Johann Michael Möller: Halle an der Saale – Radio-City in Mitteldeutschland

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) ist ein Kind der Einheit. Er entstand nach der Wende wieder dort, wo die Mittel­­deutsche Rundfunk AG, die Mirag, 1924 ihren Sendebetrieb aufgenommen hatte, in Leipzig. Als Dreiländeranstalt war der neue MDR jedoch von Anfang an regional aufgestellt mit einem Land­es­­funk­­haus in jeder Landeshauptstadt seines Sendegebiets: in Dresden, Magde­­burg und Erfurt. Schon am 27. April 1992, wenige Wochen nach dem Sende­­start des MDR, beschloss der Rund­­funk­rat zudem, dass der Hörfunk mit seinen zentralen Pro­­gram­­men von Leipzig nach Halle umziehen sollte.
Auch Halle besaß damals schon eine eigene Rund­­funk­­tradition. Dort gab es in den zwanziger Jahren bereits eine „Be­­sprech­­ungs­­stelle“ der Mirag, wie man damals die Studios ohne eigene Sen­de­­mög­­lich­­­­keiten nannte. Diese Be­­spre­­­ch­­ungs­­­­­­stelle lag mitten in der Stadt im La­­den­­ge­­schäft der Pianoforte-Fabrik C. Rich. Ritter im alten Rathaus am Markt­­platz.
Nach dem Krieg wurde Halle auf Befehl der sowjetischen Militäradministration zum Sitz des Landessenders Sachsen-Anhalt. Als erstes Funkhaus diente das ehemalige Herrenhaus des Gutes Gimritz auf der Peißnitz. Dort begann im De­­zem­­ber 1946 der Probebetrieb. Zum Bezirksstudio degradiert, zog der Hör­­funk in Halle 1964 dann an den Waisen­­hausring, wo bis zur Wende auch das Studio Halle des DDR-Fernsehens residierte und 1993 das Jugendradio MDR Sputnik einzog.
1996 wurde an der sogenannten Spitze der Grundstein für die neue Hör­­funk­­zen­­trale des MDR gelegt. Am 25. Sep­­tember 1999 war dann die Einweihung. Im Jubiläumsjahr 2009 ist das Radio des MDR also genau zehn Jahre in Halle.


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Während Leipzig zur Fernsehstadt des MDR wurde, ist Halle heute die Hör­­funk­­stadt des Senders.
Der Umzug des Hörfunks war eine der Voraussetzungen für die Landes­­re­­gie­­r­ung Sachsen-Anhalts, um Halle zum Me­­­­­dien­­standort entwickeln zu können.
Heute besitzt die Stadt ein klares Profil: Halle ist die Stadt des Klangs, des Tons, des Hörens – mit hochwertigsten Post­­pro­­duktionen für Holly­­wood, die dort realisiert werden.
Entsprechend hoch sind die Er­­war­­tun­­gen an den MDR und die Impulswirkung der Hörfunkzentrale, in der die zentralen Radiovollprogramme des MDR produziert werden. So betont der Kultur­­wirt­­schaftsbericht Sachsen-Anhalts von 2006 wiederholt die Stand­ort­­be­­deu­­tung der Senderansiedelung für die ge­­samte Medienbranche, beklagt jedoch gleichzeitig die „mangelnden Synergien mit anderen Elementen der halleschen Medienwirtschaft“.
Das ist nicht verwunderlich. Denn man darf die Standortauswirkung des alten analogen UKW-Radios nicht überschätzen. Anders als das Fernsehen, das heute stark von Fremdproduktionen bestimmt ist, wird Hörfunk immer noch vorwiegend im eigenen Haus produziert, von eigenen Redaktionen mit eigenen Ton- und Sendeingenieuren und eigener Studio­­tech­­nik. Nur die Übertra­­gungs­­technik ist teilweise ausgelagert oder wird von Fremd­­­­firmen gestellt.

Kooperationen mit anderen Bereichen der Medienwirtschaft bestimmen daher nicht den Regelbetrieb des Radios.­­

Das könnte sich in Zukunft ändern. Schon heute kooperiert der Hörfunk des MDR bei digitalen Entwicklungen mit Part­­nern aus Halle. Die Kom­mu­­ni­­kations­­platt­­­­for­­men von Sputnik und Jump sind führend in der ARD. Ent­­standen sind sie in enger Zu­­sam­­men­­ar­­beit mit den In­­for­­ma­­tikern der Uni­­ver­­sität Halle.

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Dennoch: Die eigentliche Bedeutung des MDR für Sachsen-Anhalt liegt in der Tatsache, dass Magdeburg und Halle Standorte einer großen überregionalen Medieneinrichtung geworden sind – und damit teilhaben an einem großen europäischen Sen­­der­­verbund.

In Halle werden heute fünf zentrale Voll­­programme des MDR produziert und sie bedienen die Themenfelder Ju­­gend, Information und Kultur. Das Jugend­­kul­­tur­­radio Sputnik und die Pop-­­Welle Jump bilden die Brücke des Sen­­ders zu den jungen Zielgruppen.
MDR Info bedeutet regionale wie überregionale Nachrichtenkompetenz und ei­­ge­­ne journalistische Deu­tungs­­ho­­heit. Das Kulturradio MDR Figaro versteht sich als Medium der mitteldeutschen Kultur­­ein­­richtungen und als Sachwalter eines außergewöhnlich reichen Kultur­­er­­bes. Es will der mitteldeutschen Kultur­­land­­schaft auch überregional Gesicht und Stimme verleihen, was dem genuin öf­­fent­­lich-rechtlichen Auftrag entspricht. Das DAB-Pilotprogramm MDR Klassik wid­­met sich nicht zuletzt der einzigarti­­gen Musiktradition Mittel­­deut­­sch­­lands.
Alle zentralen Hörfunkwellen haben ei­­nen föderalen Programmauftrag. Die Rolle als Landessender nimmt vor allem MDR1- Ra­­dio Sachsen-Anhalt wahr, das im Lan­­des­­funkhaus in Magdeburg produziert wird, aber über ein Regional­­stu­­dio in Halle verfügt.
Die Standortverantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird im Kul­­turbereich besonders deutlich. Der MDR ist Kulturvermittler, aber auch Kul­­tur­­veranstalter. Er muss diese Rolle heute auch in der digitalen Welt des Internets wahrnehmen können.


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Neben dem öffentlich-rechtlichen Rund­­funk ist Halle Sitz von vier kommerziellen Radioprogrammen, 89,0 RTL, Ra­­dio Brocken, dem Regional­­studio von Radio SAW und dem Lokal­­sender Radio Corax. Mit insgesamt zehn Ra­­dio­­­­sendern ist Halle also unangefochten der Radio­­standort in Mittel­­deutsch­­land.
Außerdem hat die Landesregierung dort nicht nur die Medienanstalt von Sach­­sen-Anhalt, sondern mit dem Multi­­me­­diazentrum (MMZ) auch ein einzigartiges Förderprojekt für junge Start-up-Unter­­neh­­men der Medien- und Kreativ­­wirt­­schaft angesiedelt.

Die in Halle gebündelte öffentliche För­­­­derung des Clusters Kreativ­­wirt­­schaft, die Präsenz besonderer Insti­­tu­­tionen wie des MMZ, der Halle Academy oder der Gestal­­tungs­­hoch­­schule Burg Gie­­bich­­enstein; medienwirksame Veran­­stal­­­­tungen wie die Hän­­delfestspiele und das neue Filmmusik-Festival oder die Neu­­­­ansiedelung von Firmen im Soft­­ware- und Web-Design-Bereich schaffen ein Potenzial und Umfeld, das sich im na­­ti­­onalen wie internationalen Ver­­gleich sehen lassen kann.

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In dieser Vielfalt des Angebots liegt vielleicht auch ein Nachteil gegenüber anderen Medienstandorten, die mit einem einzigen Thema verbunden werden, wie Erfurt mit dem Kinderkanal. Halles Vielfalt war zwar in der Ver­­gan­­genheit nicht immer förderlich für das Profil, kann aber im Zeitalter der Di­­gi­­talisierung und Medienkonvergenz auch zum Standortvorteil werden. In demselben Maß, wie die Mediengrenzen verschwimmen und sich das klassische Radio dem Internet stellt, könnte die Radiostadt Halle zum Multi­­me­­dia­­stand­­ort werden, der über einen mehrjährigen Entwicklungsvorsprung ge­­gen­­­­über an­­de­­ren Orten verfügt.
Im Übrigen ist es der Stadt bereits ge­­lungen, das in Jahrzehnten gewachsene Selbstverständnis als Che­­mie­­ar­­bei­­ter­­stadt einzutauschen gegen ein neu­­es Image als Kulturstadt, was Halle zu ver­­gleichbaren Städten wie Weimar, Dres­­den oder Dessau aufrücken lässt und zunehmend attraktiver macht für kreative Eliten und Vertreter von Me­­dien­­berufen. Denn die Zukunft als Mul­­ti­­­­me­­diastandort wird entscheidend davon abhängen, ob Halle diese kreativen Eli­­ten längerfristig binden und ihnen ein adäquates Wohn- und Le­­bens­­­umfeld bieten kann.

Foto-BüroDer 1955 geborene Autor ist seit 2006 Hörfunkdirektor des MDR. Nach einem Studium der Germanistik, Geschichte und Ethnologie war er unter anderem Haupt­ab­tei­­lungs­­­leiter Fern­­­sehen im MDR Lan­des­funkhaus Thü­­rin­gen. Nach Stationen beim ZDF wurde er Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der Zeitung DIE WELT und übernahm dort ab 2000 die Posi­tion des stellvertretenden Chef­­redak­teurs.