Jochen Brüggen & Dr. Carsten Mahn: Gut vernetzt – foodRegio, das erfolgreiche Cluster der Ernährungswirtschaft

Nordseekrabben, Katenschinken und Lü­­­­be­­­cker Marzipan sowie rote Grütze sind nur einige Spezialitäten aus Schles­wig-Hol­­stein, die in den Super­markt­re­galen al­­ler Welt ihre Liebhaber fin­­den.

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Die Er­­näh­­­­rungswirtschaft ist gut aufgestellt im nördlichsten Bun­des­­land. Beständig wie die gleichbleibend hohe Qualität ih­­rer bekannten Mar­ken, zum Beispiel Camp­­­­bell’s, Hawes­­­ta oder Langnese Honig, ist sie we­­ni­­ger an­­fäl­­lig für Kon­junktur­schwan­­kun­­gen als andere Branchen. Sogar noch zulegen konnte sie im Jahr 2008: So er­­höhte sich der Umsatz im Vergleich zum Vor­­jahr um zehn Prozent, ebenso stieg die Anzahl der Mitarbeiter in den le­­bens­­mit­­telverarbeitenden Betrieben um 2,3 Pro­­zent auf nahezu 16.000 Beschäftigte. Damit liegt die Branche über dem Bun­­desdurchschnitt und zählt zu den wich­­tigsten Wirtschafts­zweigen im Land. Aber auch die speziali­­sierten Dienstleister und Zulie­fe­rer wie zum Beispiel der Son­der­­ma­­schi­­nen­bau für die Lebens­mit­tel­in­dus­­­­trie, die Verpackungsindustrie und die Lo­­gis­­tik­­unternehmen zählen zur her­­vor­­ragend vernetzten Branchen­infra­struk­­­tur und tragen zu den positiven Zahlen bei. Ohne Innovations­po­ten­zia­­le jedoch kein Fortschritt. So legen For­­schung und Entwicklung die Grund­­lage für den Er­­folg.
Die Hochschul- und For­schungs­ins­­ti­tu­tio­­­nen sorgen mit ihrem „heißen Draht“ zu den Lebensmittelproduzenten dafür, dass der Begriff „Forschung im Elfen­beinturm“ ein Fremdwort bleibt und die Unter­neh­men bei den Themen Pro­­dukt­entwick­lung und Innovationen auf technisches Equip­­ment und kompeten­­te Beratung zählen kön­­nen. Alles in al­­lem sind die Wege kurz in Nord­­deutsch­­­­land. Der flüssige Trans­fer von Material, Dienst­­leistungen, Infor­ma­tio­­nen und Know-how ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, der die Leistung der Bran­che entscheidend mitbestimmt.

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Ernährungsnetzwerk foodRegio
Anspruchsvollere Konsumenten, sich wan­­­­delnde Funktionen von Lebensmitteln, Kon­­­­­­zentrationsprozesse im Handel und kürzere Produktlebenszyklen sind nur einige von vielen Herausforderungen, mit denen sich die Ernährungsindustrie kon­­­­frontiert sieht. Jeder Unternehmer kann dem seine persönliche Strategie entge­­gensetzen, bewährt hat sich jedoch eine andere Taktik:

„Networking“ lautet das Zauberwort und ist die Devise, die sich inzwischen ein Groß­­teil der hier ansässigen Unter­neh­men der weit verzweigten Branche auf die Fahnen geschrieben hat. Aktive Netz­­werkarbeit zwischen allen Beteiligten in­­nerhalb der Supply-Chain, zahlt sich aus. Netzwerkarbeit un­­ter­stützt zu­dem das Wachstum und die Wett­­be­werbs­fä­hig­­keit und hebt bislang un­­genutz­­te Pro­duk­ti­vi­tätspotenziale.

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foodRegio, das Netzwerk der Lebens­mit­­­tel­­wirtschaft im norddeutschen Raum mit Ursprung in Lübeck, gilt als positives Ex­­empel für ein aktives Cluster der Er­­näh­­rungswirtschaft in Deutschland. So sieht es auch das Ministerium für Wis­­­sen­schaft, Wirtschaft und Verkehr und fördert das Cluster an Norddeutsch­lands größtem Standort für die Er­­näh­­rungs­­industrie zu­­nächst bis ins Jahr 2011. Durch die Un­­ter­­nehmerfamilien Brüg­gen und Junge im Jahr 2006 aus der Taufe gehoben, zählt das Netzwerk derzeit 28 Mitglieder. Zum größten Teil sind dies namhafte Her­­­­steller von Lebens­­mittelprodukten, aber auch Maschinen- und Anlagenbauer so­­wie For­­schungs- und Hoch­schul­ein­rich­tun­­gen haben sich angeschlossen. In neun Ar­­beits­­gruppen, mit rund 150 Mit­ar­bei­tern aus den Mit­­­­gliedsunternehmen, wird die über­be­trieb­­­­­liche Kooperation gelebt und aktiv ge­­staltet. Ein besonderes Au­­gen­­­merk gilt hierbei dem Bereich „Pro­­zess­­­in­no­va­tio­­­­nen“. Ein weites Feld, das alle Betei­lig­ten betrifft und ein Garant für die Zu­­kunfts­fähigkeit eines Unter­neh­­mens ist. In den Zusammen­­künften konzentrieren die Akteure sich praxis­­nah auf konkret umsetzbare Projekte, deren Er­­gebnisse unmittelbar ablesbar sind.
Un­­ter anderem können die Arbeitsgrup­pen in Zusammenarbeit mit den For­schungs- und Hochschuleinrichtungen schon Mehr­­werte in den Bereichen Lo­­gistik, Aus­­bildung und Qualifizierung so­­wie Pro­­duktionsoptimierung verzeichnen.

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Projekte mit Mehrwert
Messbare Erfolge für die Unternehmen innerhalb eines überschaubaren Zeit­­rau­­mes bieten den Mitwirkenden Mehr­wer­­­­te, mit denen sich rechnen lässt. Zum Bei­­spiel beim Thema Energie­manage­ment: Über einen Zeitraum von einem halben Jahr untersuchte die Fach­hoch­­­schule Lü­­beck die Energieflüsse in sechs Mit­glieds­­unternehmen. Die Ergebnisse wurden in einer Abschlussanalyse vorgestellt. Ener­­gieeinsparpotenziale bei allen Un­­ter­neh­­men wurden insbesondere im Bereich der Druck­luft­opti­mie­rung und Ab­­wär­­me­­umnutzung registriert. Ebenfalls er­­folg­­reich, und damit kostensenkend, verlief das mit der Fach­­­­hochschule Lübeck re­­alisierte Projekt einer gemeinsamen Dis­­tributions­lo­­gis­­­tik. Die Fachleute der Hoch­­schule er­­mit­­telten zunächst das Po­­ten­­zial für ei­­ne gemeinsame Logistik in der Dis­­tri­bu­­tion der foodRegio-Unternehmen und führten im nächsten Schritt die Lo­­gistik zusammen. Mit der Um­­­­set­­zung der Analyse­er­­­­gebnisse konn­­­­ten Einsparungen in ei­­nem Be­­reich von bis zu zehn Prozent der ur­­sprüng­­­­­­lichen Kosten erzielt wer­­den.
In die Zukunft investieren
Ein nicht zu unterschätzender Faktor, der ebenfalls zum Bereich Prozess­in­no­­va­tion zählt, ist die auf Nachhaltigkeit ausgerich­­tete Investition in gut ausgebildete Mit­ar­­beiter. So konnten unter an­­derem speziell auf die Bedürfnisse der Ernäh­rungs­in­­dus­­trie zugeschnittene Qua­­lifizierungs­maß­­nah­­men für Pro­duk­­­tionsmitarbeiter im Verbund mit der IHK entwickelt werden. Eigens für die „Youngster“ und Schulab­gän­­ger wurde ein Kinospot produziert, der, flankiert von Schulbesuchen, dem Ein­­satz von Azubimüsliriegeln, Plakaten und Take-away-Cards auf die vielfältigen Aus­bil­dungsberufe in der Ernährungs­wirt­­­schaft aufmerksam macht. Als ein he­­raus­­ragen­­des Ergebnis der aktiven Netz­werk­­arbeit kann die Einrichtung eines neuen Stu­dien­­gangs an der Fachhochschule Lü­­­­beck gel­­ten. Neu geschaffen wurde der „Bach­­elor of Food Processing“, der die fach­­lichen Komponenten des Wirtschafts- und Ma­­schinenbauingenieurwesen mit der Le­­bens­­­­mitteltechnologie vereint. Der Stu­­dien­­gang kann dual absolviert werden, das heißt während einer laufenden Aus­bil­dung, zum Beispiel zur Fachkraft für Lebens­mit­­tel­technik, oder aber nach er­­folg­­rei­chem Berufsabschluss in der Le­­bens­­mit­­tel­in­dustrie. Die Inhalte des Cur­­ri­­culums wurden maßgeblich ge­­stal­­­tet durch den food­­Regio-Arbeitskreis „Per­­sonal­ent­­wick­­lung“, der die Be­­dürf­­nisse der Un­­ter­­neh­­men in die Fach­­hoch­­schule transportierte.

JochenBrüggenDer 1963 geborene Autor absolvierte ein Wirt­schafts­­ingenieursstudium an der TU Berlin. Wäh­­rend des Studiums be­­gleitete er als ver­­antwortlicher Pro­­jekt­manager den Auf­­bau eines Cere­a­­lien­werkes in Lübeck. Seit 1994 ist er Prokurist in der H. & J. Brüggen KG, der er seit 1998 als persön­­lich haftender Gesellschafter vorsteht. Jo­­chen Brüggen ist Vor­stands­­­­vorsitzender des food­Regio e.V..

 

DrMahn_modSeine Laufbahn begann der 1947 geborene Autor mit einem Stu­­dium der Land­­wirt­schaft und Ernährungs­wis­­senschaft. Nach der Promotion leitete er die Ab­­tei­­lung für Produkt­ent­wick­lung und Qual­i­täts­siche­rung eines Tiefkühl­kost­her­­stell­ers in Bremerhaven. Als tech­­ni­scher Lei­­­ter wech­­selte er 1978 zur Firma J.G. Nie­­der­egger in Lübeck, der er heute als Be­­­­triebs­leiter vorsteht. Dr. Mahn ist stell­ver­tretender Vorsitzender des food­Regio e.V..