg. 1972), Dipl.-Ing. (TU Darmstadt FB Architektur) ist als freie Jour­­nalistin für diverse Medien im Bereich ‚Architektur und Gesundheit‘ tätig und Inhaberin des Beratungsunternehmens CoconConcept. Sie lebt und arbeitet in Berlin.