Josef Niedermaier: Regionale Potenziale durch Ko­­ope­rationen von Unternehmen und lokalen Akteuren

Der Landkreis Bad Tölz-Wolf­rats­hau­sen gehört zu den südlichen Regionen inner­halb der Europäischen Metro­pol­region München EMM und verfügt so­­wohl über eine starke gewerblich-indus­trielle Ba­­sis, vor allem im Bereich des gemeinsamen Mittelzentrums Ge­­rets­ried und Wolf­rats­hausen, wie auch über großes touristisches Potenzial im süd­­li­chen Kreis­ge­biet. Die starke touristische Destination „Töl­­zer Land“ mit den be­­kannten Orten Bad Tölz, Lenggries und Kochel am See trägt auch dazu bei, dass man mit Fug und Recht be­­haupten kann: „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“.

Vor diesem Hintergrund hat sich auch in unserer Region bei vielen Ent­schei­dungs­trägern in Politik und Wirtschaft inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass nur Regionen, die auch den be­­son­deren Bedürfnissen von Familien ge­­recht wer­­den, im zunehmenden Wett­bewerb um Arbeitskräfte bestehen kön­­nen. Im Land­kreis Bad Tölz-Wolf­rats­hau­sen hat sich deshalb bereits im Jahr 2005 die regi­o­na­le Standort­marke­ting­initiative Wirt­schafts­Forum Oberland, die von Kom­mu­nen, Un­­ternehmen und Wirt­schafts­ver­bän­den ge­­tra­­gen wird, in diesem Bereich engagiert und eine Be­­fragung bei den lokalen Be­­trieben durch­geführt. Auch auf der Ebene der Metro­pol­region München hat sich in diesem Jahr im Bereich Wirtschaft eine eigene Ar­­beitsgruppe zu diesem The­ma gebildet. Diese Arbeitsgruppe soll zu­­sam­men mit den Akteuren in den Regionen und der IHK für München und Ober­bay­ern das Thema Familienfreundlichkeit als Mar­kenzeichen der EMM weiterentwickeln.

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Zu altbekannten – und weiter wichtigen – Standortfaktoren für Ge­­wer­be­an­sied­lungen, wie Verkehrsinfrastruktur, Preis­niveau der Gewerbegrundstücke, Qua­li­fi­kationsniveau der Arbeitskräfte vor Ort und vielen mehr, rückt die Attraktivität einer Region für Familien seit einiger Zeit immer mehr in den Fokus der Ent­schei­dungsträger. Hochqualifizierte Men­schen, die für den wirtschaftlichen Er­folg eines Unternehmens von großer Be­­deu­tung sind, sind heute flexibel und mo­­bil und achten bei der Entscheidung für einen neuen Arbeitgeber und damit meist auch einen neuen Wohnort auf die At­­trak­ti­vität des Umfelds. Leben diese gut aus­­gebildeten Frauen und Männer in einer Familie mit Kindern, ist deshalb oft aus­­schlaggebend, ob ausreichend Kin­der­be­treuungsplätze, Frei­zeit­mög­lich­keiten oder aktive Sport-Vereine am neuen Wohn­ort vorhanden sind. Des­halb müssen Kommunen und Un­­ter­neh­men im eigenen Interesse mithelfen, das Umfeld so zu gestalten, dass die Re­­gion für gut ausgebildete junge Familien attraktiv ist.
Gerade für Städte und Ge­­meinden ist es von existenzieller Be­­deu­­tung, dass Unternehmen am Standort bleiben und neue Betriebe sich ansie­deln, denn nur wo Arbeitsplätze vor­han­den sind, wird die junge Bevölkerung auch nicht ab­­wan­dern und bestenfalls ziehen junge Familien in die Region. Die Fol­gen für Kommunen, die von großen Ab­­wan­de­rungs­tendenzen betroffen sind, kann man in vielen Regionen in Deutschland bereits deutlich sehen.

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Das WirtschaftsForum Oberland hat des­­halb die Situation im Landkreis Bad Tölz-­Wolfratshausen genauer analysieren las­­sen, indem beim Prognos Institut eine regionale Auswertung des Familienatlas 2007 in Auftrag gegeben wurde. Par­al­lel dazu wurde in Kooperation mit den lokalen Wirtschaftsverbänden eine On­­line-Fragebogenaktion initiiert, zu der mehr als 500 qualifizierte Rückmeldun­gen ein­gingen. Die Aus­wer­tung der Ana­­lyse und der Befragung zeigt folgende Er­­geb­nis­­se: Das Oberland hat gute Start­vor­aus­set­zungen, man identifiziert sich stark mit der Region und die so genannten weichen Stand­ort­faktoren werden positiv be­­wer­­tet. De­­fizite wurden jedoch bezüglich Ge­­stal­tung der Ar­­beits­zeiten und der Be­­treu­­ungs­mög­lichkeiten, vor allem für Kin­­der un­­ter drei Jahren, auf­­ge­zeigt. Den Eltern wä­­ren da­­bei be­­son­ders flexible Ar­­beits­zeiten und eine funktionie­ren­de Fe­­ri­en­­­be­­treuung wich­tig, um eine bes­­sere Ver­ein­barkeit von Fa­­milie und Be­­ruf zu er­­­reichen.

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Auf Grundlage dieser Ergebnisse sind die Un­­ternehmen, Kom­mu­nen und Ver­­bän­de deshalb übereingekommen, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten und Zuständigkeiten sei­­nen Beitrag zu dieser gesamt­gesell­schaft­lichen Auf­ga­­be leisten soll und muss. So sind zwi­schen­zeitlich bereits erste Ko­­ope­ra­tio­nen von Unternehmen und Kommunen im Be­­reich Kin­der­be­treuung entstanden und werden weiter ausgebaut. Das Wirt­schafts­For­um Ober­land, das auch Mit­glied im Un­­ter­neh­mensnetzwerk „Er­­folgs­faktor Familie“ des Bun­des­fa­mi­lien­ministeriums ist, bil­det dabei eine In­­for­mationsplattform für die Unternehmen. Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, das Wirt­schafts­Fo­­rum Oberland und alle Akteure der Re­­gion sehen dies als Mög­lichkeit, das Ober­land im Wettbewerb der Regionen noch wei­ter voranzubringen.

Foto-NiedermaierLandrat Josef Niedermaier wurde 1963 in München geboren. Nach Abitur, Bä­­cker­lehre und Meisterprüfung hat er den Fa­­mi­lienbetrieb in Bad Tölz übernommen und ausgebaut. Ab 1996 war er Stadtrat in Bad Tölz, ab 1999 drit­ter und seit 20. Mai 2000 erster Bür­ger­meister. Zum 1. Mai 2008 übernahm er das Amt des Land­rats des Landkreises Bad Tölz-Wolfrats­hausen.