Stefan Becker

Der Autor ist seit 2010 Vorsitzender der Freunde des Sprengel Museum Hannover e.V. Im Hauptberuf verantwortet der studierte Philosoph und Kunst­historiker die Öffentlichkeitsarbeit eines regionalen Kreditinstitutes.



Kunstimpulse für den Norden – Ein Museum der besonderen Art







Als der Unternehmer Bernhard Sprengel und seine Frau Margrit im Jahr 1969 ihre exquisite Kunstsammlung der Stadt Hannover schenkten, hätte es wohl kaum jemand für möglich gehalten, dass daraus in nur drei Jahrzehnten eines der führenden deutschen Kunstmuseen hervorgehen würde. Die Schenkung war verbunden mit der Auflage, ein Museum zu errichten. 1979 wurde am östlichen Ufer des Maschsees der erste Bauab­schnitt des Sprengel Museums Hannover eröffnet. 1992 folgte die Erweiterung des Museums. Neben der Sammlung Sprengel bewahrt das Haus Werke aus dem Eigentum der Stadt Hannover und des Landes Niedersachsen, die nach 1900 entstanden sind. Sie gehörten bis dahin in die benachbarte Samm­lung des Niedersächsischen Landes­museums Hannover.

 



Heute bietet sich dem Besucher ein eindrucksvoller Parcours durch die Kunst­entwicklung vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wer den Geist des Aufbruchs in die Moderne spüren will, dem sei ein Besuch in einem der Schlüssel­kabinette des Museums emp­fohlen. Pablo Picassos frühes kubistisches Gemälde „Trois femmes, version rythmée“ von 1908  ist dort Umberto Boccionis 1911 entstandenem Bild „La strada entra nella casa“ gegenübergestellt. Zwei Werke, die mit aller Macht und Radikalität mit der Tradition abrechnen und den Weg für neue Richtungen öffnen.

 

Diesen Richtungen und neuen Möglich­keiten lässt sich im Sprengel Museum Hannover ausführlich nachgehen. Schwer­punkte des Bestandes bilden große Werkgruppen von Max Ernst, Fernand Léger, Paul Klee und Pablo Picasso sowie Max Beckmann, Emil Nolde und Kurt Schwitters. Hinzu kommen Werke der Künstlergruppen „Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“. Die Klassiker der Moderne werden ergänzt um wesentliche Posi­tionen der Kunst nach 1945, darunter Andy Warhol, Alexander Calder, Gerhard Richter und Sigmar Polke. Eine Beson­derheit in der Sammlung des Museums sind Künstlerräume. Die Rekonstruktion des „Abstrakten Kabinetts“ von El Lissitzky ist hier zu sehen, die Rekon­struktion von Kurt Schwitters’ „MERZbau“, „Lichträume“ von James Turrell und Daniel Spoerris „Gekippter Raum“.




Pablo Picasso, Trois femmes, version rythmée
(Drei Frauen, rhythmisierte Version), 1908

Seit 1993 baut das Museum das Samm­lungs- und Ausstellungssegment Foto­grafie und Medien systematisch aus. Ausstellungen zu den Werken unter anderem von El Lissitzky, Gisèle Freund, Thomas Ruff, Stephen Shore, Boris Mikhailov, Heinrich Riebesehl oder Heidi Specker haben das Sprengel Museum Hannover auch international als muse­ales Zentrum künstlerischer Fotografie bekannt gemacht. Dieses Konzept einer Integration der Fotografie in das Pro­gramm der klassischen bildenden Künste zeichnet die Arbeit des Sprengel Museums Hannover aus und hat zur internationalen Profilbildung des Hauses wesentlich beigetragen.

 

Seit 1994 ist das Archiv von Kurt Schwitters, dem großen Dadaisten, im Sprengel Museum Hannover unter­ge­­bracht. Hier wird das umfangreiche Gesamtwerk des hannoveraner Künstlers erforscht und dokumentiert und in international gefragten Ausstellungen zugänglich gemacht.

 

Mit einer großen Schenkung von über 400 Werke aus verschiedenen Epochen gab die französische Künstlerin und Ehrenbürgerin der Stadt Hannover, Niki de Saint Phalle, dem Sprengel Museum Hannover im Jahr 2000 einen weiteren Sammlungsschwerpunkt.

 




© Michael Herling


Neben dem großen und herausragenden Sammlungsbestand sind die Ausstel­lungen für die Museumsentwicklung von entscheidender Bedeutung. Das Sprengel Museum Hannover hat in der Kunst­landschaft des Nordens mit viel beachteten Ausstellungen immer wieder Impulse gegeben und Besucher aus ganz Deutschland und dem europä­ischen Ausland nach Hannover gezogen. Dazu zählen die großen Kooperations­projekte „Klee im Norden“ im Jahr 2003/2004 und „Made in Germany“ 2007 sowie im Jahr 2009 die Aus­stellung „Marc, Macke und Delaunay“, die mit mehr als 250.000 Besuchern alle Erwartungen übertroffen und be­­wiesen hat, dass das Museum nicht nur qualitativ hochwertige Ausstellungs­konzepte realisieren kann, sondern auch die erforderlichen Vermarktungs- und Kommunikationsinstrumente einsetzt und Sponsoringpartnerschaften eingeht, ohne die solche großen Aus­stellungsprojekte nicht erfolgreich umgesetzt werden können.

 

Die Erfolgsgeschichte des Sprengel Museums Hannover wird mit der Museumserweiterung fortgesetzt. Nach den Entwürfen des Schweizer Archi­tekten Marcel Meili wird ein Anbau realisiert, der rund 1.400 Quadratmeter zusätzlicher Ausstellungsfläche bietet sowie Spezialdepots und einen großzügigen Veranstaltungsraum, der für Empfänge und Galadiners auch unabhängig von den Öffnungszeiten des Museums genutzt werden kann. Mit dem Erweiterungsbau werden die Samm­lungsschwerpunkte Klassiker der Mo­­derne, Kurt Schwitters, Niki de Saint Phalle und die fotografischen Posi­tionen konsequenter gezeigt werden können. Darüber hinaus bestehen zusätzlich zahlreiche Möglichkeiten, aus den mehr als 50.000 Werken im Depot des Mu­­seums, die bisher nicht gezeigt werden konnten, besondere Schätze endlich einer breiten Öffent­lichkeit zugängig machen zu können.

 




© Aline Gwose

Die Freunde des Sprengel Museum Hannover e.V. unterstützen die Muse­ums­entwicklung aktiv durch Ankäufe von Kunstwerken und Öffent­lichkeitsarbeit für eines der wichtigsten deutschen Museen der Kunst des 20. und 21. Jahr­hunderts. Mit der Fundraisingkampagne „Mehr Museum“ setzen sich Museums­freunde außerdem aktiv für die Museums­erweiterung ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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