John Lewis: Darmstadt und die Luft- und Raumfahrt

Darmstadt hatte schon immer eine beson­­dere Beziehung zur Luft- und Raum­­fahrt. Im Jahr 1908 gründete August Euler die Euler-Flug­maschinenwerke in der Nähe von Darmstadt, die erste deutsche Fabrik für motorbetriebene Flugzeuge. Im selben Jahr ließ er den ersten deutschen Flug­­platz auf dem Truppenübungsplatz in Griesheim bauen. Euler war der erste Deutsche, der 1910 die offiziell und inter­­na­­tional anerkannte Pilotenprüfung bestand. Im Februar desselben Jahres war er im Besitz des ersten deutschen Piloten­scheins. Auf seine Initiative hin fand 1912 der erste amtliche Postflug zwischen Frankfurt am Main und Darmstadt statt.

Etwa 60 Jahre später, 1967, wurde das European Space Operations Centre (ESOC) in Darmstadt offiziell eingeweiht, um die European Space Research Organisation, heute bekannt als European Space Agency (ESA), mit der Steuerung von Satelliten zu unterstützen. Das ESOC nahm seine Arbeit ein Jahrzehnt nach dem Beginn des Weltraumzeitalters auf – begründet durch den ersten, von der Sowjetunion 1957 ins All gebrachten, künstlichen Satel­­liten Sputnik 1. Die Meldung von Sputnik wurde als die Erfüllung eines Traums gefeiert, der erste vorsichtige Schritt der Menschheit in den Kosmos.

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Was als Traum von Pionieren begann, ist heute, sowohl in der Luft- als auch in der Raumfahrt, ein Eckpfeiler der modernen Gesellschaft. Flugreisen sind nicht länger nur Reichen vorbehalten, sie haben unsere Lebens- und Arbeitsweise revolutioniert. Obwohl Raumsonden weiterhin unser Uni­­versum erkunden, sind Satelliten auch zu einem wichtigen Bestandteil unserer Infrastruktur geworden, die Tele­kommuni­­kation, Wettervorhersage und Klima­über­­wachung sowie Navigation unterstützt.

Das ESOC, als forschungsorientierte Ein­­richtung, hatte eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Satellitentechnologie in Europa. Ihre technologische Ausgereift­heit führt zur Gründung von neuen Organi­­sationen, die den Betrieb übernehmen. Eine solche ist EUMETSAT, welche Europas Wettersatelliten betreibt. EUMETSAT liefert Satellitendaten, -bilder und -produkte – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr – an die nationalen Wetterdienste seiner Mit­glieder- und kooperierenden Staaten in Europa sowie an Nutzer weltweit. Mit der Gründung von EUMETSAT im Jahr 1986 wurde Darmstadt eine der weltweit wenigen Städte mit zwei vollständig getrennten Kontrollzentren – und damit zu einer „Space City“.

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Darmstadt wurde zu einer Brutstätte für Unternehmen, die aus der Satelliten­tech­­nologie schöpfen, Arbeitsplätze in der Um­­gebung schaffen und das Ansehen des Inno­­vations­­stand­­orts entwickeln.
Dies trägt dazu bei, die besten Leute für ebendiese Arbeits­plätze zu gewinnen. Satellitenbasierte Tele­kom­­muni­ka­­tion ist ein gedeihender Wirt­schafts­­zweig und Darmstadt das Zu­­hause einer Viel­­zahl von Unternehmen der Branche, von großen Marktführern bis hin zu kleinen Unternehmen, die spe­­zielle Nischen bedienen.

In der Satellitennavigation und Erd­beo­­b­­achtung werden immer mehr Unter­­neh­­men in und um Darmstadt gegründet, um am wachsenden Markt teilzuhaben. Erd­­beobachtungssatelliten versorgen uns mit immer besseren Bildern unseres Planeten und Informationen über unsere Umwelt, um eine große Bandbreite an Anwen­dungen zu unterstützen. Und während Europa sich darauf vorbereitet, seine eigene Satelliten­­navigations­konstel­lation ins All zu befördern, entwickelt eine Viel­­zahl von etablierten Unternehmen und Start-ups Dienste, die auf dem existierenden GPS- und EGNOS-System basieren.

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Aus dem Weltraum wieder in der Luft: Darmstadt ist weniger als zwanzig Minu­­ten von einem der weltweit wichtigsten Flughäfen entfernt. Der Frankfurter Flug­­hafen ist der Hauptsitz der Star Alliance und wird von zahlreichen internationalen Fluggesellschaften angeflogen. Über 120 Fluggesellschaften unternehmen pro Woche etwa 4.650 Direktflüge zu 300 Zielen in über 100 Ländern. 150.000 Pas­­sagiere strömen täglich durch den Frank­­furter Flughafen. Über 160 ICE-Züge pro Tag gewährleisten Direktanschlüsse nach und von Frankfurt. Neben seiner Bedeu­­tung als Passagierflughafen ist er auch Europas zweitgrößtes Dreh­kreuz für Luft­­fracht. Da der Luftfahrtsektor weiterhin wächst, steht die Flugverkehrs­­kontrolle vor großen Heraus­forderungen. Die DFS Deutsche Flugsicherung GmbH ist für die Flugverkehrsüberwachung in Deutschland verantwortlich.
Die DFS beschäftigt rund 6.000 Mit­­arbeiter, die Mehrheit davon in Langen, nördlich von Darmstadt. Die Flug­ver­kehrs­­kontrolle muss sich den technologischen Fortschritt zunutze machen, um Themen wie Sicherheit und Umwelt­­­­einflüsse zu bewältigen.

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Satelliten bieten einen Großteil der Lösungen zu Herausforderungen in der Luftfahrt. Satellitennavigation wird es Luftfahrzeugen ermöglichen, flexiblere Routen zu fliegen, Treibstoff zu sparen, Kosten und Verschmutzung zu reduzieren und akzeptablere Lärmbelastungs­­­grenzen zu schaffen. Genauere Wetter­­prognosen werden die Flugsicherheit und -planung verbessern. Satelliten­kommunikation wird ebenfalls zur Flug­­sicherheit beitragen, womit sie gleichzeitig Passagieren mehr Komfort bieten wird. Aus zwei Gründen ist Darmstadt dazu prädestiniert, seine starke Ver­­bindung zur Luft- und Raumfahrt fort­­zusetzen: Erstens unterstützen seine Uni­­versitäten und Forschungsein­rich­tungen die Art von Innovation, die für diesen Industriezweig nötig ist. Die Netzwerke und Beziehungen mit der lokalen In­­dus­­trie sind stark und verbessern sich stets. Im Herzen Europas, zwischen dem Rhein, Main und Neckar, mit schönen Wäldern im Süden und Westen gelegen und eine kurze Zug­­fahrt von Frankfurt oder Heidel­­berg entfernt, bietet Darmstadt zweitens genau die Lebensqualität, um Menschen, die die Industrie voranbringen, dazu zu bewegen zu kommen und zu bleiben.

Luftfahrzeuge und Satelliten – sie fas­­zinieren und inspirieren nach wie vor Menschen jeden Alters. Aber was die Pioniere im letzten Jahrhundert begonnen haben, ist nun integraler Bestandteil unseres täglichen Lebens. Darmstadt war von Beginn an dabei und wird weiterhin eine führende Rolle spielen.

JCL-PictureDer Autor ist seit 1991 Geschäftsführer der VEGA Space GmbH. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Physik sowie ein Diplom im Bereich Marketing absolviert. Seit seiner ersten Tätigkeit beim European Space Operations Centre (ESOC) im Jahr 1976 arbeitet er in der Luft- und Raumfahrt­branche. John Lewis ist Mitglied des Standort­marketing­­ausschusses der IHK Darmstadt und ver­­antwortet dort die Luft- und Raum­­fahrt-Akti­­vitäten der Region.