John Dew: Darmstadt schreibt Theatergeschichte

Gibt es einen Betrieb mit über 500 Mitarbeitern aus circa 35 Ländern in einer Stadt mit nur 142.000 Ein­wohnern? Ja, das gibt es! Das Staatstheater Darmstadt ist ein solches Unikum.


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Wie kommt es dazu? Ich denke, das hängt mit dem inter­nationalen Ruf der Darmstädter Kultur zusammen. Für die Kenner der Theatergeschichte ist Darmstadt von besonderem Interesse. Seit 300 Jahren besteht hier die Tradition eines festen Theaterbetriebs. Mehr­fach wurde hier Theatergeschichte geschrieben. Im 19. Jahrhundert war zum Beispiel das größte Ballett Deutschlands in Darmstadt zu finden und während der Weimarer Republik war hier eine der aufregendsten Bühnen in Europa. Nach dem Zweiten Weltkrieg blühte dank der großen Unterstützung der Darmstädter Bürger und des Landes Hessen das Theaterleben wieder auf.
Künstler aus den verschiedensten Kulturkreisen werden nach Darmstadt gezogen, um in die große Tradition dieses Theaters zu treten. Dabei staunen Besucher oft über die Harmonie, die entsteht, wenn Menschen aus so vielen Kulturen und Ländern zusammen arbeiten. Man würde denken, dass allein die Kommunikation dabei eine nicht zu überwindende Hürde darstellt. Dem ist nicht so, und ich denke auch, dass Sprache allein nie zu einer solchen Hürde werden kann. So wechseln viele Mitarbeiter mit Leichtigkeit zwischen Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch oder Russisch.

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Angesichts eines solch interkulturellen Miteinanders frage ich mich immer, was „Leitkultur“ sein soll. Hier in Darmstadt spielen wir Stücke aus vielen verschiedenen Ländern und haben keine Schwierigkeiten, uns dennoch mit der deutschen Kulturtradition zu identifizieren.
Ich glaube, dass erst das Zusammenschmelzen der ver­schiedenen Einflüsse durch die Mitarbeiter des Theaters mit der Verwurzelung in der deutschen Kultur es uns ermöglicht, neue Richtungen des Theaters entstehen zu lassen. Für mich ist Tradition wie ein Baum – man muss die Wurzeln pflegen, um Früchte zu ernten. Ich sehe hier übrigens ein großes Problem in unserem Schulsystem, das eben diese Wurzeln vernachlässigt. Kultur ist Geschichte und ohne gelernt zu haben, woher wir kommen, können wir nicht wissen, warum wir hier sind oder wohin wir gehen möchten.


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Wenn auch im Zuge der Veränderung nach der 1968er Bewegung die Einheit zwischen Künstler und Publikum zu zerbrechen schien, ist es mein Ziel, gerade diese Brücke wieder aufzubauen. Den Erfolg die­­ses Versuchs kann man an der steigenden Anzahl unserer Besucher ablesen.
So sind wir jetzt in die glückliche Lage versetzt worden, den höchsten Stand an Besuchern seit 1989 zu verzeichnen. Auch der enorme Anstieg an Jugend­lichen und Studierenden, die das Theater in den letzten Jahren besucht haben, zeigt, dass die viel beschworene demografische Schieflage unserer Gesellschaft nicht zum Tod des Theaters führt. Im Gegenteil, so lange die Kunst schöpferisch bleibt, wird sie immer ein Publikum finden.

Neues-BildJohn Dew, geboren 1944 auf Kuba, wuchs in New York auf und studierte dort Kunstgeschichte und Bühnenbild. Von 1982 bis 1995 war Dew Ober­­spiel­­leiter der Oper am Stadttheater Bielefeld. Er hatte Inszenie­­rungen in Berlin, Hamburg, Leipzig, Zürich, Köln, Düsseldorf, Stuttgart, Karlsruhe, Paris, Prag, London, Madrid, Houston, Taipeh, Salzburg und Wien. Von 1995 bis 2001 war der Autor Generalintendant des Theaters Dortmund. Seit der Spielzeit 2004/2005 ist er Intendant des Staatstheaters Darmstadt. Bisherige Ins­ze­nierungen in Darmstadt: „Oedipus der Tyrann“, „Antigonae“, „Apollo et Hyacinthus/Die Schuldigkeit des Ersten Gebots“, „Die Kluge“, „Parsifal“, „La Juive“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Turandot“, „Katja Kabanowa“, „Gisei – Das Opfer/De temporum fine comoedia“, „Anatevka“, „Fidelio“ und andere.