Johannes Milla: Hauptstadt für Kommunikation und multimediale Gestaltung im Raum

Munter wetteifern deutsche Städte um Ranglistenplätze. Die deutsche Wer­­be­metropole ist Hamburg, auch wenn das den Düsseldorfern wehtut. Die Haupt­stadt des deutschen Ki­­no­films ist Mün­chen. Standort Nr. 1 in den Pro­­duk­tions­mühlen des Privat­fern­se­hens ist Köln. Doch eines ist klar: Die deut­­sche Haupt­stadt für Kom­­mu­ni­ka­tion im Raum ist Stutt­­gart. Dass sich die Stuttgarter selbst dazu meist in pu­­ritanischer Zu­­rück­­haltung äußern, kann über die ge­­ballte Kompetenz kaum mehr hinwegtäuschen. Nirgendwo sonst wird so viel an der Gestaltung von Science-Centern, Museen, Marken-Erleb­­nis­wel­ten, tempo­­rären und permanenten Aus­­­stellungen gearbeitet wie hier.


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Fruchtbare Allianzen
Wie kommt das? Ganz einfach: Stutt­gart ist kein Hot Spot einer einzelnen Disziplin. Hier existiert vielmehr ein le­­ben­diges Geflecht aus Kreato­­ren ver­­schiedenster Fachrichtungen, hier gibt es vielzählige Quer­ver­bin­­dun­gen von der Marken­kom­mu­nika­tion zu ihren schöpferischen Nach­bar­disziplinen, ins­­be­son­dere zur Ar­­chitektur sowie zu De­­sign und Digi­tal­­technik. In Stuttgart sind Wer­ber, Ar­­chitekten, Kommu­ni­ka­tions­­­de­signer, Multimedia- und Film­künst­ler zu Hau­se, die nicht nur ihr Hand­­werk verstehen, sondern auch wil­­lens sind, ihr Können und Wissen mit an­­deren zu teilen, um etwas zu bewegen. Nicht zu vergessen sind die Büh­nen­bildner, die mit ihrer her­vorragenden Arbeit dazu beitragen, dass das Opern- und Schauspielhaus seit 30 Jah­­ren zu den drei führenden Spiel­plät­zen seines Genres gehört. In Stutt­gart wer­­den Raumkonzepte und Szeno­grafie mit Design- und Multimedia-In­stal­la­tio­nen verbunden wie sonst in keiner Stadt Deutschlands.

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Architekten, die Grenzen überschreiten
Besonders fruchtbar ist die Zusam­men­­­arbeit zwischen Gestaltern von Mar­ken­­­kommunikation und Archi­­tek­­tur. Kein Wun­der, denn in puncto Ar­­chitektur kann Stuttgart mit einigen Pfunden wu­­chern. Die Südwest-Me­­tropole ist einer der bes­ten Orte für die Ausbildung von Bau­meis­tern. Gün­­ter Behnisch hat sich mit sei­nen Bau­­ten nicht nur in die Annalen der bun­­desdeutschen Architek­­tur­­ge­schich­te eingeschrieben, etwa mit seinen Ent­­wür­fen für die Olym­pia­bauten in Mün­­chen (1972). Der heute 86-Jäh­­rige begreift Ar­­chitektur immer auch als Kom­mu­ni­ka­tionsaufgabe. Die Stutt­­garter Archi­tek­­ten- und Kommuni­ka­­tions­szene hat er tief geprägt. Am Ins­­titut für leichte Flä­chen­tragwerke der Universität Stutt­­gart lehren beziehungs­­weise lehrten Frei Otto, Jörg Schlaich und Werner Sobek.
Ihre luf­tigen, spektakulären Kon­struk­tio­­nen aus Stahlseilen und Glas machten un­­zäh­li­ge repräsentative und kommunizierende Gebäude, wie das Olym­pia­zeltdach in Mün­chen oder den Lehrter Bahnhof in Berlin, erst möglich.
Die Grenze zwischen Architektur und räumlichem Kommunikationsdesign ist in Stuttgart besonders durchlässig. Auf der Suche nach neuen Arbeitsfel­dern jenseits von Wohn- und Büro­kom­plexen wagt so manches Architek­tur­büro den Schritt in eine Markenwelt oder auf das Parkett der Messekom­mu­­nikation. Be­­sonders erfolgreiche Bei­spiele sind die branchenprägenden Ar­­beiten von Kauff­­­mann Theilig & Partner (Mercedes-Benz) oder Wulf & Partner (adidas Fac­tory Out­let in Herzogen­au­rach). Auch bei dem knapp einen Kilo­meter langen Dach am Shanghaier Expo-Eingang, das mit elegant gespannten Membra­nen und Glas­­konstruktionen die Haupt­achse über­spannt, legten Stuttgarter Hand an, die Ingenieure Jan Knippers und Thorsten Helbig.


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Kommunikationsexperten und Designer, die in drei Dimensionen denken
Die Landschaft der Kommunikations­ex­perten und Designer, die von Stutt­gart aus innovative Marken- und Erleb­nis­räu­me entwickeln, sucht ihresgleichen, so­­wohl was die Quantität als auch was die Qualität angeht. Da gibt es zum Einen eine ganze Reihe von bundesweit agieren­den Ausstellungs­ge­stal­tern. Da­­zu zäh­­­len Hans-Günter Merz und sein Bü­­ro, das die Ausstellung für das Mer­cedes-Benz Mu­­seum in Stutt­gart (Er­­öffnung 2006) und das Porsche-Mu­seum in Zuf­fenhausen (Eröffnung Ende 2008) entwickelt hat, das Atelier Brück­ner, das das BMW-Mu­seum in Mün­chen neu gestaltete, und wir Szeno­grafen von Milla & Part­ner, die wir für das In­­nen­leben der deut­schen Expo-Pa­vil­lons in Shanghai 2010, Hannover 2000 und Lissabon 1998 verantwortlich sind, so­­wie für die Aus­stel­lungs­ge­stal­tung der Welt von Steiff, des Sie­­mens-Museums in München und des mit 40.000 Qua­dratmetern Ausstel­lungs­­­flä­che größten temporären Science-Cen­ters der Welt, des IdeenParks von Thys­sen­Krupp 2008. Auch die Kol­le­gen von Totems (Deut­scher Pavillon Zara­goza 2008) und die sehr räumlich den­kenden De­­sig­­ner von jangled nerves und design hoch drei haben ihre Claims am Neckar ab­­ge­steckt. Junge Büros wie space4 und Liga­Nova komplettieren die Szene. Schät­­zungsweise 50 Prozent der deutschen Produktivkraft für Kom­mu­ni­kation im Raum dürften in Stuttgart sitzen.

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Kooperationsmöglichkeiten, die weiter­­führen
Neben dem geballten Know-how für räum­­­­­­­­liche Kommunikation können sich hier ansässige Agenturen über eine feinteilig gewachsene Struktur verschie­­dens­­ter kre­a­tiver Dienstleister freuen. Wer­be­­ma­cher, Kommuni­ka­tions­exper­ten, Raum-­ oder Multimedia-Ge­stalter – wer auch im­­mer bei einem Projekt die Zü­­gel in der Hand hält, kann in Stuttgart leicht die passenden Partner für die Reali­sie­rung seiner Vorhaben finden: von Szeno­grafen und Designern bis hin zu Gra­fi­kern, Multi­media-Spe­zia­lis­ten und Tech­­nikern, alles auf internationalem Niveau.

Echte Koryphäen beheimatet Stuttgart im Bereich Kommunikationsdesign. Zum Beispiel den wunderbaren 85 Jahre jun­­gen „Typografiepapst“ Kurt Weide­mann, aus dessen Feder die Schriften von Mercedes-Benz sowie das DB-Logo kom­men. Aus seiner Enkelgeneration sind in der ganzen Republik bekannt und tä­­tig: Büro Uebele und Strichpunkt De­­sign. Konstant unter den Top Ten der eu­­ro­päischen Designbüros, gehört Strich­­punkt zu den meistausgezeichneten Kre­ativagenturen weltweit.


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Multimedia-Know-how, das inspiriert
Aus dem Vollen schöpfen können Kom­mu­­­ni­kationsagenturen in Stuttgart, wenn es um die multimediale Reali­sie­rung ih­­rer Visionen geht. Hier in der Region gibt es mehr Experten für digitale Kom­mu­nikation und Mediengestaltung als anderenorts. Das liegt nicht nur an der großen Dichte potenter Auftrag­ge­ber. Auch re­­nommierte Talent­schmie­den sorgen für gehobenes Niveau, et­­wa die Hoch­­schule der Medien und die Merz-Akademie in Stuttgart, die Film­akademie in Lud­wigs­burg und die Hoch­­schule für Gestaltung in Karlsruhe. Aus der Kunst­akademie ist eine Trick­filmszene hervorgegangen, in der sich etliche Un­­ter­neh­men formiert haben. Inspi­ra­tionshighlight und Anlass des internationalen Aus­tausches ist das Internationale Trickfilm-Festival Stutt­gart (ITFS), das zweitgrößte Anima­tions­­­film­festival weltweit mit rund 500 herausragenden Wettbewerbsfil­men.

Als Gestalter von Begegnungsräumen ist für uns die Durchlässigkeit der Dis­ziplinengrenzen erfolgsentscheidend. Denn auf kaum einem anderen Gebiet der Kommunikation gibt es so viele span­­nende Überschneidungen zu anderen Fachgebieten. In Stuttgart finden wir, dank der hohen Konzentration kreativer Kräfte, nicht nur für jede Arbeit pas­sen­de Partner von internationalem Ni­­veau. In Stuttgart gehört diese Durch­­läs­­­sigkeit der Disziplinengrenzen ge­­nau­so zur Stadt­kultur wie die Mehr­di­men­sio­na­li­tät in den Köpfen. Viel­leicht ist es die in Deutschland einmalige Topo­grafie, die dafür sorgt, dass sich das räum­liche Denken hier von Kindes­bei­nen an entwickelt: Wer auf, an oder am Fuße eines der sieben Hügel Stutt­garts lebt, lebt „Kom­mu­nikation im Raum“.

Johannes-MillaDer 1961 geborene Autor hat in Mün­chen Theaterwissen­schaften, Psycho­lin­guis­tik und Turkologie studiert. Nach frei­­en Tä­­­­­­­tig­­keiten für Thea­ter, Mo­­de­­­schau­en und Produkt­shows kam Jo­­han­nes Milla zur angewandten Seite von Kre­­a­­tion: Seit 1989 ist er Ge­­schäfts­­füh­rer und Mit­in­haber von Milla & Part­­ner. Im Jahr 2002 nahm er eine Gast­pro­­fessur für Szeno­graphie an der Hoch­­schu­le für Gestal­tung wahr.