Jörg Riebartsch: Leben bei den Heinern

Wie lockt man qualifizierte Arbeit­nehmer in eine Stadt, die im geogra­­fischen Schatten der hessischen Metro­­pole Frankfurt sowie nahe der Landes­haupt­städte Wiesbaden in Hessen und Mainz in Rheinland-Pfalz liegt? Soft Skills nennen Personalchefs das ergänzende Profil an sozialer Kompetenz, das neben der unabdingbaren Fach- und Sach­kom­pe­­tenz das Gesamtbild eines Bewerbers abrunden soll. Und Soft Skills muss deshalb auch ein Wirtschaftsstandort mitbringen, der wie Darmstadt als Lebensmittelpunkt für zuziehende Arbeitnehmer gelten will. Auch wenn das Standortmarketing der verschiedensten Institutionen in Darmstadt die Vorzüge der Wissenschaftsstadt nach außen nicht so recht darzustellen vermag, Darmstadt steckt voller Kunst, Kultur und Leben. Und profiliert sich damit als lebenswerter Ort mit hervorragender Verkehrsanbindung und zentraler Lage in Südhessen. Von Darmstadt aus erreicht man den Frankfurter Flughafen schneller als von manchem Frankfurter Stadtteil aus. Ein lebendiger Hauptbahnhof und Autobahnen in alle Himmelsrichtungen machen die Wege von und nach Darmstadt leicht und schnell befahrbar.

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Ob Staatstheater oder drittklassiger Profi­­fußball, ob Comedy oder Festspiele: Wenige Großstädte mit 140.000 Ein­wohnern bieten so zahlreiche kulturelle Veranstaltungen wie die ungezählten Initiativen in Darmstadt, einer Stadt, die sich früher sogar das Etikett „Stadt der Künste“ anheftete. Zum Kulturbegriff zählen allerdings nicht nur Angebote hochgeis­­tiger musikalischer Aufführungen oder pädagogisch geschickt aufgebauter Museen. Sich unbehelligt außerhalb künst­­lich beleuchteter Büros in freier Natur bewegen zu können ist aus einer lebendigen Stadt nicht wegzudenken. Hier hat Darmstadt mit einem vielfältigen Sport­­­vereinsleben, Parks und einer waldreichen Umgebung eine sehr dicke Portion Lebens­­qualität zu bieten. Und wer es etwas hügeliger braucht, findet unmittelbar hinter Darmstadt beginnend die Kultur­­landschaft Odenwald.

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Besonderes zu bieten, das hat in Darmstadt Tradition. Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein rief bereits 1899 die Künstlerkolonie ins Leben. Rund um die Mathildenhöhe sollte eine Verbindung aus Kunst und Handwerk eine wirtschaftliche Belebung des Landes des Großherzogs bewirken. Ernst Ludwigs Leitspruch: „Mein Hessen­­land blühe und in ihm die Kunst.“ Der Großherzog rief etliche Jugendstil­künstler, darunter Joseph Maria Olbrich, nach Darmstadt. Sie sollten neuzeitliche Bau- und Wohnformen ent­­wickeln, die stil- und zukunftsweisend zu­­gleich sein sollten. In einem Gesamt­ensemble ist das Wirken der Jugend­stilkünstler heute auf der Mathildenhöhe sehr gut nachzuspüren. Die Mathildenhöhe ist mit 180 Metern nicht nur die höchste Erhebung Darmstadts, sie ist zudem das Fundament eines archi­­tektonischen Wahrzeichens, nämlich des Hochzeitsturms. Olbrich gestaltete den Backsteinturm im Auftrag der Stadt Darmstadt. 1908 war das Bau­­werk fertig. Markant an diesem Turm sind fünf Dach­­bögen, die an die Finger einer ausgestreckten Hand erinnern. Der Volksmund nennt den Hochzeitsturm deshalb auch Fünffingerturm. Und an wessen Hoch­zeit sollte mit dem Bau­­werk erinnert werden? Jene des Groß­­herzogs Ernst Ludwig mit Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich.
Die Darmstädter erfreuen sich aber nicht nur an ihrem Zentrum des Jugend­­stils, sie hauen auch gern in Blickweite von dort auf den Putz. Einmal im Jahr feiern die Heiner, so werden die Darm­­städter genannt, ihr Fest, also ihr Heiner­­fest. Mitten im Sommer und mitten in der Innenstadt. Den Heinern ist ihr Fest sogar so wichtig, dass sie dafür ihre wichtigste zentrumsnahe Haupt­verkehrs­straße sperren und einen großen Platz nicht bebauen – weil einmal im Jahr gefeiert wird. Das nennt man wohl zu Recht Heimatliebe.

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Und dass sich auch die Fußballfans des Traditionsvereins SV Darmstadt 98, nur kurz „Lilien“ genannt, ihrer Her­­kunft besinnen, wird zuweilen am Fangesang im Stadion am Böllenfalltor hörbar: „Wir sind Heiner – uns schlägt keiner“, schallt es oft von dort aus tausenden Kehlen.

Wegen der Vielfalt der Kultur in Breite und Tiefe wird es Neuankömmlingen in der Wissenschaftsstadt Darmstadt leicht­­fallen, das lebendige Angebot der lebens­­frohen Stadt zu entdecken. Eines ist sicher: Es lohnt sich, das Leben bei den Heinern.

Riebartsch_Darmstädter-Echo_ret_4cDer Autor ist aufgewachsen im Rhein-Main-Gebiet und Darmstadt. Er studierte Politik, Neuere Geschichte und Volks­wirt­­schaft. Er volontierte bei der Offenbacher Post und war bei der Frankfurter Neuen Presse als freier Mitarbeiter tätig. Ab 1990 war er Chef vom Dienst beim Darmstädter Echo. Seit 2005 ist Jörg Riebartsch Chef­­redakteur und Prokurist der ECHO-Zei­­tungen im Medienhaus Südhessen