Journalismus: Dienstälteste aktive Journalistin ist wohl Deutsche

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Ruth Geede (c) Bernhard Knapstein

Krummer Rücken, der Blick geht zum Boden. Doch nicht alles an Ruth Geede lässt ihr hohes Alter erkennen. Die 1916 in Königsberg geborene Journalistin und Autorin hat noch immer pechschwarze Haare und ihr Geist ist hellwach. Nur die Osteoporose hat ihrem zierlichen Körper den Stempel aufgedrückt. Doch diese gesundheitliche Einschränkung hält die 97-jährige nicht davon ab, den Gast nach kurzer aber herzlicher Begrüßung allein zu lassen, um mit überraschender Geschwindigkeit in die Küche zu eilen und Tee aufzusetzen.

Zeit, den Blick durchs Arbeitszimmer schweifen zu lassen. An der Wand hängt eine von Bundespräsident Richard v. Weizsäcker unterzeichnete Urkunde für das 1985 verliehene Bundesverdienstkreuz am Bande, Bilder der ostpreußischen Grafikerin Plangger-Popp und ein ostpreußischer Kurenkahnwimpel. In den Bücherregalen eigene Werke und zahlreiche Bücher zur ostpreußischen Kulturgeschichte, rundrum ostpreußisch-häusliche Gemütlichkeit, die mit der Herzlichkeit der Gastgeberin durchaus harmoniert.

Wandelndes Lexikon beim Ostpreußenblatt

So gebrechlich die Journalistin auch wirken mag, ihr Geist ist von einer Klarheit, die nur noch mit ihrem eigenen gewaltigen Erinnerungsvermögen zu konkurrieren scheint. Ruth Geede, schreibt noch im hohen Alter ihre wöchentliche Rubrik „Die ostpreußische Familie“ in der Preußischen Allgemeinen Zeitung. Was einst eine Rubrik zur Familienzusammenführung und ein schwarzes Brett für dieses und jenes war, ist heute das zentrale Organ der Familienforscher mit ost- und westpreußischen Wurzeln. Der Bedarf ist mehr als 65 Jahre nach Flucht und Vertreibung nicht nur groß, er steigt sogar noch.

Längst ist Geede mehr Rechercheurin, denn Autorin für ihre Rubrik geworden, die sie traditionell stets mit einem „Lewe Landslied!“ beginnt. Dabei gehören ihre Leserbriefschreiber längst zur Enkelgeneration der deutschen Heimatvertriebenen, die einst ihre Großeltern nicht fragen wollten oder konnten und heute auf Spurensuche gehen. Dass sie den Ruf hat, ein wandelndes Lexikon zu sein, schiebt die Publizistin auf ihr fotografisches Gedächtnis. Doch darüber hinaus verkörpert sie für die Ostpreußen und ihre Leser noch eines: Sie ist heute die Seele und der gute Geist der Ostpreußen. Auf sie passt der Satz Walter Schefflers „Ich trag meiner Heimat Gesicht!“

Geede ist seit 1934 bezahlte Publizistin und Journalistin

Die im Kriegswinter 1916 als Frühchen geborene Geede gehört zu den großen Publizisten der plattdeutschen Sprache. Mehr als 50 Werke hat sie seit ihrem ersten Buch „De Lävenstruuß“ im Jahr 1935 publiziert. Eine schriftstellerische Ausnahmelaufbahn, die bereits 1934 mit ihrer ersten bezahlten Geschichte für die Königsberger Allgemeine Zeitung begonnen hatte.

Nur ein Jahr später hatte sie ihren ersten 350-seitigen Roman „Die Magd Kathrine“ veröffentlicht und einen festen Vertrag beim Reichssender Königsberg. Da war sie gerade einmal 19 Jahre jung. Als sie dem Schriftstellerverband beitrat, war sie das jüngste Mitglied aller Zeiten. Aus ihrer Feder flossen Erzählungen, Hörspiele, Lustspiele und mundartliche Gedichte, darüber hinaus wirkte sie als Radiosprecherin. Ein heute übliches Volontariat absolvierte sie erst nach dem Krieg bei der Lüneburger Landeszeitung, deren Hamburg-Redaktion sie anschließend gründete und leitete.

78 Jahre Berufsjahre als Journalistin und Schriftstellerin

Seit mehr als 78 Jahren publiziert Ruth Geede nun auf Honorarbasis. Die Schriftstellerin, das steht inzwischen fest, ist damit die dienstälteste und wohl auch älteste aktive Journalistin Deutschlands, auf dem europäischen Kontinent und – soviel vorweg – wohl auch weltweit.

Es gibt viele hoch betagte Journalisten, die weit über die Pensionsgrenze hinaus publiziert haben oder es noch tun. Die streitbare US-Journalistin Helen Thomas etwa, die einst sogar als Präsidentin des White House Press Corps amtierte, bringt es immerhin auf 72 Jahre publizistische Tätigkeit. Mehr als 85 Berufsjahre, davon 72 als Journalistin hat auch die 104-jährige Mildred Heath geleistet. Doch sie ist, wie auch Thomas inzwischen im Ruhestand. Auf den Philippinen beeindruckt die regional einflussreiche Chefredakteurin des von ihr 1947 mitgegründeten Baguio Midland Courier, Cecile Afable, mit immerhin noch 65 Berufsjahren.

Und auch der bekannte Nahost-Experte Peter Scholl-Latour blickt auf eine rund 66-jährige publizistische Laufbahn zurück, die keineswegs abgeschlossen zu sein scheint. Beeindrucken darf zudem die Karriere der New Yorker Bildjournalistin Ruth Gruber, die 1931 mit 20 Jahren als jüngster Mensch an der Universität Köln mit einer Arbeit über Virginia Woolf ihren Doktor in Literatur machte und später mit jüdischen Emigranten die Irrfahrt der Exodus gen Palästina mit der Kamera verewigte und noch 2002 darüber ein Buch verfasste. Die Hamburger Bildjournalistin Erika Krauß (*1917), der Lissabonner Fernando Pessa (1903-2010) vom Portugiesischen Staatsrundfunk, das schwarze journalistische Urgestein Thomas Fleming, der schon 1934 über die Generalstreiks in San Franzisco berichtete (1907-2006) oder der heute primär chinesische Poesie ins Englische übersetzende Chinese Sy Yinchow (*1919) – es sind ungezählte Journalisten, die über mehr als 65 Berufsjahre die Puzzlestücke der Weltgeschichte für die Menschheit niedergeschrieben oder sie im Bild festgehalten haben.

Publizistischer Marathon zwischen Ruth Geede und „Persh“ C. Rohrer

Man weiß deshalb bei solchen über mehrere Wochen und Monate laufenden Recherchen, Telefonate und Korrespondenzen nie, ob man nicht doch einen Kollegen auf einer kleinen japanischen Insel oder bei einer überschaubaren Kommunalredaktion im australischen Outback übersehen hat. Jemand, der die Schallmauer von 78 Berufsjahren dann doch noch einmal durchbricht. Nach allen Recherchen in Europa, Asien, Afrika und auf dem amerikanischen Kontinent ist in dem publizistischen Marathon aber nur der Sportjournalist des Record Courier in Ohio (USA), Pershing C. Rohrer, knapp auf Nasenlänge mit der in Hamburg arbeitenden Ruth Geede. Auch seine publizistische Karriere begann 1934 bei einer High School Zeitung, meint Tom Nader, ein Kollege des 1918 geborenen „Persh“. Der wurde damals wohl aber noch nicht für seine Arbeit bezahlt. Er ringt heute – wie auch Ruth Geede – noch immer mit der wöchentlichen Deadline.

Geede selbst wirkt angesichts solcher Karrieren und ihres eigenen Rekordes eher irritiert als erfreut. Stolzer Blick zurück, Amtsmüdigkeit oder technische Überforderung? Weit gefehlt. Geede beherrscht die modernen Kommunikationsmittel und hat sie auch stets als Bereicherung empfunden. Allein die Internet-Netzwerke wie facebook oder twitter sieht sie als Ablenkung von der Arbeit und hat deshalb ihren Rechner vom Internet abgekoppelt. Sie hat noch viel vor. Ihre Kindheitserinnerungen stehen zur Veröffentlichung an. Das Konzept hat sie bereits im Kopf, nur die ersten Sätze wollen noch nicht so recht. Vielleicht ist es aber auch ihre Art des Wegwischens solcher Nebensächlichkeiten wie Rekorde, Alter und Lebenswerk. Doch dann huscht doch noch ein verschmitztes Lächeln über ihr Gesicht. „Na, die 100 will ich dann schon noch erreichen!“

 

Bernhard Knapstein

Bernhard Knapstein

 Der 1967 geborene Autor hat in Köln Jura, Sport und Geschichte studiert und bei der Hamburger Wochenzeitung Preußische Allgemeine Zeitung volontiert. Zwischen 2000 und 2007 hat er in Hamburg als Verbandspressesprecher gearbeitet. Bernhard Knapstein ist seit 2007 Chefredakteur des Europäischen Wirtschafts Verlages.