Johano Strasser: Das P.E.N.-Zentrum Deutschland – Anwalt für das freie Wort

Der deutsche P.E.N., der seit 1951 seine Geschäftsstelle in Darmstadt hat, gehört zu den aktivsten der 140 welt­­weit existierenden P.E.N.-Zentren. Die im P.E.N. zusammengeschlossenen Autoren sind laut ihrer Charta verpflichtet, jederzeit für die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung einzutreten, und zwar nicht nur im eigenen Land, sondern weltweit. In seinem Writers-in-Prison-Programm setzt sich das deutsche P.E.N.-Zentrum für verfolgte Schriftsteller, Journalisten und Verleger und ihre Angehörigen ein, versucht mit ihnen Kontakt aufzunehmen und die Öffentlichkeit über ihr Schicksal zu informieren. Zudem organisiert das Zentrum zusammen mit anderen Menschenrechts­organisationen öffentliche Kampagnen oder nutzt diplo­­matische Kanäle, um drang­salierten, inhaftierten, gefolterten und mit dem Tod bedrohten Kollegen zu helfen und sie nach Möglichkeit dem Zugriff ihrer Häscher zu entziehen.

Aber gerade wenn diese Arbeit erfolgreich ist und verfolgte Schriftsteller ihren Verfolgern nach Deutschland entkommen können, stellt sich ein neues Problem: Wie können die bei uns im Exil lebenden Autoren als Schrift­steller überleben? Aus diesem Grund hat der deutsche P.E.N. im Jahr 1999 mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung ein Writers-in-Exile-Programm ins Leben gerufen. In zunächst sechs Städten wurden Wohnungen für Exilschriftsteller eingerichtet. Die ausländischen Kollegen, die in diesem Programm Aufnahme finden, erhalten aus einem beim Staatsminister für Kultur und Medien angesiedelten Etat ein Stipendium. Dieses ist auf maximal drei Jahre befristet.

Die Wohnung wird manchmal von der gastgebenden Gemeinde, manchmal ebenfalls aus dem Writers-in-Exile-Programm bezahlt. Zudem helfen die Geschäftsstelle des P.E.N. in Darmstadt und freiwillige Helfer aus den Reihen der P.E.N.-Mitglieder oder des P.E.N.-Freundeskreises den Stipendiaten bei den vielfältigen Problemen des Alltags. Sie stellen Kontakte zu Verlagen, Übersetzern und Redaktionen her, organisieren für sie Lesungen und Diskussionsveranstaltungen.

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Inzwischen ist das Programm um einen siebten Stipendien­platz erweitert worden. Darüber hinaus sind einige Städte aus eigener Initiative dem Vorbild des P.E.N. gefolgt, so auch Darmstadt mit dem Elsbeth-Wolffheim-Stipendium. Die Zusammenarbeit des P.E.N. mit der Stadt Darmstadt und ihren kulturellen Einrichtungen ist seit den Anfängen in den 50er Jahren bis heute vorbildlich. Das zeigt sich an der organisatorischen und finanziellen Unterstützung durch die Stadt für die Arbeit des P.E.N. genauso wie bei gemeinsamen Veranstaltungen wie der jährlichen Verleihung des Kesten-Preises im Karolinensaal oder, seit letztem Jahr, im Staatstheater.

Die Arbeit für verfolgte Schriftsteller ist mühsam und zuweilen auch frustrierend. Dennoch: Jeder, der sich dieser Aufgabe widmet, kann an sich selbst erfahren, welch ein persönlicher Gewinn und welch ein Glück es ist, an einer Sache mitzuwirken, die so unbezweifelbar sinnvoll ist. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass auch wir davon profitieren, wenn überall auf der Welt sich kulturelle Energien frei entfalten und ausdrücken können. Wir leben längst in einer globalen Gemeinschaft, in der das Denken und Handeln von Menschen aller Kulturen und Kontinente miteinander in enger Wechselwirkung steht. Wo immer das freie Wort, die Kunst, die Kultur unterdrückt wird, da sind auch wir betroffen, weil dadurch unser Erfahrungsraum eingeengt, unsere menschlichen Möglichkeiten beschnitten werden.

Schließlich – und das ist vielleicht das Wichtigste – tragen wir auch dazu bei, Frieden, Zivilität, die politische Kultur der Demokratie in unserem eigenen Land zu sichern, wenn wir für die Verfolgten und in ihrer Würde Verletzten in anderen Ländern eintreten. Wir, die wir das Glück haben, in einer Demokratie zu leben, müssen daran interessiert sein, dass Toleranz und Respekt vor den Menschenrechten sich möglichst überall ausbreiten, weil damit auch für uns und unsere Kinder die Chancen wachsen, auf Dauer in Frieden und Freiheit leben zu können.

P.E.N._vonBrill_11Johano Strasser wurde 1939 in Leeuwarden (Niederlande) geboren. Er promovierte 1967 in Philosophie. Im Jahr 1977 habilitierte er in Politikwissenschaft an der FU Berlin. Der Autor war Redakteur und Mitherausgeber der politisch-literarischen Zeitschrift „L‘80“ und ist seit 1983 freier Schriftsteller. Ab 1995 war er zunächst Generalsekretär des westdeutschen, dann des gesamtdeutschen P.E.N. Seit 2002 ist Johano Strasser Präsident des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher, Romane, Hörspiele, Theaterstücke und Gedichte.