Jochen Partsch – Die Vision einer ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigen Stadt

In den Städten werden die Zukunfts­pro­jekte für Gesellschaft und Wirtschaft diskutiert, entworfen und erprobt. In den Städten muss der Kampf gegen den Klimawandel gewonnen werden. In den Städten suchen Menschen Mobilität, Existenzchancen und Aufstiegsmöglichkeiten. Unsere Städte müssen sich besonderen Herausforde­rungen stellen. Die Zeiten, in denen Öko­­logie, Ökonomie und soziale Chancen­gleich­­heit als konkurrierende Ziele betrachtet wurden, sind vorbei. Von Nachhaltig­­keit in allen relevanten Handlungsfeldern spricht heute jeder und Begriffe wie „green build­ing“, „green IT“ oder „green technology“ sprechen für sich. Selbst in den Finanz­zen­­tren ist das Thema angekommen, das beweisen Börsenindizes wie der Dow Jones Sustainability Index.

Solaranlage-kopieren Bauprojekte-Da-Juli2006-003-Kopie Barrierefreiheit_1-Kopie Bahn_und_Rad-Kopie

Auch in einer zunehmend virtuellen Welt findet Wirtschaft nicht im virtuellen Raum statt. Sie wird von Menschen gemacht, die in einer realen Stadt leben und arbeiten. Sie haben dort ihr Zuhause, ihre Familien, ihre Freunde und Bekannten. Ich bin davon überzeugt, dass urbane Modernität mit dem Leitbild einer „green city“ eine neue Dynamik und Realität gewinnt. Die „green city Darmstadt“ ist für mich ein lebenswertes Darmstadt in einer lebenswerten Region Rhein-Main-Neckar. Diese Stadt wird aber nicht alleine von den hier lebenden Menschen geprägt. Ebenso muss sie  auch eine Stadt sein, in der Unter­­neh­men und Einrichtungen – die institu­tion­ellen Bürger der Stadt – sich gerne ansiedeln und zu Hause sind. 2011 bin ich als Oberbürgermeister an der Spitze eines neuen Magistrats und einer neuen Koalition angetreten, um dafür zu arbeiten. Versetzen wir uns also in unser Darmstadt im Jahr 2025 und lassen Sie mich darstellen, wie die Vision der „green city“ auf verschiedenen Feldern Wirklichkeit wird.

 

Wirtschaft. Darmstädter Unternehmen wirtschaften nachhaltig – auch aufgrund der guten logistischen Anbindung und der Versorgung aus regenerativen Energien. Die Wertschöpfung der Zukunft ist kreativ, divers, innovativ und nachhaltig. Unsere wirtschaftlichen Entwicklungscluster der Gegenwart, Chemie/Pharma/Biotech, IUK-­­Technologien, Haarkosmetik, Maschinen­­bau/­­­Elektrotechnik/Mechatronik sowie Weltraum- und Satellitentechnologie, haben wir im Jahr 2025 mit einem neuen Ent­wick­lungscluster Nachhaltig­keit ergänzt und verbunden. Hier sind neue Unter­nehmen entstanden, die mit „green techno­­logy“ erfolgreich sind. Darmstädter Unter­­nehmen haben in ihren jeweiligen Märkten führende Posi­­tionen eingenommen, da sie wissensbasiert arbeiten, auf exzellente Fach­leute zurückgreifen können und in einer optimalen Kooper­ation mit Stadt und Region unterstützt werden.

 

 

Wissenschaft. Darmstädter Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen sind an der Spitze in Forschung und Entwick­­lung bei „green technology“ und „green cities“. Neue Fachbereiche setzen weltweit Trends. Historisches Beispiel ist die weltweit erste Fakultät für Elektrotechnik, gegründet 1883. Hier werden heute schon Forschung und Entwicklung für die effektive Erzeugung und Nutzung elektrischer Energie vorangetrieben. Neben den naturwissenschaftlichen und technischen Fakultäten hat die Wissen­schaftsstadt Darmstadt an allen drei Hochschulen Fachbereiche für Gesell­schafts- und Sozialwissenschaften. Über 30 wissenschaftliche Institute, darunter bedeutende Fraunhofer- und Helmholtz- Standorte, das Öko-Institut und das Institut Wohnen und Umwelt, haben sich mit ihren jeweiligen Kompetenzen in der Entwicklung der „green city“ engagiert und bilden das Netzwerk „green thinking“.
Partsch_neuDer Autor (Jahrgang 1962) hat Sozial­­wissenschaften an der Georg-August-Uni­versität in Göttingen studiert. Von 2006 bis 2011 war er hauptamtlicher Stadtrat der Wissenschaftsstadt Darmstadt sowie Dezernent für Soziales, Jugend, Wohnen, Arbeitsmarktpolitik, Frauenpolitik und interkulturelle Angelegenheiten. Jochen Partsch ist seit dem 25. Juni 2011 Ober­bürgermeister der Wissenschaftsstadt Darmstadt.

Energie. Unabhängig von großen Kon­zernen wird Energie durch den Energie­ver­sorger HSE, der mehrheitlich in städtischer Hand ist, ohne Atomstrom, mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien erzeugt. Die HSE-Vertriebstochter Entega ist schon heute einer der bedeutendsten Ökostrom-Lieferanten Deutschlands. Lange vor der Entscheidung des Bundes­­tages zum Atomausstieg haben wir in Darmstadt die Blaupause für die Energie­­wende entwickelt. Im Jahre 2025 wird nicht nur die Stadtverwaltung, wie das heute schon der Fall ist, sondern der Großteil der Haushalte und Unternehmen erneuerbare Energie nutzen.

Gebäude. Der durchschnittliche Energie­­verbrauch pro Quadratmeter für Heizung und Kühlung von Darmstädter Gewerbe- und Wohngebäuden wird deutlich unter dem Bundesdurchschnitt und nah am Niedrigenergiehaus-Standard liegen. Bestehende Gebäude, auch Bürogebäude, wurden energetisch modernisiert und Neu­­bauten nach optimalen energetischen Standards errichtet. Die Vorreiterrolle Darmstadts im „green planning“ und „green building“ ist in den Architektur­studien­gängen erfahrbar, wird in den Planungs­­büros konkretisiert und ist an den Ge­­bäuden in der Stadt sichtbar.

 

 

 

 

Mobilität. Darmstadt ist 2025 eine Stadt der kurzen Wege, in der Mobilität intelligent organisiert ist, auch für Menschen, die von außerhalb in die Stadt kommen. Energieeffiziente Verkehrsmittel werden von der Bevölkerung angenommen, weil sie bedarfsgerecht, bequem und preiswert organisiert sind. Busse, Straßenbahnen und Regionalbahnen schaffen attraktive Verbindungen innerhalb und außerhalb der Stadt. Leihräder und Carsharing sind selbstverständlich. Darmstadt hat sich von der Modellregion für Elektromobilität zur Vorbildregion für ökologische Mobi­li­tät entwickelt. Im Mobilitätsmix der Stadt haben alle Verkehrsteilnehmer einen an­­­ge­­­messenen Platz – Darmstadt ist ein positives Beispiel für „green mobility“.

 

05_Altes_Rathaus___Markt__AfWS__Alex_Deppert_-Kopie

 

 

Logistik. Auf dem Feld der „green logis­tics“ ist Darmstadt eine der letzten Städte mit einem Güterbahnhof in unmittel­­­barer Nähe zu den Gewerbegebieten. Für den Güterumschlag hat er 2025 eine gestärkte zentrale Funktion. Zusammen mit dem 20 Kilometer entfernten Con­tainer-Terminal am Rheinhafen Gernsheim haben wir über die Seehäfen Rotterdam und Antwerpen globale Gütertransport-Verbin­­dungen. Für den Handel mit Ost­europa existiert über den Rhein-Main-Donau-Kanal eine Verbindung bis zum Schwarzen Meer.

 

 

 

 

Soziale Nachhaltigkeit. „Wir in Darm­stadt – wir für Darmstadt“ – gleich welche Staatsangehörigkeit, welches Alter oder welches Lebensmodell. Dieses Gefühl hat sich bei der Mehrheit der Menschen, die in Darmstadt leben, lernen und arbeiten, verinnerlicht. Denn die Stadt macht nicht alles, aber alle machen die Stadt! Früh­­zeitige Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern sowie weiteren institutionellen Akteuren bei wichtigen Projekten hat die Menschen in Darmstadt darin bestärkt, mit zu entscheiden und damit die Ent­wick­lung der Stadt mit zu gestalten. Zum Beispiel bei einem Bürgerhaushalt, bei Infrastrukturentscheidungen oder Maß­­nahmen zur Kinderbetreuung. Darmstädte­­rinnen und Darmstädter übernehmen Verantwortung für ihre Stadt, sie mischen sich ein und werden gehört, auch jenseits von Wahlterminen.

 

 

Erholungsräume. Eines der traditionellen Etiketten Darmstadts, „die Stadt im Walde“, ist auch 2025 nach wie vor gültig. Die Stadt ist umgeben von ökologisch gesunden Wäldern, Wiesen und Feldern. Von jedem Teil Darmstadts können Sie in maximal 45 Minuten zu Fuß einen Wald erreichen. Die Aktiven aus Deutschlands erstem Lauftreff an der Lichtwiese genießen regelmäßig das Laufen in der Natur. Darmstadt ist also auch aus der Vogel­per­­spektive eine „green city“.

Espresso0022

 

 

Dies alles ist nicht nur Zukunftsmusik, wie ein Blick auf bisher Erreichtes zeigt. Nachhaltigkeit ist in Darmstadt seit langem zu Hause. Zahlreiche Initiativen, Aktivitäten und Institutionen wurden hier gegründet. Sie zeigen, dass wir bereits auf einem guten Weg zur „green city“ Darmstadt sind. 1971 wurde das Institut für Wohnen und Umwelt gegründet, im Jahr 1980 folgte die Gründung der Öko-­Institut-Niederlassung Darmstadt. Deut­­­­sch­­­lands erstes Passivhaus wurde 1991 in Darmstadt-Kranichstein bezogen und 1996 das Passivhaus-Institut ins Leben gerufen. Im gleichen Jahr entstand hier Deutschlands erster Lehrstuhl für regen­­­e­r­­ative Energien. Das Agenda21-Büro der Wissenschaftsstadt Darmstadt öffnete 1998. Die HSE-Tochter NATURpur Energie AG ging 1999 an den Start und zur För­­derung des gemeinnützigen bürgerschaft­­lichen Engagements wurde die HSE Stif­­tung ins Leben gerufen. Im Jahr 2005 fuhr Deutschlands erste Ökostrom-Straßen­­bahn in Darmstadt. Seit 2010 beziehen wir den gesamten ÖPNV-Strombedarf aus klimaneutralem Ökostrom. Die Stadt stellt seitdem ein kostenfreies Solarpotenzial­kataster im Internet zur Verfügung. Damit kann flächendeckend für jedes Gebäude die Eignung zur Solarenergiegewinnung dargestellt werden. Bereits 2012 wurde von der HSE eine Gasturbinenanlage mit einer Leistung von 100 Megawatt in Be­­trieb genommen, um die Schwan­­kungen von regenerativen Energien aus­zu­glei­chen. Zurzeit hat die HSE elf Wind­­parks, vier Solar­­parks, über 120 Foto­­voltaik­­anlagen, vier Biogasanlagen und ein Biomasse­heizkraftwerk in Bau oder Betrieb. Bis 2015 wird die HSE AG über eine Milliarde Euro in erneuerbare Ener­­gien investiert haben.

 

 

Wir können in Darmstadt auf vielen starken Fundamenten unsere „green city“ aufbauen. Gemeinsam mit Bürgerschaft, Wirt­­schaft und Wissenschaft werden wir die Vision der „green city Darmstadt“ verwirklichen.